In den Nachkriegsjahren machten sich Architekten für das Bauen in großen Einheiten stark. Die Megawohnriegel haben die Stuttgarter auf den Fildern verhindert, gebaut worden sind sie trotzdem. Das Corviale gilt als eines der missratensten Bauprojekte.
Stuttgart - Schwäbische Sturheit zahlt sich aus: Als im Jahre 1958 erste Projektstudien zu dem Wohnbauprojekt „Hannibal“ im Asemwald auftauchten, war darauf ein einziger monumentaler Betonriegel von 650 Meter Länge und 50 Meter Höhe zu sehen. Das wäre wohl auch für den Feldherrn Hannibal aus Karthago ein unüberwindliches Hindernis geworden, denn dies wäre dann das größte Wohngebäude in Europa gewesen.
Ein Kilometer Wohnen am Stück
Daraus ist hierzulande bekanntlich nichts geworden. Was freilich nicht bedeutet, dass diese Pläne damit beerdigt wurden. Etwa 1000 Kilometer südlich von Stuttgart wurden sie Realität: in Italiens Hauptstadt Rom, dort im Stadtteil Arvalia Portuense. Fast ein Kilometer lang ist dieses Wohnprojekt namens Corviale, bestehend aus zwei Bauriegeln, die parallel aneinander gefügt sind.
Zehn Stockwerke wurden übereinander gestapelt, Platz für 8000 bis 10 000 Menschen, je nach Berechnung. Der Asemwald heute im Vergleich: Hier ist jeder Baublock 110 Meter lang und 23 Stockwerke hoch. Konzipiert war er anfangs für 3000 Bewohner. Angesichts der gestiegenen Wohnansprüche heute sind knapp 2000 die Berechnungsgrundlage.
Ein reiner Längsriegel war in jenen Jahren keine spezifische Stuttgarter Idee, sondern wurde in den 1950er und 1960er Jahren allgemein von der internationalen Architektenschaft befürwortet. Deren Diskussionsforum war der regelmäßig stattfindende Congrès International d’Architecture Moderne in der Schweiz. Die Stadt der Moderne war für sie ein Ort mit klarer Gliederung sowie mit viel Luft und Licht als Kontrast zum engen Geflecht der damals noch vorherrschenden mittelalterlichen Stadtkerne mit ihren dunklen Gassen. Zudem wichtig: Der Flächenverbrauch sollte möglichst gering gehalten werden, die Zuwanderung in die Städte war absehbar. Hochhausprojekte waren also naheliegend, wie sie auch in und um Stuttgart in den 1970er Jahren gebaut wurden, teils komplett neue Stadtteile bildeten. Und der reine Längsriegel war bei diesen Vorgaben wohl die radikalste und zugleich effizienteste Umsetzung.
Die Kritiker der Wohnmaschinen
So entschieden wie die Verfechter für ihre Haltung warben, so entschieden formierten sich deren Kritiker. Deren Einwände sind heute noch gültig: Es handle sich um reine Wohnmaschinen, das soziale Leben in einem überschaubaren Rahmen kommt zu kurz, die gute Versorgung so vieler Menschen auf so wenig Raum sei schwierig. Die Argumente der Kritiker setzten sich durch: Der Verband der Verfechter der reinen Hochhaus-Lehre, die sich auf den legendären Stadtplaner Le Corbusier beriefen, löste sich Anfang der 1970er Jahre auf.
Der Asemwald wurde zwischen 1968 und 1972 gebaut. Eine Liebe auf den ersten Blick entsteht auch hier zunächst eher selten, wenn man frisch mit diesem Dreiergestirn zu tun hat. Erst im Laufe der Zeit werden Wohn- und Lebensqualität offensichtlich, das belegen Gespräche, die unsere Zeitung anlässlich des Jubiläums der Fertigstellung vor 50 Jahren geführt hat.
Wohnanlage in St. Louis wurde 1972 wieder abgerissen
In Rom war die Grundsteinlegung erst im Mai 1975. Das war mit Blick auf den damaligen Stand der Diskussion also ziemlich spät; eine vergleichbare Wohnanlage im amerikanischen St. Louis wurde schon 1972 wieder abgerissen. In Italien wurde deshalb nur halbherzig an dem Koloss gebaut, die ersten Wohnungen wurden erst 1982 bezogen. Und da waren die Bauarbeiten noch in vollem Gange. Fertig geworden ist dieser Bau nach Ansicht vieler bis heute nicht.
Von Anfang an war die Kritik groß, potenzielle Bewohner scheuten den Einzug. Die Gründe: Corviale war damals weit außerhalb der Stadt, die Verkehrsanbindung schlecht, die Versorgung mit Geschäften ungenügend. Das komplette vierte Geschoss wurde zwar freigehalten für eine durchgehende gigantische Ladenpassage, doch diese Planung blieb in den Anfängen stecken. Dort sind bis heute gewaltige Leerräume, die überwiegend illegal bewohnt werden. Voll geworden ist dieser Koloss dann doch im Laufe der 1980er Jahre: Da wurde der Kostendruck für ein Leben im Stadtbezirk von Rom zu heftig, vielen blieb nur der Umzug ins Corviale.
Der Ruf, ein Schwerpunkt für Drogen-, Prostitutions- und Gewaltkriminalität zu sein, haftet dem Corviale bis heute an. Auch wenn sich viele Bewohner bemühen, vor Ort ein stabiles Geflecht sozialer Beziehungen aufzubauen – wenn möglich, wird es vermieden, das Corviale als ihre Wohnadresse anzugeben.
Wer im Corviale lebt, gibt das nicht als Adresse an
Heute gibt es etliche Dokumentarfilme, die das Leben im Corviale im Guten wie im Schlechten festhalten. Für die Architekten heute ist das ein Monument des Scheiterns von früheren Positionen, dieses längste Wohnhaus von Europa steht bei ihnen ganz oben auf der Liste der missratensten Bauprojekte, das abgerissen gehört. Etwas gnädiger äußert sich der römische Architekt Giorgio Muratore: „Das Corviale wird meiner Meinung nach nicht abgerissen, weil es ein Denkmal Roms ist. Es muss aber ein komplexer Entwurf erstellt werden, um ein System auszugleichen, das ein Sammelbecken für soziale Probleme darstellt.“ So oder so: Den Stuttgartern dürfte mit ihrer Sturheit manches erspart geblieben sein.