3,3 Millionen Menschen packen mindestens einmal im Jahr die Route ein und ziehen ans Wasser. Foto: oleshkonti/Fotolia

Angler sind Witzfiguren. Mancherorts. Der Cartoon mit dem einsamen Angler im Boot, die Pfeife im Mund, der einen alten Schuh am Haken hat, ist ein Klassiker. Angler müssen das ertragen. Es ist der Spott der Ahnungslosen: Hobbyanglern geht es vor allem um Ruhe, Stressabbau und inneren Frieden.

Stuttgart - Uferlos ist das Thema. Uferlos und tief wie ein See voller Rotaugen. So viele Vorurteile, die abzubauen sind, so viele Eindrücke, Überwältigungen, die beschrieben sein wollen. Womit also beginnen? Am besten mit einem polnischen Witz. Frage: Was ist die kürzeste Verbindung zwischen einem See und einem Idioten? Antwort: Die Angelschnur. Ha, ha. Selten so gelacht.

Angler sind Witzfiguren. Mancherorts. Der Cartoon mit dem einsamen Angler im Boot, die Pfeife im Mund, der einen alten Schuh am Haken hat, ist ein Klassiker. Angler müssen das ertragen. Es ist der Spott der Ahnungslosen. Ihnen gilt nicht die Wut der fischenden Zunft, sondern ihr Mitleid. Man muss ihnen vergeben, sie wissen nicht, was sie tun. Wie sollen sie auch? Wie sollen sie wissen, was es bedeutet, im Morgendunst und übermüdet im eiskalten Wasser zu stehen, welche aufrauschende Freude zu frieren und zu warten und zu frieren und zu warten – und zu frieren. Idiotisch? Ja, vielleicht. Bestimmt sogar. Und schön. Und euphorisch. Das Glück ist eine Angelschnur.

52 000 Arbeitsplätze hängen von Hobbyanglern ab

Schon gut, lassen wir den Pathos. Angler neigen zu Übertreibungen. Aber auch wenn man sie nicht versteht, muss man sie wenigstens registrieren. Sie sind da, und sie sind viele. 3,3 Millionen Menschen packen mindestens einmal im Jahr die Route ein und ziehen ans Wasser. Fünf Prozent der Bevölkerung – die nicht mehr aktiven eingerechnet – sind Angler. 1,5 Millionen haben den Fischereischein, eine Million sind in Angelvereinen oder Verbänden organisiert.

Immerhin 52 000 Arbeitsplätze hängen von den Hobbyanglern ab. Sie besorgen der Volkswirtschaft einen jährlichen Umsatz von 5,2 Milliarden Euro und sind damit wichtiger als die gesamte sonstige Fischindustrie. Die Zahlen kommen von Robert Arlinghaus. Der muss es wissen, denn er hat an der Berliner Humboldt-Universität den einzigen deutschen Lehrstuhl, der sich explizit mit dem Angeln beschäftigt.

Angelläden sind Traumpaläste

Wer das alles nicht glaubt, sollte sich einmal in einem Angelladen umsehen. Meistens liegen sie direkt neben dem Baumarkt. Denn Angelläden brauchen Platz. Es sind Traumpaläste mit Wäldern von Angelruten, Irrgärten voller Zubehör für den zeitgemäßen – damit auch dieser dumme Ausdruck wenigstens einmal fällt – Petrijünger. Bekleidung und Zubehör, Haken, Wobbler, Pilker, Posen, Köder, Anfutter in jeder Geschmacksrichtung von Kirsche bis Vanille – für den anspruchsvollen Fisch.

Im Schnitt gibt der deutsche Angler jedes Jahr 920 Euro für sein Hobby aus, hat Arlinghaus­ in seinem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) errechnet. Natürlich braucht das niemand. Man kann Fische mit Stock, Schnur und Haken fangen, an dem ein Maiskorn befestigt ist oder ein Stück Frolic oder ein Wurm. Offenbar geht es um anderes. Um eine Art Männertraum offenbar.

