Der neue Hochschulrektor Wolfgang Ernst hat alle Hände voll zu tun. Foto: factum/Weise

So hatte sich Wolfang Ernst seinen Start als neuer Rektor der Verwaltungs- und Finanzhochschule in Ludwigsburg nicht vorgestellt: ein zerstrittenes Kollegium und die Staatsanwälte im Haus.

Ludwigsburg - Wolfgang Ernst wusste, worauf er sich einlässt. Seit Langem ist die Hochschule für Verwaltung und Finanzen in den Schlagzeilen. Ein Machtkampf zwischen den Professoren und der früheren Rektorin Claudia Stöckle, die gegen ihre Entlassung vor Gericht gezogen ist, lieferte sie. Dazu kommen staatsanwaltliche Ermittlungen wegen überhöhter Zulagen. Kurz: auf der Brücke des Hochschulschiffs brennt es. Aber nicht mit allem hat Ernst gerechnet, seit er im Mai das Amt angetreten hat. „Dass die Altlasten der Vergangenheit sich noch so lange hinziehen, das hätte ich nicht gedacht“, sagt der 55-Jährige.

Schon nach wenigen Wochen rückte die Staatsanwaltschaft mit einem 20-köpfigen Ermittlungsteam an und durchsuchte die Büros von einer Gruppe von Professoren. Es geht um deren Höherstufung in die C-Besoldungsstufe im Jahr 2011 – ohne ausreichende Begründung, wie die Ermittler vermuten. Sie werten Absprachen mit dem damaligen Rektor als Untreue und haben nach langer Prüfung ein Verfahren eingeleitet.

Die Durchsuchung zog sich über mehrere Wochen hin, die Räume blieben über lange Zeit versiegelt. „Das führt natürlich zur Stigmatisierung der Kollegen“, räumt der neue Rektor ein. Zumal auch deren Privatwohnungen ins Visier genommen wurden. Zwar hat Wolfgang Ernst an das Kollegium appelliert, dass für alle die Unschuldsvermutung gelte, aber der Vorgang belastet das Betriebsklima. Zumal es bis zu zweieinhalb Jahre dauern könnte, bis ein Gericht ein Urteil fällt.

Wolfgang Ernst will, dass das Verfahren schnell abgeschlossen ist

Erst dann könnte es bei einer Verurteilung disziplinarische Konsequenzen für die Professoren geben. Inhaltlich bewerten will Ernst die Umgruppierung der Professoren kurz vor Abtritt des alten Rektors Walter Maier nicht: „Dazu kann ich nichts sagen.“ Sein Ziel sei es, dass das Thema möglichst schnell abgeschlossen wird.

„Ein normales Arbeiten ist unter diesen Bedingungen natürlich schwierig“, sagt Ernst, der aus Braunschweig stammt, in Karlsruhe studiert hat und nach langer Zeit in der freien Wirtschaft elf Jahre lang die Außenstelle Künzelsau der Hochschule Heilbronn geleitet hat. Seine Dissertation hat der Wirtschaftsingenieur über Arbeitsorganisation und den richtigen Einsatz der Mitarbeiter mit ihren Qualifikationen gemacht – und diese dann am Computer simuliert.

Eine solche Simulation menschlichen Verhaltens könnte der Vater zweier erwachsener Kinder im neuen Job gut gebrauchen. Denn die Herausforderung besteht darin, ein zerstrittenes Kollegium wieder zu einen. Der Machtkampf wurde nämlich, wie Insider berichten, auf zwei Ebenen ausgetragen: einmal innerhalb der Hochschulleitung. Aber zweitens war der Konflikt auch ein Kampf zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb der Hochschule. Auf der einen Seite die konservative, auf eine klassische Lehre setzende Finanzfraktion, die von „Klassenräumen“ spricht.

Auf der anderen Seite die Verwaltungswirte, die mehr Forschung, übergreifende Projekte und Auslandsreisen verankert sehen wollen. Die Auseinandersetzungen sollen erbittert geführt worden und bis ins Private hinein gegangen sein, wie Mitglieder des Kollegiums berichten. Zudem gibt es auch einen Generationenkonflikt von jungen Professoren, die schnell aufstiegen sind, und von Altgedienten, die sich mühsam jahrelang nach oben gearbeitet haben, wie es heißt.

Wie der neue Rektor auf neues Personal setzt

Wolfgang Ernst will das im Detail nicht kommentieren, sagt aber: „Natürlich braucht es Zeit, bis man nach zwei Jahren voller Konflikte wieder normal miteinander arbeiten kann.“ Gut 80 Prozent seiner Arbeitszeit verwende er für Gespräche, mit der Hälfte der 80 Professoren habe er schon geredet.Zudem wurde das Leitungsteam der beiden Fakultäten komplett ausgetauscht.Die Dekanin Claudia Schneider kandidierte nicht wieder, der andere Dekan Jürgen Hottmann ging in den Ruhestand. Beiden waren in die Streitigkeiten mit der Hochschulleitung involviert.

Ob auch die beiden Prorektoren wechseln, steht noch nicht fest, Ernst will sein neues Führungsteam in Ruhe aussuchen. Die Prorektorin Margarete Berndt soll auch zu den Empfängern der umstrittenen Zulagen gehören. Die Kanzlerin Ingrid Dunkel ist noch bis 2018 gewählt.

Im Kampf zwischen Lehre und Forschung setzt Wolfgang Ernst nun einen klaren Schwerpunkt. Diplomatisch setzt er auf sein Modell einer „forschungsbasierten Lehrhochschule“. Auf Nachfrage räumt der Hochschulchef aber ein, dass er in Sachen Forschung und Weiterbildung noch „großes Potenzial“ sieht, sprich, dass er die Forschungsfraktion stärken will. Allerdings nicht zu Lasten der Lehre – dazu hätte Ernst vom Wissenschaftsministerium gerne mehr Geld. Sein Kredo: „Die finanzielle Ausstattung an unserer Hochschule ist unterdurchschnittlich.“ In Stuttgart wolle man darüber „zumindest gut nachdenken“, das Signal habe er erhalten.

Ernst will die Hochschule als Einheit erhalten

Eine klare Absage erteilt er dem Versuch, die Hochschule aufzuspalten, ob der unterschiedlichen Kulturen in eine für Verwaltung und eine für Finanzen. „Was würde das bringen?“, fragt Ernst. Dann hätte man zwei Rektoren und zwei Verwaltungen. Trotz aller Befindlichkeiten setzt der neue Leiter darauf, beide Fächer zu integrieren, schließlich würden Steuerthemen in der Kommunalverwaltung eine immer größere Rolle spielen. Ernst hofft dabei auch auf einen Generationenwechsel.

So schwierig die Aufgabe ist: der neue Rektor Wolfgang Ernst bleibt optimistisch. „Ich halte die Probleme für lösbar“, sagt er, „man muss miteinander reden. Was sollte man sonst anderes tun?“ Hoffnungsfroh stimmt ihn, dass die Nachfrage bei den Studenten ungebrochen ist, 2500 sind aktuell angemeldet, Tendenz steigend. Der Imageschaden hat dem Ansturm bislang keinen Abbruch getan.

Ernst will nach vorne blicken, neue Themen verankern, die Fortbildung von Verwaltungsangestellten stärken – und durchaus auch die Qualitätsanforderungen und das Niveau der Prüfungen anheben: „Wir müssen auf jeden Absolventen der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen stolz sein können.“

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