Der Journalist Ranga Yogeshwar hat in Stuttgart einen Preis erhalten. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Facebook-Manipulation, Datenskandale, Falschmeldungen: Warum es falsch ist, auf die Zuverlässigkeit sozialer Netzwerke zu setzen.

Stuttgart - Nur noch ein Prozent der japanischen Frauen lässt sich gegen Gebärmutterhalskrebs impfen. Der Journalist Ranga Yogeshwar schüttelt den Kopf. 2013 seien es noch rund 70 Prozent gewesen. Doch dann hätten die sozialen Medien das Thema aufgegriffen: In Windeseile verbreiteten sich dort Nachrichten über ein Forschungspapier, in dem japanische Wissenschaftler bewiesen haben wollen, dass hohe Dosen des Impfstoffs bei Mäusen neurologische Schäden auslösten. Geschichten von Komapatientinnen, Todesfällen und Hirntraumata machten den Umlauf, Fotos von Frauen tauchten auf, die sich nach der Behandlung scheinbar in Krämpfen winden. Dass weder sie noch die anderen Patienten etwas mit der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs zu tun hatten, ging im Rausch der Panik unter – willkommen im Zeitalter des Postfaktischen.

„Viele Medien sind heute nicht mehr der Ort, an dem es um Informationen und Klärung geht. Soziale Plattformen wollen vielmehr Reichweite – und die bekommt man auch über Erregung,“ sagte Yogeshwar im Hörsaal der Hochschule der Medien, wo Studierende ihm für seinen Text „Ground Facebook“ den Medienethik-Award „META“ verliehen.

Weg mit der Twitter-Brille

Man habe im Zeitalter von „Lügenpresse“-Parolen und Online-Manipulation ganz bewusst positive journalistische Leistungen auszeichnen wollen, erklärte Petra Grimm, Professorin an der Hochschule der Medien. Die Entwicklung zu verteufeln, sei zu kurz gegriffen. Stattdessen müsse man den eigenen Blickwinkel überdenken, meint auch Yogeshwar: „Wir müssen uns die digitale Grammatik der sozialen Netzwerke wie Twitter genau anschauen. Sie haben ein klares Businessmodell, das mit Demokratie nichts zu tun hat“.

Wer von digitalen Großkonzernen also erwartet, dass sie ihre Inhalte konsequent im Auftrag der Wahrheit überprüfen, hat im Angesicht der Realität die falsche Brille auf. Auch Martin Becker, der für sein Radiofeature „Neue Regeln für Internetkonzerne – Die Wildwest-Zeiten in den sozialen Medien beenden“ ebenfalls in der Hochschule der Medien ausgezeichnet wurde, stimmt zu: „Die Kriterien, nach denen Konzerne wie Twitter ihre Inhalte regulieren, sind oft vom Kostenfaktor abhängig. Im Klartext: Man will möglichst wenig Geld für die Inhaltskontrolle ausgeben.“

Digitale Ethik als Navi in der Welt technischer Untiefen

Genau hier setzt die digitale Ethik an, an der sich die Studierendenjury bei der Auswahl der diesjährigen Preisträger orientierte. Ein Navigationsgerät in einer Welt technischer Untiefen müsse sie sein, so Petra Grimm. Anhand verschiedener Kriterien analysierte die Jury deshalb sechs Wochen lang Beiträge zu Datenmissbrauch, Medienregulierung und „Fake News“ aus fünf überregionalen Zeitungen sowie 25 Radiosendungen. „Es ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, Mechanismen, die sich auf neuen Wegen etablieren, moralisch zu reflektieren“, sagte Yogeshwar nach der Preisverleihung.

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