Neuankömmlinge wundern sich manchmal, wie es zu einem derartigen Stadtquartier kommen konnte. Der Klimawandel lässt Reparaturen sinnvoll erscheinen, aber auch die städtebauliche Situation. Einen Generalplan dafür hat die Stadtverwaltung nicht.
Das Leben in der Asphalt- und Betonwüste kann hart sein an heißen Sommertagen. Der Stadtbahnfahrgast steht an der Haltestelle Budapester Platz neben dem Einkaufszentrum Milaneo. Von Süden herüber strahlt die Sonne unbarmherzig auf Stein und Beton und den Stahl der Gleise – und auch unter die kleinen Glasdächer, die Fahrgäste schützen sollen, aber offenbar nur vor Regentropfen.
Die Station im Europaviertel ist ein Ort für Menschen, die hart sind im Nehmen. Immerhin: 200 Meter aufwärts plätschert am Mailänder Platz ein Wasserspiel wie eine rettende Oase. Kleine Kinder waten durchs Nass. Ein paar Erwachsene sitzen am Rand. Nebenan bieten einige Sonnenschirme und Bäume etwas Schatten.
Wasserspiel und Haltestelle – das sind Glanz und Elend dieses Viertels in einem heißen Sommer, wie er im Klimawandel mehr und mehr zur Normalität wird. Es ist eines der jüngsten Stadtquartiere, dennoch stellt sich auch da die Frage, wie man hier im Jahr 2050 leben kann. Und auch die städtebauliche Frage: Will sich die Stadt mit dieser Tristesse abfinden? Stuttgarter, die später hinzu kamen, fragen manchmal, wie das passieren konnte. Ob die Stadtplaner von allen guten Geistern verlassen waren. Und warum so viele tatenlos zuschauten.
So tritt das Viertel in Erscheinung Um die Stadtbibliothek herum gibt es reichlich Gebäudefluchten und Pflaster, ein wenig Rasen. Auf einigen Dächern von Nachbargebäuden sprießen Pflanzen. Außer am Mailänder Platz fließt auch beim Pariser Platz, einer Art Dauerbrachfläche, ein wenig Wasser, in einer Ecke, und ein kleiner Brunnen spuckt Trinkwasser für durstige Passanten aus. Ansonsten im Viertel: eher spärliche Bäume in breiten Straßen, ein paar Sitzbänke, auf Pflaster montiert. Die Stadtklimatologen im Rathaus sagen, das Gebiet in leichter Hangsituation sei sehr sonnenexponiert, anfällig für hohe Wärmebelastung. Klimaprojektionen ließen „eine deutliche Zunahme bis hin zu einer Verdoppelung der Wärmebelastungstage“ erwarten.
So ist es zu diesem Viertel gekommen Damals, als beim Städtebau- und Bahnprojekt Stuttgart 21 die erste Etappe begann, spielte die Deutsche Bahn die erste Geige. Sie räumte das sogenannte Areal A1, wo einst der Güterbahnhof war, und vermarktete es selbst. Sie wollte die Grundstücke ausmosten. Maßgebliche Akteure bei Stadt, Land und Region Stuttgart wollten ihrerseits das Jahrhundertprojekt haben. Daher die massive Bebauung. Noch der größte städtebauliche Erfolg scheint zu sein, dass es einige Dachbegrünungen gibt – und Straßen, die Sichtachsen zwischen den Stuttgarter Hängen im Osten und Norden freihalten.
