Das Deizisauer Wohnhaus in der Marktstraße 5 hat eine bewegte Geschichte. 1997 zog die Familie Haible in das lange als landwirtschaftliches Anwesen genutzte Gebäude ein. Bei der Sanierung stand sie vor einer außergewöhnlichen Aufgabe.
Norbert Haible sitzt dort, wo sich früher einmal die gute Stube des Wohnhauses in der Marktstraße 5 befand. In der bäuerlichen Welt des 17. Jahrhunderts war das ein Raum für besondere Anlässe. Heute steht an dieser Stelle der Esstisch von Familie Haible, die hier 1997 einzog. Fachwerkbalken säumen die Decke, die Wand ist mit alten Lamperien verkleidet.
Das Gebäude zählt zu den ältesten, noch erhaltenen Häusern Deizisaus. Als der Architekt Haible und seine Ehefrau Birgit ihr jetziges Heim umbauten, fanden sie an der Wand eine Inschrift mit der Jahreszahl 1613. Eine Holzuntersuchung und die Bauweise deuten laut Ortskenner Siegfried Künstle, der ein Buch über die Kirche Deizisaus geschrieben hat, sogar auf ein Erbauungsdatum zwischen 1570 und 1590 hin.
Ein Teil ist nicht mehr zu retten
Zunächst diente das Gebäude als Wagnerei, also als Werkstatt zur Herstellung von Wagenrädern und anderen Geräten aus Holz. „Deswegen sagt man im Deizisauer Sprachgebrauch auch: Das ist das ,Wägnerhaus‘“, erzählt Künstle. Später wurde es zu einem landwirtschaftlichen Anwesen. Mindestens seit den 1980er Jahren sei es dann nicht mehr bewohnt gewesen, sagt Norbert Haible. Bis er und seine Familie kamen. Für den Architekten war es nicht die erste Berührung mit alten Häusern. Sein Vater – ebenfalls Architekt – hatte im Laufe seines Berufslebens einige von ihnen saniert. Auch aufgrund dieser Erfahrungswerte entschlossen sich Birgit und Norbert Haible zum Kauf.
Vor dem Einzug gab es allerdings noch einiges zu tun. „Das Haus war damals in einem sehr schlechten Zustand“, sagt Norbert Haible. Zwar bekam die Familie von der Gemeinde Zuschüsse für die Sanierung. Andererseits galten strenge Richtlinien für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Der hintere Teil, in dem sich einst der Stall befunden hatte, war laut Haible nicht mehr zu retten. „Den haben wir nach langem Hin und Her mit dem Denkmalamt abgerissen“, sagt er. Ansonsten sollte trotz Modernisierung möglichst viel vom historischen Charakter bestehen bleiben.
Sanierung als Spektakel
Eine besondere Herausforderung: Über die Jahre hinweg war die Marktstraße immer wieder aufgefüllt worden – und das Haus deshalb Stück für Stück schief im Boden abgesackt. Daran mussten die Haibles vor dem Einzug etwas ändern, ohne dabei die Fachwerkbalken zu beschädigen. Sie entschieden sich, vorübergehend eine Stahlkonstruktion um ihr neues Domizil bauen zu lassen. Die sollte den vorderen Teil hydraulisch um mehr als einen Meter anheben und wieder gerade stellen. Allerdings überstieg die erste Kostenkalkulation das geplante Budget deutlich. Abhilfe schaffte ein Bauunternehmen, auf das Norbert Haible über einen Freund stieß. „Der war zuvor eine Weile in Nepal gewesen. Dort hatten sie die ganze Brücken angehoben und waren mit dem Boot den Fluss hinuntergefahren“, sagt der Architekt über seinen Freund und die Firma.
Dank der Expertise des Unternehmens gelang es, die Kosten doch noch im gesteckten Rahmen zu halten. „Das Anheben war dann schon ein Spektakel“, sagt Haible. Heute bewohnt er mit seiner Familie das Obergeschoss und die zwei Dachgeschosse. Auch die beiden Kinder der Haibles sind in dem Haus aufgewachsen. An den Türbalken der Kinderzimmer, im Bad oder im schiefen Dachgebälk der Gerümpelkammer findet sich noch das ursprüngliche Fachwerk. Das Erdgeschoss ist an eine andere Familie vermietet. „Es wohnt sich gut hier drin“, sagt Norbert Haible. Immer wieder beobachtet er Passanten, die stehen bleiben, um einen Blick auf das Gebäude zu werfen. Nicht ohne Stolz in der Stimme sagt der Architekt: „Das ist schon etwas Besonderes.“