Das Historische Volksfest war 2018 ein voller Erfolg. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Volksfest machte im September einen Abstecher nach Stuttgart. Und wirklich alle ließen sich verzaubern vom Flair des Rummels auf dem Schlossplatz. Auch Schausteller Mark Roschmann. Gibt es 2019 eine Wiederauflage?

Stuttgart - So eine große Bühne hatten die kleinen Stars selten. Karl, der stärkste Floh der Welt, Bastian Flohsteiger, der Kicker mit dem Wums, die Kutschenzieher Sissi und Rudi zeigten ihre Künste auf dem Schlossplatz. Und zogen die Menschen in Scharen an. Vor dem Flohzirkus von Klaus Birk standen sie Schlange, warteten eine halbe Stunde und länger. Wann sieht man auch schon mal Artisten, die das 170 000-Fache ihres Körpergewichts ziehen können wie Karl?

In Stuttgart bisher nur dann, wenn man 200 Jahre Volksfest und 100. Landwirtschaftliches Hauptfest feiert. Und der Rummel das erste Mal in seiner Geschichte über den Neckar zog. Eine halbe Million Besucher waren begeistert, die Polizei war arbeitslos, nicht eine Straftat gab es zu verzeichnen, und die Hauptdarsteller, die Schausteller, waren glücklich.

Familie seit 100 Jahren auf dem Wasen

Sie lassen Karussells fahren, brennen Mandeln, rollen Zuckerwatte, verkaufen Lose. Und sind nebenbei Historiker in eigener Sache. Kaum einen Schausteller gibt es, der nicht seinen Stammbaum parat hat und weiß, dass der Urururopa väterlicherseits einst Könige unterhalten, und auf welchen Festplätzen der Uropa mütterlicherseits einst Halt gemacht hat. Tradition ist ihnen wichtig, wer viel unterwegs ist, braucht es vielleicht auch, sich seiner Wurzeln zu versichern. Natürlich kennt auch Mark Roschmann die Geschichte seiner Ahnen. Und die Geschichten. „Seit 100 Jahren steht meine Familie auf dem Cannstatter Wasen“, sagt er. Uropa Paul Rebmann hatte eine Berg- und Tal-Bahn und bat die Leute in Raketen, die um einen Mond und Sterne kreiste. Damals in den wilden Zwanzigern als die Leute allmählich den Ersten Weltkrieg vergaßen, wieder Geld hatten sich zu amüsieren, an eine goldene Zukunft glaubte und von Flügen zum Mond träumten. „Wir verkaufen Ablenkung vom Alltag“, sagt Roschmann, „und das Erlebnis zu fliegen oder Auto zu fahren hatten lange Zeit nur wenige.“ Also fuhren sie Boxauto.

Ehrensache, dass er und seine Kollegen begeistert waren von der Idee, auf dem Schlossplatz ein Historisches Volksfest zu veranstalten. Und sie Christian Eisenhardt und René Otterbein mit Rat und Tat zur Seite standen. Die beiden setzten für die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart das Konzept von Wulf Wager um: Ein Historischer Rummel in der Innenstadt.

Fahrgeschäft in Ehren gehalten

Was braucht es dafür? Natürlich Artisten wie die Seiltänzer der Familie Weisheit, Gaukler wie Gilbert, Fakire wie Jadoo, Quacksalber wie Dr. Marrax, starke Flöhe wie Karl – und Karussels. So eines wie der Kettenflieger der Familie Roschmann. „Das älteste erhaltene Stuttgarter Fahrgeschäft, gebaut 1921/1922“, betrieben von Mark Roschmanns Schwester. Über all die Jahre in Ehren gehalten. Roschmanns Opa war im Krieg, die Oma stand mit dem Wohnwagen unter der König-Karls-Brücke, daneben lagerte der kostbarste Besitz, das Karussell. Zerlegt. Amüsement war nur selten erlaubt. Roschmann: „Sie hat das Karussell immer mal wieder aufgebaut, wenn es eine Erlaubnis der Behörden gab.“ Geholfen bei der Plackerei haben Schulkinder, die dafür eine Freikarte bekamen. Nach dem Krieg reisten sie wieder. Die Einnahmen mussten sie aber teilen. Roschmann: „Wer ein Karussell hatte, musste halbe/halbe machen mit Schaustellern, die alles verloren hatten.“

Wie alle rappelte man sich wieder auf. Und musste erfinderisch sein. So wie der Opa von Stefanie Buchholz. Aus der Gefangenschaft kommend, fand er sein Karussell in Trümmern vor. Um die Raupenbahn zu reparieren, bediente er sich bei ausgebrannten Panzern. Seitdem fahren die Gondeln auf Panzerrädern. Heute noch. Stefanie Buchholz’ Mann Peter erzählte die Historie. Auch die Raupenbahn stand auf dem Schlossplatz. Die heißt so, weil kurz vor Fahrtende das Verdeck herabfiel, und man sich unbeobachtet von Eltern, Lehrern und Pfarrern küssen konnte. Enthusiasten sind es, die sich um diese alten Fahrgeschäfte kümmern. So wie Uwe Kircher. „Andere sammeln Briefmarken, ich Fahrgeschäfte“, sagte er. Angefangen von der Hutwurfbude bis zur Berg- und Tal-Bahn. Er betreibt er mit seiner Frau Eliszi das Jahrmarkttheater auf dem Killesberg. Nicht nur zwei Fahrgeschäfte brachten sie mit, auch das Spiegelzelt.

Ganz anderes Publikum

Darin zeigten die Schausteller ihren Beitrag zum Volksfest. Und dass ihre Geschäfte mehr sind als nur Kulisse für eine gigantische Party und Völlerei. Die übrigens so manchem so sauer aufstößt, dass er Bad Cannstatt zur Volksfestzeit meidet. „Dieses Publikum hätten wir nicht auf den Wasen bekommen“, sagt Roschmann, „dort hätte das Historische Volksfest nicht so gut funktioniert.“ Deshalb plädieren seine Kollegen und er dafür, bei der geplanten Wiederholung auf dem Schlossplatz zu bleiben. „Und wenn man es nur alle zwei oder vier Jahre macht“, sagt er, „aber das funktioniert so nur vor dieser speziellen Kulisse.“ Dieser besonderen Bühne auf der auch die kleinen Stars ganz groß rauskommen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: