Liebe schlägt Purzelbäume – oder in nicht-alltäglichen Formen auch Salti: Studierende der Hochschule Esslingen haben mit außergewöhnlich Liebenden gesprochen.
Weihnachten ist das Fest der Liebe. Doch die hat viele Gesichter. Ein paar ihrer Facetten haben Studierende der „Sozialen Arbeit“ an der Hochschule Esslingen mit ihrem Professor Kurt Möller hinterfragt. Die etwa 20 jungen Erwachsenen haben Interviews mit ungewöhnlich Liebenden geführt und die Gespräche als Podcasts veröffentlicht.
Es begann mit einer Unterhaltung am Frühstückstisch. Seine Partnerin, so hat einer der Interviewten den beiden Studentinnen Emilly Teichmann und Josie Schocher erzählt, blätterte in der Zeitung, überflog den Artikel über einen Escort-Service und meinte ganz nebenbei: „Das wäre doch was für dich?“. Der Mann schüttelte den Kopf: „Quatsch. Wie kommst du denn darauf?“. Doch der Gedanke habe ihn tagelang beschäftigt.
War es Neugierde? Die Suche nach dem Kick? Der Wunsch nach Selbstbestätigung? Jedenfalls, berichten Emily Teichmann und Josie Schocher, hat sich ihr Interviewpartner bei der Escort-Agentur gemeldet: „Er dachte, er habe sowieso keine Chance.“ Doch er wurde genommen: Gebucht wird er für Konversation, Gesellschaft, Theaterbesuche, Abendessen, aber auch für Sex. Der Mann, der in einer Stadt in Bayern lebt, mache das schon viele Jahre, berichten die beiden Studentinnen.
Der Escort-Mitarbeiter sagt meist, dass er in festen Händen ist
Er empfinde seine Tätigkeit als Bereicherung, sehe sie als Erweiterung seines Erfahrungsschatzes an, genieße den Kontakt zu verschiedenen Frauen. Seine Partnerin sei weiter an seiner Seite – und habe kein Problem mit seinem Nebenjob. Manches würde er ihr berichten, manches würde er für sich behalten. Beide Partner hätten klare Grenzen über zu Erzählendes und zu Verschweigendes gezogen. Den Damen, die ihn buchen würden, würde er auch sagen, dass er in festen Händen sei.
Auf solche ungewöhnlichen, auch streitbaren Formen der Liebe sind die Interviewer gestoßen. Über zwei Semester waren sie mit dem Studienprojekt beschäftigt, jeder der Studierenden hat mindestens zwei Interviews geführt. Manche dauerten gut 30 Minuten, andere fast drei Stunden lang. Eine Unterhaltung, die eine der Studentinnen führte, ist Kurt Möller im Gedächtnis haften geblieben. Ein ewiger Single wider Willen schüttete im Interview sein Herz aus.
Schüchterner Single verliebt sich in seine Therapeutin
Der Mann war extrem schüchtern. Hatte Kontaktschwierigkeiten. Traute sich nicht, Frauen anzusprechen. Irgendwann waren alle Kumpel in festen Händen, Bekannte gründeten Familien, sein Freundeskreis wurde kleiner. Die Medien suggerierten ständig, der Beziehungsstatus müsse „vergeben“ lauten, und stets kam die Frage: „Hast du immer noch keine Freundin?“. Das löste bei dem ohnehin nicht sehr selbstsicheren jungen Mann Depressionen aus.
Es kam noch tragischer. Mit Mitte 30 suchte er professionelle Hilfe. Sprach mit einer Therapeutin. Verliebte sich in sie. Nach langem innerem Ringen schrieb er seiner Angebeteten einen Brief, in dem er ihr seine Gefühle gestand. Die Adressatin reagierte einfühlsam-professionell. Es sei ein wichtiger Schritt, seine Gefühle in dem Brief auszudrücken. Erwidern könne sie diese aber nicht. Auch weil von Berufs wegen Distanz geboten sei. Eine nett formulierte Abfuhr. Doch für den Mann wirkte sie wie ein Befreiungsschlag. Blockaden wurden gelöst. Er befinde sich nun in einer Beziehung, so Kurt Möller.
Eifersucht und Stigmatisierung sind bei Polyamorie ein Problem
Zuvor hatte er wenig Liebe erfahren. Ein Interviewpartner von Emilly Teichmann und Josie Schocher hat dagegen sehr viel davon. Die Person aus dem spanischen Katalonien hatte mehrere polyamouröse Beziehungen in wechselnden Konstellationen hinter sich und äußerte sich im Gespräch offen darüber. Zunächst hatte die Person mit einem Partner zusammengelebt. Dann aber gemerkt, dass etwas fehle, und die Beziehung erweitert. Eifersucht habe es gegeben. Die Beteiligten hätten aber versucht, ihr keinen Raum zu lassen. Schwieriger sei die Stigmatisierung im Heimatland Spanien und der Familie, die wenig Verständnis für diese Lebensform aufbrachte. Die interviewte Person habe ihren Beziehungsstatus als Bereicherung angesehen: Es sei ein Mehr an Liebe.
Viel Liebe. Von zu viel Liebe aber hat eine Interviewte Alena Schmolke, einer weiteren am Projekt beteiligten Studentin, berichtet. Noch sehr jung lernte die Gesprächspartnerin ihren Freund kennen. Partys, Ausgelassenheit, Alkohol gehörten dazu. Erst als sie wenige Monate nach dem Kennenlernen zusammenzogen, merkte sie, dass ihr Lebensgefährte viel zu viel trank. „Eine Co-Abhängigkeit entstand“, sagt Alena Schmolke. Die Sucht des Mannes bestimmte das Leben der Frau. Schon während ihres Arbeitstages dachte sie darüber nach, wie es wohl werden würde am Abend, was sie sagen und was sie nicht sagen dürfe. Nur mit Unterstützung einer Selbsthilfegruppe konnte sie sich von dem Mann lösen. Doch im Interview sagte sie: „Er wird immer die größte Liebe meines Lebens bleiben.“
Liebe an der Hochschule Esslingen
Person
Der 1954 geborene Kurt Möller war von 1989 bis 2022 Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen. Der Erziehungswissenschaftler betrieb und betreibt auch noch im Ruhestand zahlreiche Forschungsprojekte mit Studierenden, die teilweise in Podcasts veröffentlicht werden. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit, Jugendarbeit, Jugendpolitik, Kultur- und Bildungsarbeit.
Podcasts
Die Podcasts mit Interviews der Studierendengruppe der Hochschule Esslingen sind auf Spotify abrufbar unter dem Titel: „...muss wohl Liebe sein...“ Gefühlswelten zwischen Wolke 7 und Tal der Tränen. Abrufbar unter https://open.spotify.com/show/729rxdtDRt6ZdMZz8AzM85