Geschafft: Christian Nick mit seinem Doktorvater und Erstbetreuer Professor Christopher Schmidt von der Hochschule Esslingen. Foto: Hochschule Esslingen

Ohne Rotstift und Kommandoton: Christian Nick, Richter an einem Landgericht, drückte an der Hochschule Esslingen noch einmal die Vorlesungsbank. Aus purer Begeisterung.

43 Jahre. Richter mit Prädikatsexamen. Dreifacher Familienvater. Doktorand an der Hochschule Esslingen. Ein gestandener Jurist drückt noch einmal die Vorlesungsbank – und das sogar mit Begeisterung. Christian Nick ist ein Pionier: Der in Filderstadt Geborene hat als Erster seinen Doktor bei einem Professor mit eigenständigem Promotionsrecht an der Hochschule Esslingen gemacht.

 

Herr Dr. Nick oder Herr Nick – wie möchte er angesprochen werden? Nick als Anrede genügt völlig, sagt der Richter am Landgericht Ravensburg. Denn noch kann er seinen Namen nicht mit einem Doktortitel krönen. Erst muss seine Dissertation veröffentlicht werden. Dann ist alles endgültig in trockenen Tüchern.

Bis ein Verlag für die Publikation gefunden und die Drucklegung geschehen ist, können schon noch einmal drei Monate ins Land gehen, meint Christian Nick im telefonischen Interview. Aber auch danach dürfe er getrost nur mit seinem Nachnamen angeredet werden. Aus persönlicher Eitelkeit oder beruflichem Ehrgeiz heraus hat er nicht promoviert. Er wollte nach seinem Universitätsabschluss noch einmal wissenschaftlich arbeiten, und sein Promotionsthema hat in ihn mitgerissen: „Es war ein Herzensprojekt.“

Harte Zeiten fast ohne Freizeit neben dem Fulltime-Job

Anderthalb harte Jahre waren es trotzdem. Von Anfang 2024 bis Juli 2025 hat er an seiner Doktorarbeit gefeilt und sich danach auf die mündliche Prüfung vorbereitet. Neben seinem Fulltime-Job: „Ich habe mein Sportpensum drastisch heruntergefahren – und Fernsehen gab es in dieser Zeit überhaupt nicht.“ Fünf bis sechs Stunden pro Tag hat er über seiner Dissertation gebrütet.

Eine effiziente Arbeitsweise hat ihm geholfen. Die grobe Gliederung, sagt er, hatte er von Anfang an ausformuliert. Stieß er auf eine interessante Quelle etwa in der Bibliothek der Caritas in Freiburg oder in der Landesbibliothek in Stuttgart, hat er die Erkenntnisse gleich an der richtigen Stelle eingefügt. Das sparte Zeit bei der Endausarbeitung. Und als Richter sei er an analytisches Denken und kritisches Hinterfragen gewöhnt.

27 Promotionen laufen aktuell an der Hochschule Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Als Richter eine Respektsperson. Privat wieder ein Student im Stile von „Setzen. Durchgefallen“? So war es nicht. Die Rollenverteilung habe festgestanden, stellt Christian Nick zwar klar: „Mein Doktorvater Christopher Schmidt von der Hochschule Esslingen war der Professor und ich der Student“. Doch Rotstift und Kommandoton habe es nicht gegeben. Sein Prof war diplomatischer. „Überlegen Sie nochmals“ oder „Denken Sie drüber nach“ waren die klugen Hinweise seines Erstbetreuers.

„Die Dissertation war für mich ein Herzensprojekt.“

Christian Nick, Doktorand an der Hochschule Esslingen

Mündliche Prüfungen sorgen beim Betroffenen meist nicht für Begeisterungsstürme. Doch Christian Nick hat sich darauf gefreut. Es sei eher ein Verteidigen seiner Thesen aus der Doktorarbeit als ein stures Abfragen gewesen, sagt er. Überhaupt sei das ganze Promotionsverfahren eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe gewesen. Sein Doktorvater sei ebenfalls Jurist, am Lehrstuhl für Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen tätig und habe ihn sehr gut betreut. Die Erfahrungen mancher Doktoranden, dass der Professor immer wieder Sonderwünsche habe, hat er nicht gemacht. Sein Doktorvater habe konstruktive Vorschläge gemacht und immer noch am selben Tag auf Anfragen, E-Mails oder WhatsApp geantwortet.

