Hochhaus in Bietigheim-Bissingen Das Sky ist das Limit

Von Philipp Obergassner 

Das Hochhaus am Bahnhof ist fast fertig. Die Wohnungspreise sind gehoben, aber nicht unbezahlbar. Denn das höchste Gebäude der Stadt will – anders als das Cloud No 7 in Stuttgart – kein Luxus-Wolkenkratzer sein.

Bietigheim-Bissingen - Von außen strahlt der Turm Bahnreisende an, innen wird noch ordentlich gewerkelt: Das Sky, Bietigheims derzeit größte und markanteste Baustelle, ist in den letzten Zügen seiner Fertigstellung. Das Baugerüst ist demontiert. In den Wohnungen verkleiden Arbeiter die Decken, ziehen Kabel oder verlegen Böden. In den zwei Penthouse-Wohnungen im 18. Stockwerk, 190 Quadratmeter großen Apartments, die auf der Homepage des Sky mit extravagant designten Möbeln, einer mediterran angehauchten Terrasse und einem Pool über den Dächern der Stadt beworben werden, fliegen noch Sägespäne und krachen die Hämmer. „Aber Silvester wird der erste Käufer hier feiern können“, sagt Carsten Schüler, der Geschäftsführer der Bietigheimer Wohnbau (BW).

Zwei Drittel der Wohnungen verkauft

Der Spatenstich war am 2. Juni 2014, Ende dieses Jahres soll alles fertig sein. In den unteren zehn Stockwerken sollen Gewerbe unterkommen, in den acht folgenden Wohnungen. Eine Anwaltskanzlei hat bereits fünf Stockwerke gekauft und bezogen, ein Notar und ein Steuerberater haben ebenfalls zugeschlagen. Nur das Erdgeschoss und der erste Stock sind noch zu haben. Ein Spielcasino und ein Sonnenstudio habe man abgelehnt, „weil es nicht zum Flair passt“, sagt Schüler.

Bei den Wohnungen seien zwei Drittel verkauft, „eigentlich mehr, als wir wollten“, wie Schüler sagt. Den Rest wolle man von Januar an auf verschiedenen Portalen zur Miete anbieten. Das sei vor allem für Mitarbeiter hier ansässiger Firmen, beispielsweise Porsche oder Dürr, interessant, sagt Schüler. Schon jetzt leben einige Käufer und Mieter in dem neuen Hochhaus. Der Quadratmeterpreis zum Kaufen beginnt bei 4800 Euro, zum Mieten bei 12,80 Euro. Eine Penthouse-Wohnung ist noch zu haben und kostet rund eine Million Euro.

Die Bietigheimer nennen das Sky „Langer Jürgen“

Im Gegensatz zu einem anderen markanten Hochhaus-Projekt in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) ist das Sky also durchfinanziert. Für 30 Millionen Euro hat das städtische Tochterunternehmen das Hochhaus gebaut, das unter den Bietigheimern jetzt schon „Langer Jürgen“ genannt wird – in Anspielung auf den Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD). In der Tat ist das Sky mit einer Höhe von 67 Metern das höchste Gebäude in Bietigheim-Bissingen. Ganz an das höchste Gebäude des Landkreises reicht das Sky dann aber doch nicht: Das Wüstenrot-Hochhaus in Ludwigsburg ist mit 72 Metern etwas größer.

Es sei allerdings auch nicht das Ziel gewesen, diesen Rekord zu brechen, sagt Schüler. Von einer obersten Fußbodenhöhe von 60 Metern an gelten strengere Baubestimmungen für Hochhäuser, beispielsweise, was Brandschutz angeht. Das hätte das Sky unrentabel gemacht, sagt Schüler. Dementsprechend liegt die oberste Fußbodenhöhe jetzt bei 59,80 Metern.

Renaissance der Hochhäuser

Ursprünglich war gar nicht geplant gewesen, einen solchen Wolkenkratzer auf das ehemalige Güterbahnhofsgelände zu stellen. Viergeschossige Bürogebäude sollten an den im Grunde eher wenig attraktiven Platz. Eine Marktanalyse der BW ergab einen Bedarf für Büroflächen. Schnell war man bei sieben Geschossen. Als man bei 22 Metern oberster Fußbodenhöhe angekommen war, griff die Hochhausrichtlinie, so dass man auf 14 Stockwerke erhöhte. Und am Ende sind es 18 geworden.

Das Sky ist damit ein weiteres Beispiel für die Renaissance der Hochhäuser. Lange Zeit galten die Betonriesen als verpönt, weil sie das Stadtbild verschandelten. Die Hochhäuser im Bietigheimer Stadtteil Buch oder das Marstall-Center in Ludwigsburg sind Musterbeispiele dafür. Bauunternehmen haben erkannt, dass Hochhäuser die ideale Möglichkeit bieten, in Zeiten knappen Baulands Wohnraum auf kleinster Fläche zu schaffen. Ein weiteres Beispiel entsteht gerade in Stuttgart: das Cloud No 7. Die Zukunft des noch nicht fertigen Gewa-Towers in Fellbach hingegen ist seit der Insolvenz des Bauherrn unklar.

Zwänge im Inneren

Das Hochhaus Sky in Bietigheim bekommt indes in der Fachpresse und unter Architekten viel Lob. So auch von Mathias Weißer, dem Vorsitzenden der Architektenkammer Gruppe Ludwigsburg: „Mit dem Sky ist es gelungen, auf einem Gelände, das eigentlich nicht Wohnungsbau-affin ist, in verdichteter Form Wohnraum zu schaffen.“ Architektonisch sei vor allem die skulpturale Wirkung nach außen hervorzuheben. „Das Sky ist markant und präsentiert sich gut in die Ferne“, sagt Weißer. Kritisch anzumerken hat Weißer, dass „das Gebäude von wohl von außen nach innen geplant“ worden sei.

Wer das Gebäude einmal von innen besichtigt hat, versteht, was er meint: Die skulpturale Außenform führt zu Zwängen im Innern. Beim Blick nach draußen stört am oberen Rand der Fenster der Balkon von oben. Auch die Schnitte der Wohnungen wirken zum Teil ungeschickt, weil die Stockwerke in kleinere Einheiten unterteilt wurden. Weißer ist überzeugt: „Die Zugeständnisse an die Qualität gab es zugunsten der Vermarktbarkeit.“ Auf der anderen Seite hat die Bietigheimer Wohnbau stets betont, mit dem Sky nicht den Luxus-Wohnungsmarkt bedienen zu wollen. Das möchte man lieber den Stuttgartern mit ihrem Cloud No 7 überlassen.

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