Denn das muss man zugeben: Angeln ist Männersache. Rein statistisch. Über 90 Prozent sind Kerle. Warum nur? Äh, nun ja. Wie soll man das politisch korrekt sagen? Vielleicht haben Frauen da gewisse ernährungsästhetische Blockaden. Es ist nicht jederfraus Sache, wenn im Kühlschrank zwischen Spargel und Joghurt die Köder-Maden für den Angelausflug am nächsten Morgen frisch gehalten werden.

Hobbyangler als Hobbypoeten

Das ist natürlich völlig irrational, denn Maden sind eigentlich reines Eiweiß und sehen­ nicht viel anders aus wie die weithin geschätzten Krabben. Aber gut, Frauen ticken­ so. An dieser Stelle darf sich der Verfasser vielleicht mit einem Tipp einbringen: Er kann aus eigener Erfahrung berichten, dass es eine entschiedene Belastung für eine Beziehung bedeutet, wenn sich in der Angelausrüstung, die man im Keller abstellt, um sie erst nach Wochen wieder zur Hand zu nehmen, zwei oder drei dieser Maden unentdeckt eingeschlichen haben. Denn diese Tierchen haben die – angeltechnisch durchaus schätzenswerte – Eigenschaft, sich in einer gewissen Hemmungslosigkeit zu vermehren.

Aber hier ist ein abrupter Themenwechsel angesagt, denn dieser Text will doch eine Werbung für das Angeln sein. Das fällt auf: Wer vom Angeln schwärmt, schwärmt oft vom Drumherum. Da wird der Hobbyangler zum Hobbypoeten. Das Abendlicht, die zitternde Pose im Wind, durchziehende Vogelschwärme, Wind und Wellen. Und würde sich an dieser Stelle noch mal der Verfasser ins Bild drängen, dann könnte er davon berichten, wie er mit Sohnemann am Flussufer saß, während oben an der Böschung eine bedrohlich schnaufende Bache samt Nachwuchs erschien. Worauf auf der menschlichen Seite dieser Konfrontation schon der Rückzug ins Feuchte erwogen wurde, ehe das Wildschwein klugerweise nachgab. Und wo es gerade um Vater und Sohn geht. Gemeinsames Angeln ist nonverbale Kommunikation. Mit Worten kommt man einem 18-jährigen Technofreak mit Hang zur elternfreien Tagesgestaltung und Ein-Wort-Sätzen niemals so nahe wie beim Fischen.

Klingt so, als ginge es gar nicht um die Fische­. Stimmt auch irgendwie. Es gibt eine Reihe von Anglern, denen es vor allem um Ruhe geht, um Stressabbau in der Natur, um Einklang und inneren Frieden. Angeln als Meditation. Überspitzt gesagt: Anstrengend wird das Angeln erst, wenn der Fisch am Haken zappelt. Also besser gar nichts fangen?

Einübung in die Vergeblichkeit der Hoffnung

Professor Arlinghaus hat das genauer untersucht. Er hat den deutschen Anglern Fragen gestellt. Eine große Mehrheit (fast 80 Prozent) stimmte dabei dem Satz zu: „Wenn ich angeln gehe, bin ich ebenso glücklich, wenn ich nichts fange.“ Oder um es mit Christoph Schwennicke zu sagen, dem Chefredakteur des Magazins „Cicero“, der über seine Passion ein wunderbares Buch geschrieben hat: „Meistens keine Fische zu fangen – darin liegt der Reiz, das höchste Glück, das nur noch vom Glück übertroffen wird, ab und zu mal einen Fisch zu fangen.“