Mit dem Professor auf Augenhöhe an der Hochschule Esslingen

Auge in Auge mit dem Prof – das funktionierte. Doch auch eine etwas ruppigere Behandlung hätte Christian Nick sicher nicht abgeschreckt. Als Richter in staatlichen Diensten, meint er, werde ihm der Doktortitel zwar nicht zu Karrieresprüngen verhelfen. In der freien Wirtschaft wäre ein solch akademischer Ritterschlag beruflich vielleicht förderlicher.

Seine Motivation war eine andere. Er brannte für sein Dissertationsthema. Gleich nach dem ersten Gespräch mit seinem Doktorvater habe er sich noch in derselben Nacht hingesetzt und sich in seine Materie vertieft.

In der Neuen Weststadt entsteht ein neuer Campus für die Hochschule Esslingen, der den Standort Flandernhöhe langfristig ersetzen soll. Foto: Roberto Bulgrin

Selbst über das Telefon ist sein Enthusiasmus zu spüren. Die Jugendgesetzgebung der Weimarer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hat er in seiner Doktorarbeit wissenschaftlich beleuchtet und die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe untersucht, erklärt Christian Nick. Zwei Gesetze hat er sich vorgenommen. Mit dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz, sagt er, wurde diese Materie erstmals reichsweit geregelt: „Zentrale Neuerung war die Installation des Jugendamtes, das für die damaligen Bereiche der modernen ,Jugendwohlfahrt’ für zuständig erklärt wurde“.

Mit dem Jugendgerichtsgesetz von 1923 sei ein juristischer Sonderweg jugendlicher Delinquenten ermöglicht worden. Es habe die moderne Gesetzgebung nachhaltig beeinflusst und Besonderheiten geschaffen – wie die Zuständigkeit von Jugendrichtern, eine jugendadäquate Verfahrensgestaltung mit nicht öffentlichen Verhandlungen oder die Heraufsetzung der Strafmündigkeit auf das 14. Lebensjahr: „Ich komme abschließend zu dem Ergebnis, dass beide Gesetze maßgeblich von der Tatsache profitiert haben, dass die Jugendphase als eigenständige biografische Lebensphase begriffen wurde und daher eine besondere Aufmerksamkeit insbesondere diesem Lebensabschnitt zu schenken war.“

Promotion abgeschlossen. Fällt er nun in ein tiefes Loch? „Es gibt auf jeden Fall wieder ein Mehr an Freizeit“, bilanziert Christian Nick. Er möchte nun erst einmal wieder neu gewonnene Freiheiten genießen.

Woher kommt der Doktorhut?

Person
Christian Nick wurde 1982 in Filderstadt geboren, studiert hat er an der Universität in Augsburg. Sein Studium schloss er mit einem Prädikatsexamen ab. Nach verschiedenen Tätigkeiten etwa in einer Großkanzlei als Rechtsanwalt wurde er Richter am Landgericht in Ravensburg. Der Vater dreier Kinder treibt in seiner Freizeit sehr gerne Sport.

Doktorhut
Auf dem Foto nach der mündlichen Prüfung trägt Christian Nick einen Doktorhut. „Das verpflichtende Aufsetzen dieser Kopfbedeckung gibt es in Deutschland nicht“, stellt Gabriele Gühring von der Hochschule Esslingen klar. Es gebe aber sehr viele Fachbereiche, die sich diesen Brauch gerne zu eigen machen würden. Zum Teil würden die Doktorhüte ganz bewusst vom jeweiligen Fachbereich so gestaltet, dass der Hut etwas mit dem Thema zu tun habe.