Das Handy immer mit dabei: Wolfgang Guth (links) und Simon Josenhans von der Hochschule Esslingen. Foto: Ines Rudel Foto:  

Ökologie hat Vorfahrt. Nachhaltigkeit muss Gas geben. Umweltschutz soll Fahrt aufnehmen. Meinen zumindest Wolfgang Guth und Simon Josenhans von der Hochschule Esslingen. Und entwickeln ausgerechnet einen Handyhalter? Ja, einen Handyhalter. Aber einen ganz besonderen, ökologisch wertvollen.

Esslingen - Das Fahrrad bringt Bewegung in sein Leben. Ist für ihn Sport, Freizeitspaß, Leidenschaft, Lebensphilosophie, Job und manchmal auch Schicksal. Einmal fuhr er mit seiner Freundin auf dem Lenker los. Sie geriet unglücklich mit dem Fuß in die Speichen. Sturz. Gehirnerschütterung, Verletzungen, Blessuren. Ist alles wieder verheilt. Solche leichtsinnigen Aktionen macht Simon Josenhans zwar nicht mehr. Doch sollte er künftig in eine Notsituation geraten, dann kann er schnell Hilfe alarmieren. Denn der 24-jährige Maschinenbau-Student an der Hochschule Esslingen hat mit Unterstützung seines Professors Wolfgang Guth einen besonderen Handyhalter für Fahrräder entwickelt – ökologisch, praktisch, nachhaltig.

 

Ein Fahrrad-Freak

Kommt Zeit, kommt Rad. Nicht die Devise von Simon Josenhans. Er war schon immer ein Fahrrad-Freak. Doch mit Studienbeginn wurde die Zeit knapper, das intensive Training im Verein blieb auf der Strecke, er brauchte Geld für seine Ausbildung – also verkaufte er nach und nach sein Bike-Equipment. Schweren Herzens trennte er sich auch von seinem Fahrradcomputer: „Er zeigte genaue Leistungsdaten, Trittfrequenz oder Streckenverlauf an“, erklärt der Mann mit dem Tüftler-Gen mit Bedauern. Daher suchte er nach Ersatz und stellte fest, dass auch ein Handy viele wichtige Daten wiedergeben kann. Darum wollte er es auf seinen Touren immer mit dabei haben – und kreierte einen Halter für das Fahrrad. Während eines Praktikums bei einer Firma in Koblenz konnte er einen Prototyp erstellen. Und das sogar mit professoraler Unterstützung: „Wir schauen nach unserem Studenten und achten darauf, dass sie während eines Praktikums nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden“, ergänzt Wolfgang Guth. Daher besuchte er Simon Josenhans in Koblenz, sah den dort entstehenden Prototyp und war begeistert.

Mit viel Gehirnschmalz

Denn der ist sehr stylish. Schwarz. Sicher. Schick. Und simpel in der Handhabung. Steckt ja auch jede Menge Gehirnschmalz drin. Vorne am Lenker seines Fahrrads hat Simon Josenhans eine unauffällige Halterung mit einem langen, dünnen Bolzen angebracht, auf der Rückseite seines Handys hat er eine unscheinbare Platte mit einer innen hohlen, hauchfeinen, langen Öse als Gegenstück befestigt. Der Bolzen wird nun nach hinten in Richtung Fahrrad geschoben, dann wird das Handy auf die Halterung am Lenker gelegt, der Bolzen wird durch die Öse geschoben und eingerastet. Sitzt perfekt. Passt perfekt. Hält perfekt.

Erfindung mit Pfiff

Aber, mal ehrlich, es hat doch auch schon zuvor Handyhalter für das Fahrrad gegeben? Stimmt, gibt der Erfinder zu. Doch seine Konstruktion habe viele Vorteile: Sie ist für jedes Handy anwendbar, sieht flott aus, ist aerodynamisch-praktisch, kann um 90 Grad gedreht werden, ist robust, wiegt nur 35 Gramm und braucht keine Hülle. Außerdem ist die Platte am Handy gerade einmal 3,8 Millimeter hoch – sie stört also nicht beim sonstigen Gebrauch. Allzu teuer ist die Apparatur nicht: Josenhans möchte sie für etwa 40 Euro auf den Markt bringen. Und ökologisch vertretbar ist das Gerät außerdem: „Wir setzen auf das Prinzip von ,Cradle to Cradle’. Der Handyhalter kann komplett in seine Bestandteile zerlegt werden, damit die Teile einfach ersetzt oder recycelt werden können.“

Ein Start-up ist geplant

Denn seine Projektarbeit an der Hochschule Esslingen soll nicht in einem Ordner verstauben oder auf einer Computer-Festplatte vergessen werden. „Praxisbezug und Erfahrung im selbstständigen Lernen sind uns bei unseren Studenten sehr wichtig“, erklärt Wolfgang Guth. Auch darum steht der Professor hinter dem Projekt. Zunächst werden 20 Prototypen des Handyhalters gebaut, ein Imagefilm ist in Arbeit. Mit Hilfe von Crowdfunding und finanzieller Unterstützung von „GründES!“, der Gründungsinitiative der Hochschule, soll die Idee weitergepusht werden. Doch Simon Josenhans und seine beiden am Projekt beteiligten Kommilitonen, Luca Bross und Nadine Göbel, wollen damit keine Reichtümer scheffeln. Gewinne sollen gespendet werden.

Das Recht auf Fortbewegung

Und sie möchten aus dem Erlös und mit ähnlichen Ideen die Mobilität in Schwellenländern verbessern: Für sie könne das Fahrrad zu einem Stück Freiheit und einem wichtigen Hilfsmittel bei der Verbesserung ihrer Lebensumstände werden. „Mit dem Bike können sie leichter zu Wasserstellen, zu Schulen, Ausbildungsstellen oder zum Arbeitsplatz kommen“, erläutert Josenhans seine Vision. „Right 2 Ride“ hat er seine Erfindung darum getauft – „R2R-Handy“ lautet der griffige Name: Denn es soll allen, auch Menschen in ärmeren Ländern, das Recht auf ökologisch wertvolle Fortbewegung und die damit verbundenen Vorteile ermöglichen. Aber auch in der Region Esslingen möchte er sein Produkt platziert sehen: Fahrradfahren liege im Trend, die Mobilitätswende müsse vollzogen werden, umweltfreundliche, nachhaltige Methoden der Fortbewegung hätten Vorfahrt. Und an der Digitalisierung führe kein Weg vorbei – er verbinde somit beides ökologisch sinnvoll miteinander. Das Fahrrad hält sein Leben in Bewegung. Ist für ihn Inspiration, Motivation, Zukunft, Ideenmotor.

Informationen

Mehr zur Hochschule Esslingen im Internet unter https://www.hs-esslingen.de. Mehr zur Erfindung von Simon Josenhans auf Instagram unter @right_2_ride.