So geht die Verwaltung heute damit um Die Pressestelle richtet aus dem Referat Städtebau, Wohnen und Umwelt aus, man habe derzeit keine konkreten Pläne für Veränderungen. Auch nicht am Pariser Platz. In der eigentlichen Innenstadt sei die Anpassung an den Klimawandel dringlicher, der Wohnanteil höher und die Durchlüftung schlechter. Ins Europaviertel fließe zwischen Halbhöhe und Schlossgarten vergleichsweise viel Kaltluft. Die hohen Gebäude seien Vorteil und Nachteil zugleich: Sie werfen relativ viel Schatten, heizen sich aber auch mächtig auf und strahlen Wärme ab. Die städtebauliche Idee sei es von Anfang an gewesen, in diesem Viertel dicht zu bauen, um die grüne Lunge Schlossgarten möglichst wenig zu tangieren und um von deren Nachbarschaft zu profitieren – „insofern ist dieser Ansatz auch heute noch stabil und gültig“, ist vom Referat des Bürgermeisters Peter Pätzold (Grüne) zu hören.
Dort sieht man allerdings „noch Bedarf und Potenzial“ an Trinkwasserbrunnen, aber eigentlich stadtweit. Nachträgliche Baumpflanzungen habe man in der Lissabonner Straße bereits umgesetzt. Für weitere Straßen sei so etwas „in begrenztem Umfang möglich“ und sinnvoll. Das lasse sich freilich über den gesamten Talgrund in Stuttgart sagen. Die Stadtklimatologen merken aber an, zur Anpassung ans Klima seien im Europaviertel geeignete Maßnahmen erforderlich. Bereiche, wo sich Menschen aufhalten, sollten beschattet werden, etwa mit großkronigen Bäumen. Am Mailänder Platz stelle sich das bereits gut dar.
So könnte eine gefühlte Kühlung für die Menschen gelingen Die Klimatologen finden, am Pariser Platz könnte man mit temporären technischen Lösungen wie Sonnensegeln oder Sonnenschirmen arbeiten. Um im Viertel das Aufheizen von Bauten zu verringern, empfehle sich eine Fassadenbegrünung. In dem Zusammenhang lobt die Verwaltung einige begrünte Dächer – aber nicht die Bibliothek. Logisch: Dort wandeln schaulustige Besucher über technische Dachaufbauten. „Ein grausiges Dach“, sagt Jürgen Baumüller, der als ehemaliger Chef der Abteilung Stadtklimatologie wahrscheinlich offener reden kann als die amtierenden Kollegen. Auch er plädiert für große Sonnensegel oder Sonnenschirme auf dem Pariser Platz bzw. für mobile Beschattungseinrichtungen. Dann könnte eine andere Nutzung denkbar sein, unter Umständen mit mobiler Infrastruktur: „Warum nicht mal ein mobiler Biergarten auf Zeit?“ Um den Platz herum ist ja auch in fast allen Gebäuden sogar das Erdgeschoss für Büros oder Wohnungen genutzt.
So könnte ein Konzept angelegt sein Sonneneinstrahlung und Außentemperaturen könne man nur wenig beeinflussen, vielleicht durch reflektierende Beläge, sagt Baumüller. Die gefühlten Temperaturen, die für das Wohlbefinden der Menschen wichtig sind, ließen sich besser beeinflussen – freilich jeweils kleinräumig. Baumüller wünscht sich „viele gestaltete Coolspots“ mit Schattenspendern, Wasser, konsequenten Baumpflanzungen, Dachbegrünung und Fassadenbegrünung. Letztere ist im Europaviertel aber praktisch nicht vorhanden.
So geht es den Bäumen im Viertel
Bedingt vital
Das von Bürgermeister Dirk Thürnau (SPD) geleitete Technik-Referat berichtet, es kämen nicht alle Arten gleich gut „mit den extremen Standortbedingungen zurecht“. Die Eschen auf dem Mailänder Platz seien in einem guten Zustand, ebenso die Ginkgos und Erlen in der Lissabonner Straße. In der habe man nach der Übernahme der Plätze und Straßen von der Bahn nachträglich Bäume gepflanzt. „Wir mussten feststellen, dass die Böden in diesen Bereichen von extrem schlechter Qualität sind.“ Das erkläre womöglich den schlechten Zustand der Stadtbirnbäume entlang der Moskauer Straße und der Zierkirschen am Rand des Pariser Platzes. Da müsse man notfalls an den Austausch denken.