Die Zahlen psychisch belasteter Studierender sind hoch. Foto: dpa-tmn/Felix Kästle

Viele junge Menschen sind gerade im Studium psychischen Belastungen ausgesetzt. Um für das Thema zu sensibilisieren, findet an der Hochschule der Medien in Stuttgart erstmals die „Mental Health Week“ statt.

Stuttgart - Yoga, Meditation, Tanzimprovisation oder Koch-Workshops: Die derzeit stattfindende „Mental Health Week“ der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart bietet ein vielfältiges Programm. Was ins Deutsche übersetzt den sperrigen Titel „Woche der psychischen Gesundheit” trägt, findet zum ersten Mal in dieser Form statt.

Das breite Kursangebot soll den Studierenden eine enthemmte und praxisnahe Auseinandersetzung mit ihrer mentalen und körperlichen Gesundheit ermöglichen. Organisiert wurde die Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Aufblühen statt untergehen” von der zentralen Studienberatung der HdM sowie der Verfassten Studierendenschaft.

Interesse ist groß

“Durch unsere tägliche Arbeit sind wir nah an den Studierenden dran und haben gemerkt, dass bei dem Thema ein großer Bedarf herrscht”, sagt Mitorganisatorin Daniela Michl vom Center for Learning und Development der Hochschule. Und das Interesse der Studierenden ist groß: Einige der Workshops seien bereits nach einem halben Tag ausgebucht gewesen.

Mit circa 200 bis 300 Teilnehmern rechnen die Organisatorinnen. Einen hochschuleigenen Psychologen hat die HdM nicht – dafür ist die psychotherapeutische Beratung des Studierendenwerks Stuttgart zuständig.

Risikogruppe Studierende?

Rückblickend wird das Studium landläufig als „die schönste Zeit des Lebens” romantisiert. Dass das nicht immer der Fall ist, weiß Marvin Franke von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg: „Elementare Veränderungen im Leben junger Menschen, wie der Umzug in eine andere Stadt, ein neues soziales Umfeld und Leistungsanforderungen können zu psychischen Belastungen führen.” Franke arbeitet als Studienkoordinator an der internationalen Langzeituntersuchung StudiCare mit.

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Neben dem aktuellen Stand zur psychischen Gesundheit der Studierenden, erforscht die Studie auch digitale Präventions- und Betreuungsmaßnahmen für psychische Erkrankungen. Im Juli veröffentlichten Franke und seine Kollegen ein erstes Zwischenfazit. Die Wissenschaftler berichten von Prüfungsangst, Zeitmanagement und Einsamkeit als häufige Faktoren für mentale Probleme. Überdies hinkt die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten den hohen Betroffenenzahlen weit hinterher.

Zwei Beraterstellen für 15 Hochschulen

Der häufigste Grund: Viele Studierende wollen die Probleme lieber selbst oder gemeinsam mit Freunden und Familien bewältigen. Diplom-Psychologin Petra Kucher-Sturm vom Studierendenwerk Stuttgart teilt diese Erfahrung: „Einige ringen sich erst nach mehreren Semester dazu durch zu uns zu kommen.“ Im Zweierteam betreut sie 15 Stuttgarter Hochschulen mit mehr als 61.000 Studierenden.

Sollte hier nicht personell aufgestockt werden? Bislang könne die Nachfrage gut bedient werden und innerhalb von zwei Wochen erhielten Studierende einen Termin, so Kucher-Sturm. Dabei reicht die Bandbreite der kostenfreien und vertraulichen Beratung „von präventiv über Krisenintervention bis hin zu Stabilisierungshilfe.“

Psychische Belastung ist nicht gleich Erkrankung

Zudem ist die Zahl der Ratsuchenden über die Jahre weitgehend konstant geblieben. Da sich aber immer mehr internationale Studierende an die Beratungsstelle wenden, ist eine zusätzliche englischsprachige Stelle geplant.

Wie die AOK 2017 ermittelte, leidet jeder vierte Studierende in Baden-Württemberg an einer psychischen Störung. Die Basis dieser Erhebung sind Leistungen der Krankenkasse, denen eine ärztliche Diagnose zugrunde liegt. „Wir haben in unserer Beratungsstelle aber überwiegend mit Ratsuchenden zu tun, deren psychische Belastung noch nicht als Krankheit bezeichnet werden kann, die aber dennoch psychisch so beeinträchtigt sind, dass sie Beratung suchen“, sagt Kucher-Sturm.

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Bis Freitag noch informieren eingeladene Dozierende auf dem Campus der HdM in Vaihingen überResilienz, Depressionen, Prüfungsangst oder den Einfluss von Social Media auf das seelische Wohlbefinden. Darunter sind unter anderem das Frauenberatungs- und Therapiezentrum Fetz aus Stuttgart, der Verein Regenbogenbildung e.V. und der Verein Irrsinnig Menschlich aus Leipzig. „Denn Studieren heißt eben nicht nur Leistung abliefern, sondern ist auch eine persönliche Entwicklung”, betont Verena Kersken von der Studienberatung der HdM.

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