Stress, Versagensängste und die Frage „Bin ich hier eigentlich richtig?“ können schnell zum Studienabbruch, Burn-out oder Depressionen führen. Verantwortliche der Hochschule Esslingen erklären, wie man das verhindern kann.
Viele neue Gesichter, ein neues Umfeld, sicher waren viele freudig nervös – endlich an der Spitze des Bildungssystems angekommen. Für rund 700 Erstsemester hat in der vergangenen Woche ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Bei einigen Studierenden wird die Freude aber nur kurz währen: Die bundesweite Abbruchquote stagniert in den vergangenen Jahren in den Bachelorstudiengängen zwischen 25 und 30 Prozent.
„Ungefähr in diesem Bereich bewegen wir uns auch“, sagt Marion Laging, die Prorektorin im Bereich Lehre und Weiterbildung der Hochschule Esslingen. „Vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen ist sie etwas höher als beispielsweise im Studiengang Soziale Arbeit“, ergänzt David Dimler, einer von drei Mitarbeitern der zentralen Studienberatung der Hochschule.
Die Qual der Studienfachwahl
Die Gründe für Studienabbrüche sind laut der Prorektorin schwer zu ermitteln: „Der größte Teil hat sich nicht zurückgemeldet. Wir wissen nicht, ob sie sich eine Auszeit nehmen, eine Ausbildung angefangen haben oder an eine andere Universität gewechselt sind.“ Diese quasi anonymen Austritte machten den größten Teil der Exmatrikulationen aus. Die Studenten merkten recht früh, ob es für sie passe oder nicht.
Besonders in den ersten zwei Semestern gebe es deswegen viele, die der Hochschule den Rücken zukehrten. „Bei mehreren Tausend Bachelor- und Masterstudiengängen kann man sich auch leicht verlaufen“, sagt der Studienberater.
Ein Studium sei nicht immer die richtige Wahl. „Viele studieren, weil sie glauben, studieren zu müssen. Es wird von den Eltern erwartet, und jeder im Umfeld macht es. In der Beratung gelte es herauszuarbeiten, ob so etwas dahintersteckt.“ In diesen Fällen arbeite die Studienberatung mit der IHK und der Arbeitsagentur zusammen, um den jungen Menschen Alternativen aufzeigen zu können.
Für die Unentschlossenen werde seit dem Jahr 2021 zudem ein Orientierungssemester angeboten. In diesem könne man quer durch die Fakultäten Kurse besuchen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, welche Fachrichtung man einschlagen möchte – oder überhaupt studieren will. „Ein Drittel der Teilnehmer sind Hochschulwechsler, die bereits woanders studiert hatten und danach für sich entschieden haben, dass sie sich doch noch mal neu orientieren müssen“, sagt Dimler. Viele hätten sich nach dem Orientierungspraktikum für eine Ausbildung und gegen ein Studium entschieden.
Es gibt Warnzeichen
„Ein Teil der Studienabbrüche kann verhindert werden“, sagt Laging. Das gelte für den Teil, der auf nicht erbrachte Prüfungsleistungen zurückzuführen sei. Beim 20-jährigen Felix Packe war es knapp. Er studiert in Esslingen Wirtschaftsinformatik. Zweimal fiel er durch eine schwierige Prüfung. Ein Scheitern beim dritten Versuch hätte das Ende seines Studiums bedeutet. Versagensangst kam auf: „Ich habe mir selbst viele Vorwürfe gemacht, weil ich ursprünglich was anderes studieren wollte. Ich habe irgendwie die Kontrolle verloren und hatte das Gefühl, dass ich es – egal, wie viel ich lerne – nicht schaffen kann.“ Zwei Semester habe er vieles vernachlässigt, um auf diese eine Prüfung zu lernen, und habe nebenher nach Alternativen für seine Zukunft gesucht. „Wenn man es nicht mehr schafft, Pausen zu machen, keine Freizeit mehr hat und nur noch lernt, ist das ein Warnzeichen“, sagt der Studienberater David Dimler. An diesem Punkt sollte man die Studienberatung aufsuchen, um schwerwiegenderen Entwicklungen wie Burn-out vorzubeugen.
Es gehe aber auch in das andere Extrem: „Ein starker Indikator für einen Burn-out oder Depressionen ist die Motivation: Wenn man sich ständig zwingen muss, etwas für das Studium zu machen, oder gar Angst entwickelt, überhaupt noch die Vorlesungen zu besuchen.“ In beiden Fällen gelte es in Beratungsgesprächen die Ursachen zu ermitteln, um gezielt gegensteuern zu können. Je nach Situation werde man gecoacht, wie man Studienalltag und Privatleben in Einklang bringt, wie man Stresssituationen besser bewältigt, oder man werde in schwerwiegenderen Fällen an die psychosoziale Beratung der Hochschule vermittelt.
Happy End
Bei Felix Packe hat es geklappt: Nach der Beratung habe er sich neu sortiert und Atemtechniken erlernt, um die alles entscheidende Prüfung entspannter anzugehen. Gemeinsam hätten sie in Gesprächen seine Motivationsgründe erarbeitet: Sein großes Ziel sei ein Masterabschluss in IT-Sicherheit. „Ich konnte meine Punktzahl verdoppeln und habe sogar eine ganz gute Note bekommen“, so der 20-Jährige, der jetzt frisch motiviert ins neue Semester startet.
Die Hochschule Esslingen
Orientierungssemester
Ein Semester lang können sich Studenten ausprobieren, um zu sehen, was ihnen liegt. Je nach Interesse besuchen sie Veranstaltungen in den Bereichen Technik, Wirtschaft und Soziales. Bei Bedarf können auch Mathe- und Physikkenntnisse aufgefrischt werden. Voraussetzung ist eine Hochschulzugangsberechtigung oder ein gleichwertiger Abschluss.
Mehr Informationen gibt es auf der Internetseite: www.hs-esslingen.de/startes
Tag der offenen Tür
Am 13. Mai können Interessierte von 10 bis 15 Uhr den Tag der offenen Tür der Hochschule besuchen. Am Campus Esslingen Stadtmitte finden Schauversuche, Laborführungen und Schnuppervorlesungen statt.
Beratung
Bei der Studienberatungen gibt es die Möglichkeit, sich über die Studiengänge zu informieren. Bei Führungen durch die Labore lernt man aktuelle Forschungsprojekte kennen.