In Deutschland dürfte die Weizenernte in diesem Jahr um ein Fünftel geringer ausfallen als 2017. Foto: dpa

Das Getreide ist so teuer wie seit vier Jahren nicht mehr. Noch dämpfen Preissenkungen bei anderen Lebensmitteln den Effekt – doch 2019 könnte die Inflation stärker anziehen.

Frankfurt - Der rekordverdächtige Sommer 2018 fordert seinen Tribut. Ernteausfälle in Nordeuropa, Australien und der Ukraine haben den Weizenpreis auf ein Mehrjahreshoch getrieben: An der Pariser Warenterminbörse Matif kostet der maßgebliche Kontrakt für die Lieferung von Weizen im September über 200 Euro pro Tonne, so viel wie zuletzt im Frühjahr 2014.

„Die Matif-Preise schlagen eins zu eins auf die Verkaufspreise der Mühlen durch“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes deutscher Mühlen, Peter Haarbeck. „Wenn die Getreidepreise weiter steigen, bekommen das irgendwann auch die Verbraucher zu spüren. Für den Kauf von Mehl im Supermarkt gilt das mit Verzögerung, weil die Einzelhändler in der Regel langfristige Lieferverträge mit einzelnen Mühlen schließen. Aber ich denke schon, dass die Kosten für die Herstellung von Brot und Brötchen steigen werden.“

Inwieweit die Bäcker diese Mehrkosten an die Verbraucher weitergeben, hänge „von der Kalkulation und der Kostenstruktur des jeweiligen Unternehmens“ ab, heißt es bei der Werbegemeinschaft des deutschen Bäckereihandwerks. Daher könne „keine pauschale Aussage über eine eventuelle Anpassung getätigt werden“, teilte Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Molkereiprodukte werden wieder günstiger

Auf Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln wie Brot reagieren Verbraucher in der Regel besonders sensibel – handelt es sich doch um Produkte, die sie fast täglich kaufen. Insgesamt dürfte sich die Teuerung bei Lebensmitteln dieses Jahr allerdings in Grenzen halten, sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank: Die Preise für Molkereiprodukte seien zuletzt wieder gesunken, auch Obst dürfte wegen des heißen Sommers billiger werden. Im kommenden Jahr rechnet Schneider dann aber mit einer anziehenden Teuerungsrate: „Man muss schon davon ausgehen, dass die diesjährigen Ernteausfälle einen spürbaren Effekt auf die Nahrungsmittelpreise haben werden und dass es nach einem Rückgang, der bis zum Jahreswechsel anhalten könnte, 2019 zu einem leichten Anstieg kommt.“ Alarmismus sei dennoch unangebracht: Selbst unter der pessimistischen Annahme, dass sich Lebensmittel um sechs Prozent verteuern sollten – ein solcher Anstieg wurde in Deutschland zuletzt vor zehn Jahren registriert – dürfte die Inflationsrate 2019 im Jahresschnitt höchstens 2,3 Prozent erreichen, schätzt Schneider.

Der Grund: Die Kosten für Nahrungsmittel haben am nationalen Verbraucherpreisindex lediglich einen Anteil von neun Prozent. Das heißt: Die Essensausgaben fallen beim deutschen Durchschnittshaushalt nicht so stark ins Gewicht. „Das einzige, worüber man sich natürlich Sorgen machen kann, sind finanziell schwächere Haushalte“, gibt Schneider zu bedenken. „Da machen die Ausgaben für Lebensmittel einen höheren Anteil am Budget aus.“

Arme Länder trifft es besonders hart

Noch problematischer sind steigende Getreidepreise für viele Menschen in Entwicklungsländern. Erstens machen Nahrungsmittel dort einen erheblichen Anteil der Lebenshaltungskosten aus. Zweitens ist auch der Zusammenhang zwischen Rohstoff- und Verbraucherpreisen enger: „Natürlich trifft Länder, in denen Lebensmittel nicht so viele Verarbeitungsstufen durchlaufen, eine Erhöhung der Rohstoffpreise stärker als uns“, sagt Deutsche-Bank-Experte Schneider.

In den Jahren 2007 und 2008 lösten die steigenden Getreidepreise sogar Unruhen in mehreren Entwicklungs- und Schwellenländern aus. Damals waren die Kurse an den Rohstoffmärkten allerdings noch weitaus höher als jetzt, der Weizen-Kontrakt an der Matif notierte 2008 bei fast 300 Euro. Und noch aus einem weiteren Grund ist die Lage heute entspannter: „Die globalen Getreidelager sind gut gefüllt, das sollte potenziellen Versorgungsproblemen entgegenwirken“, erläutert Schneider.

Vor zehn Jahren lösten die Hungerrevolten eine heftige Debatte über Finanzspekulanten an den Rohstoffmärkten aus. Dass diese einen gewissen Einfluss auf die Kurse ausüben, räumt auch Banker Schneider ein: „Grundsätzlich sind am Warenterminmarkt natürlich viele Bauern und Lebensmittelproduzenten aktiv, um sich gegen Preisschwan­kungen abzusichern. Aber in einem Umfeld, wo die Renditen auf andere Anlageobjekte nicht besonders hoch sind, ist natürlich die Versuchung für andere Investoren groß, auf so ein Thema aufzuspringen.“ Zu Bedenken gelte es dabei aber, „dass die Preise an den Warenterminmärkten Tagesaufnahmen sind und sich wieder zurückbilden können, wenn beispielsweise auf der Südhalbkugel die Ernten besser ausfallen“.

Die Deutsche Bank hat sich seit der Finanzkrise weitgehend aus dem Geschäft mit Agrarrohstoffen zurückgezogen. Kritiker wie die Organisation Foodwatch werfen dem Geldhaus allerdings vor, weiterhin Fonds zu verkaufen, die neben der Preisentwicklung von Gold oder Industriemetallen auch die von Agrarrohstoffen abbilden. Die Bank ermöglicht also interessierten Kunden, von steigenden Getreidepreisen zu profitieren.

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