Aha. Schöner scheitern – geht es darum? Unbestritten ist, dass das Angeln eine gerade buddhistische Einübung in die Vergeblichkeit der Hoffnung ist. Eine kleine Sammlung der Pleiten: Es können sich die Schnüre nebeneinander fischender Kollegen heillos verwickeln, verheddern, verknoten. Sich irgendwo­ zu verhaken ist auch der natürliche Zustand von Blinkern und Wobblern, die sich in unterseeischen Gräsern festzurren. Da bleibt dann nur der beherzte Griff zum Messer. Fische können launige Gesellen sein. Sie können so tun, als hätten sie gebissen, dabei haben sie nur ein bisschen am Köder gezupft. Sie können auch ganz vom Haken gehen. Und wenn sie dran bleiben, können sie sich als buchstäblich ganz kleine Fische entpuppen – statt des ersehnten kapitalen Hechts. Aber wie sagt Schwennicke: „Wer Fische nach Hause tragen will, der geht zur Nordsee oder zu Rewe.“

Schön gesagt. Leider völlig unglaubwürdig. Diese ganze Naturseligkeit ist nämlich der Zustand vor dem konkreten Angelausflug. Also einfach mal ins Blaue gesagt. Aber wenn der Köder im Wasser ist, dann bitteschön soll auch was passieren. Der Fang, sagt wieder der Professor, entscheidet über die Zufriedenheit, nach dem Angeln. Ohne Biss nämlich fühlt sich dann plötzlich der schönste Tag in der Natur an wie ein 0:0 bei einem mit großer Hoffnung erwarteten Fußballspiel.

Keiner angelt, um was zu essen zu haben

Insgesamt ermittelt Arlinghaus sieben Motivationen für das Angeln. Das Fischen, um etwas zu essen zu haben, ist keine davon. In seinen Worten: „Selbst zu Hartz-IV-Zeiten kann jeder dank der modernen Landwirtschaft und des vortrefflichen Tauschmittels Geld die lebensnotwendigen Nahrungsmittel kostengünstig erwerben.“ Er unterscheidet als Motive: eins werden mit der Natur, das Erlebnis des Fangs, Herausforderungen meistern, der Nervenkitzel, die Mischung aus Beobachten, Geduld und Kombination sowie Status. Klar, letzteres kennt man unter Männer. Es ist das alte Spiel: Wer hat den längsten – Fisch, wer das beste Gerät?

Das heißt aber auch, dass beim Angeln die unterschiedlichsten Typen Zufriedenheit finden können. Die Ruhesucher, die beschaulich mit der Pose auf Friedfisch angeln, den Blick mit der Wasseroberfläche verschmelzen lassen und langsam leer und allumfassend und leicht und irgendwie sphärisch und indisch und yogihaft beflügelt werden – bis sich die Schnur im Schilf verheddert und der Yogiflieger eine Landebahn braucht. Die Draufgänger, die Hemingways, die John Waynes, die es unter Hecht nicht tun und die sich die Hechtköpfe an die Türpfosten ihres Ferienhauses am See nageln.

Die wollen nicht dasitzen und nichts tun. Die wollen Bewegung, das regelmäßige Auswerfen der Route, den langen Drill, also den Kampf mit dem geköderten Raubfisch. Und die Freaks, die Karpfenjäger, die wie Detektive das Revier auskundschaften, ihren Zielfisch anlocken, indem sie tagelang das Objekt ihrer Begierde „anfüttern“ und die dann im Zelt campieren, immer bereit von der Klingel an der Route geweckt zu werden, wenn der Karpfen endlich mürbe ist. Jeder findet seinen Weg, seinen Stil, seine Art, sich auszudrücken. Wenig ist das nicht.

Übrigens noch eine gut gemeinte Warnung. Nicht jede Frage wird vom Angler gern gehört. Fragen sie BITTE NIE! einen Angler: „Na, beißt es?“ Schwennicke hat ein T-Shirt. Das zieht er gern zum Angeln an. Darauf steht in sehr großer Schrift: „Ja, es gibt Fische. Nein, sie beißen heute nicht. Doch, essen kann man sie auch. Stimmt, man braucht einen Angelschein.“ Und damit sollte ja auch alles geklärt sein. Na, dann: Petri Heil!