Einst ein architektonisches Schmuckstück: die Villa Berg im gleichnamigen Stuttgarter Stadtteil Berg. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Eines der prachtvollsten Gebäude der Stadt ist seit Jahren in einem Zustand, der Stuttgarts unwürdig ist. Höchste Zeit, dass die Villa Berg samt Park herausgeputzt werden, findet Lokalchef Jan Sellner.

Stuttgart - Stuttgart hat sich allerhand geleistet. Gemeint sind Dinge, die der Stadt nicht gut zu Gesicht stehen – Stadtautobahnen zum Beispiel, die nicht mehr wegzukriegen sind, oder andere Bausünden, die nicht wieder gutzumachen sind, wie der Abriss stadtbildprägender Gebäude, angefangen vom alten Steinhaus über die im Krieg beschädigten ältesten Gebäude Stuttgarts und das ebenfalls beschädigte Kronprinzenpalais bis hin zum unbeschädigt gebliebenen Kaufhaus Schocken.

Die Stadt hat sich auch geleistet, eines der schönsten Gebäude, das sich auf Stuttgarter Boden befindet, jahrelang leer stehen zu lassen. Die Rede ist von der Villa Berg im Stuttgarter Osten: ein architektonisches Schmuckstück, erbaut in den Jahren 1845 bis 1853 von Christian Friedrich von Leins im Stil der italienischen Hochrenaissance, umgeben von einem Landschaftspark. Neben dem Neuen Schloss, dem Kronprinzenpalais, dem Prinzenbau, Schloss Rosenstein, dem Wilhelmspalais und der Wilhelma war die Villa Berg einer von sieben königlichen Wohnsitzen in der Residenzstadt Stuttgart; das württembergische Kronprinzen- und spätere Königspaar Karl und Olga nutzte sie als Sommersitz.

„In einem verwahrlosten Zustand“

1913 kam sie erstmals in städtischen Besitz. Auf die Renovierung folgte im Zweiten Weltkrieg die teilweise Zerstörung, dann der vereinfachte Wiederaufbau durch den neuen Besitzer, den Süddeutschen Rundfunk, der das Gebäude für Konzerte und Produktionen nutzte. Danach ging’s mit der Villa Berg-ab. Der Verkauf an die bald darauf insolvente Häussler-Gruppe erwies sich als Flop. Die Villa Berg verfiel in einen Dornröschenschlaf, was allerdings zu märchenhaft klingt. In Wirklichkeit vergammelte das einstige Prachtgebäude hinter Zäunen und Brettern – auch unter dem nächsten Besitzer, einem Düsseldorfer Immmobilien-Unternehmen. Seit vier Jahren gehört es wieder der Stadt, die immerhin das Dach abdichten ließ und andere Sicherungsarbeiten veranlasst hat. Damit ist die Villa aber nicht über den Berg. Im Gegenteil. „Sie ist heute in einem verwahrlosten und heruntergekommenen Zustand.“ Dem Wikipedia-Eintrag ist nichts hinzuzufügen.

Außer, dass bei den Entscheidungsträgern weitgehend Einigkeit herrscht, dass dieser Zustand Stuttgarts unwürdig ist und beendet werden muss. Am 23. Mai, drei Tage vor der Kommunalwahl (!), will der Gemeinderat auf der Grundlage eines Bürgerbeteiligungsverfahren und einer Machbarkeitsstudie über die künftige Nutzung entscheiden. Die Stadtverwaltung favorisiert eine große Lösung. Nach diesen Vorstellungen zieht bald Leben in das tote Gebäude ein; die Villa Berg soll ein „Haus für Musik und mehr“ werden. Wichtig ist, dass den Bürgern dieses historische Erbe zugänglich gemacht und es Bestandteil des Stadtlebens wird. Die ferne Villa Berg wieder zu einem Teil Stuttgarts zu machen und sie standesgemäß herauszuputzen, samt dem sie umgebenden Park, darum muss es gehen. Stuttgart darf gerne auch prachtvoll sein.

jan.sellner@stzn.de

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