Ein Spielplatz für die etwas größeren Kinder: Die Comic Con am Wochenende Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Popkultur feiert einen Auftakt nach Maß in Stuttgart: Zur ersten Comic Con Germany wird die Messe von Fans regelrecht überrannt. Doch Sammler müssen zum Teil tief in die Tasche greifen.

Stuttgart - Bösewicht Joker hat sich vervielfältigt und taucht gefühlt an jeder zweiten Ecke auf, Disneys Eiskönigin stärkt sich mit einem Asia-Snack, und Lucky Luke hat seinen Hund verloren, was ihn aber nicht sehr zu stören scheint. Viele Szenen, die sich am Samstag in der Stuttgarter Messe abspielen, sind ganz sicher nicht gewöhnlich. Die Comic Con Germany gastiert zum ersten Mal hier. Und die Hallen sind so kunterbunt wie selten.

40 000 Menschen hatten sich im Vorverkauf auf die Karten für beide Veranstaltungstage gestürzt, das Kontingent war früh vergriffen. Rund 2000 Karten konnten die Besucher jeweils am Samstag- und Sonntagmorgen direkt an der Kasse kaufen. „Die ersten Besucher standen nachts um 3 Uhr vor der Tür“, sagte Messesprecher Andreas Wallbillich. Als die Kasse am Morgen öffnet, reicht die – bemerkenswert disziplinierte – Schlange bis um die Gebäudeecke herum. Enttäuschte Gesichter habe es trotzdem nicht gegeben, sagt der Sprecher: „Wir haben es möglich gemacht.“ Die Besucherzahl gehe deshalb am Ende wohl eher auf 50 000.

Das Angebot begeistert, aber die Gänge sind voll

Das ist dann auch drinnen zu spüren. „Mir ist es etwas zu voll“, sagt der 24-jährige Cosplayer (Kostümspieler) Fabian Göreng aus Borken, der als Mangaheld Naruto Uzumaki hier ist. Sein Stuttgarter Freund Tim Wittmershaus, alias Kakashi Hatake, dagegen schwärmt: „Erwartungen voll erfüllt! Es gibt super viel zu sehen. Cool!“ Fans von Comic, Fantasy, Science-Fiction und Online-Spielen feiern das Miteinander, verbrüdern sich spontan quer durch alle Genres und decken sich mit Büchern und Materialien ein. Bei den rund 250 Comic-Künstlern, die im hinteren Teil der Halle sitzen, ist viel los. Hobbyzeichner fachsimpeln mit den Vorbildern, Fans suchen nach einer neuen Dekoration fürs Zimmer.

Unterdessen liefern sich Rollenspieler in Hobbit- und Ork-Outfits, angelehnt an „Herr der Ringe“, am Rand wilde Scheingefechte. Kleine Lego-Universen faszinieren auf einer Sonderfläche. Fans der bunten dänischen Klötzchen haben Szenen von „Star Wars“ und der Serie „The Walking Dead“ nachgebaut, Fantasiewelten erschaffen und frühen Bauserien wie Classic Spaceport von 1980 gehuldigt. Applaus schallt von der Bühne im Foyer herüber, auf der sich verschiedene Schauspieler und Cosplayer präsentieren. Überraschend ruhig ist es dagegen in Halle 3. Im abgesperrten hinteren Teil finden ein paar ausgewählte Veranstaltungen statt, sonst herrscht hier Leere. Gegen 15 Uhr sitzt eine kleine Schlange von Fans vor dem Absperrband. „Wir warten auf ‚The 100‘“, erklärt Michele Reuter. Los geht es zwar erst in anderthalb Stunden, doch die Chance, ihren Idolen aus der TV-Serie Fragen zu stellen, ist der 25-Jährigen das Warten wert.

Treue Fans warten sehnsüchtig auf „The 100“

Etwas lange Gesichter gibt es auf der Empore von Halle 1. Viele Autogrammboxen sind hier aufgebaut, die Bilder verheißen Stars in Hülle und Fülle. Doch am Samstagnachmittag sind die meisten von ihnen unbesetzt, andere stoßen zum Teil auf wenig Interesse. Doch vor Peter Roy bildet sich eine kleine Reihe. Zwei 18-Jährige plaudern angeregt mit dem Mann, der schon kleine Rollen in Filmen wie „Star Wars“, „Harry Potter“ und „Superman“ übernommen hat.

Fans sind die beiden Mädels jedoch nicht wirklich. „Er hat uns angesprochen, als wir noch überlegten, woher wir ihn kennen“, erzählt Sarah Wendt, Azubi aus Echterdingen. Eigentlich seien sie wegen „The 100“ gekommen, erklärt ihre Freundin Tamara Behli aus Steinenbronn. Sie habe Autogramme von den Serienstars Bob Morley und Richard Harmon gekauft – und dafür zusammen 66 Euro bezahlt. „Es ist sehr schade, dass sie so viel kosten“, sagt sie. Aber wenn man bedenke, dass Nathan Fillion, bekannt aus der Krimiserie „Castle“, 100 Euro verlangt, wären 30 Euro schon fast okay.

Bis zu 100 Euro für ein Autogramm

Ein paar Stunden vom Alltag abschalten und verrückte Dinge sehen sei das Ziel der Messe, sagt Mitorganisator Matthias Neumann. Comic Cons boomen in Deutschland: Ähnliche Treffen gab es bereits in Dortmund und Hannover, die Veranstalter variieren.

Comic-Experte wertet Messe als „neuen Höhepunkt“

Die Stuttgarter Messe komme seiner Einschätzung nach einer amerikanischen Convention bislang am nächsten, lobt Steffen Volkmer vom Comic-Verlag Panini. Mit ihrer Breitenwirkung markiere sie „einen neuen Höhepunkt in Deutschland“. Bislang hätten es Comics hier eher schwer gehabt, so der Experte. Nach dem Krieg sei vieles, was aus den USA kam, vor allem von den älteren Deutschen abgelehnt worden. „Es wurde Boden gut gemacht, es gibt hier aber immer noch Aufholbedarf.“ Messesprecher Wallbillich freut sich schon auf die Fortsetzung der Stuttgarter Comic Con Anfang Juli 2017 – dann wohl mit mehr Fläche. Man sei eher vorsichtig gestartet und positiv überrascht worden: „Die Atmosphäre ist einfach toll.“

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