Die Hochschule Esslingen kämpft an vielen Fronten: Sie möchte sich für einen höheren Frauenanteil in technischen Fächern stark machen und den internationalen Austausch trotz Corona stärken.
Esslingen - Laute Stimmen, Streitgespräche, Gelächter, Diskussionen auf dem Campus Innenstadt. Normalerweise brauchen Wissenschaft und Forschung Stille und Ruhe, doch in diesen unruhigen Zeiten freut sich Rektor Christof Wolfmaier über jedes Geräusch. Denn es zeigt, dass die Hochschule Esslingen trotz allem noch lebendig ist. Trotz niedrigem Frauenanteil, trotz international lahmendem Austausch, trotz Einschränkungen der Lehre.
Geringer Frauenanteil
Etwa 6.300 Studierende, elf Fakultäten, 28 Bachelor- und 14-Master-Studiengänge, 55 Labore und gut 700 Mitarbeitende. Diese Zahlen klingen gut. Doch, so räumt Rektor Wolfmaier ein, in technischen Fächern wie Mechatronik, Elektrotechnik, Maschinenbau oder Fahrzeugtechnik liegt der Frauenanteil der Studierenden nur bei sieben bis acht Prozent. An der Fakultät Soziale Arbeit, Pflege und Gesundheit (SAPG) mit Studienangeboten wie Kindheitspädagogik, Pflegemanagement, Sozialwirtschaft oder Pflegepädagogik ist es umgekehrt: Gerade einmal etwa 20 Prozent der Studierenden sind Männer. Klassische Rollenverteilung und traditionelle Ausbildungsmuster! Sehr zum Entsetzen der Bundestagsabgeordneten Renata Alt (FDP), die sich zusammen mit ihrem Parteikollegen Jens Brandenburg über die aktuelle Lage an derHochschule informieren wollte: Die in der ehemaligen Tschechoslowakei Geborene ist Diplom-Chemieingenieurin und der Aufenthalt und die Arbeit in Laboren, so erzählt sie, hat sie schon früh fasziniert. Eine Leidenschaft, die viele junge Frauen nicht teilen. Marion Laging, Prorektorin für Lehre und Weiterbildung an der Hochschule Esslingen, berichtet von Veranstaltungen wie dem „Digital Girls Camp“ oder dem „Girls Day“, mit denen Mädchen für ein Studium von Natur- oder Ingenieurwissenschaften gewonnen werden sollen.
Stiftungsprofessur für Frauenförderung
Die jungen Frauen seien auch interessiert, könnten sich für Technik begeistern, würden die Fähigkeiten dafür mitbringen, aber am Ende würden sich viele für andere wie etwa die sozialen Bereiche an der Hochschule entscheiden. Etwa weil hier die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie besser gewährleistet zu sein scheint. Soziale Bereiche wiederum seien für männliche Studierende wegen der niedrigeren Verdienstmöglichkeiten und der scheinbar schlechteren Karrierechancen weniger attraktiv. Es müsse eben schon im sehr jungen Alter dafür gesorgt werden, dass sich Mädchen für Technik und Naturwissenschaften interessieren. Hier verweist Marion Laging auf Projekte wie „Das Haus der kleinen Forscher“, das bundesweit an Kindertagesstätten, Horten und Grundschulen als Lernbegleiter für kleine Forscherinnen und Forscher sowie als Weiterbildungsplattform für Erziehende und Lehrende im naturwissenschaftlichen Bereich unterwegs ist. Christof Wolfmaier verweist dagegen auf die Idee einer Stiftungsprofessur, durch die vermehrt weibliche Studierende für Fächer wie Fahrzeugtechnik gewonnen werden sollen. Und die Hochschule stehe im Dialog mit der Stadt Esslingen über die Einrichtung einer Kinderuniversität.
Internationaler Austausch leidet
Nicht nur der niedere Frauenanteil, sondern auch die Arbeit auf internationaler Ebene macht derHochschulezu schaffen: „Der Austausch mit Einrichtungen in anderen Ländern liegt am Boden“, bedauert Christof Wolfmaier. Vor Corona wurden Beziehungen vor allem zu den USA, China und Mexiko aufgebaut, doch das Virus hat allen Plänen für Auslandssemester, gegenseitige Besuche, Forschungsvorhaben oder Zusammenarbeit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Nachfrage und der Wunsch dazu seien ungebrochen, unterstreicht der Rektor, doch wegen der Pandemie mussten zunächst alle Vorhaben gecancelt werden. Dadurch sei ein Nachfragestau entstanden, der nicht abgebaut werden könne. Schließlich wisse niemand, wie lange Corona noch für geschlossene Grenzen und Unsicherheit sorgt. Daher werde die Zusammenarbeit derzeit auf die Kontaktpflege vor allem virtuell und in den sozialen Medien beschränkt. Ergänzend dazu spricht der Rektor von Bemühungen zum weiteren Aufbau von Beziehungen innerhalb Europas. Ein Netzwerk mit China würde bestehen, sei aber derzeit schwierig zu handeln. Aber ein internationaler Austausch sei wichtig: „Wir wollen unseren Studierenden ja auch die Welt öffnen.“
Wenige Präsenzveranstaltungen
Die weite Welt wird aber durch Corona begrenzt. Im Wintersemester wird der bereits begonnene Weg mit dem Schwerpunkt digitaler Wissensvermittlung weiter verfolgt. „Wir sind jederzeit auf einen neuen Lockdown vorbereitet“, erklärt Marion Laging. Nur vereinzelt werden Präsenzveranstaltungen angeboten. Ein Grund, warum sich der Rektor über lautes Stimmengewirr auf dem Campus freut.