Der Waldenbucher Heimatforscher und Theologe Siegfried Schulz mit den restaurierten Kirchenkonvents-Protokollen Foto: Claudia Barner

In alten Protokollbüchern ist festgehalten, wie das Kirchengericht Menschen früher in Waldenbuch diszipliniert hat. Zu den häufigsten Vergehen zählten Fluchen, Arbeit am Sonntag, Schmähen und Zanken. Es wurden auch Spione eingesetzt.

Waldenbuch - Sie haben am Sonntag den Gottesdienst versäumt und in aller Öffentlichkeit laut geflucht? Heutzutage hat das keine Folgen. Vor rund 300 Jahren allerdings wäre solch ungebührliches Verhalten sofort dem örtlichen Kirchenkonvent gemeldet worden. In sieben Protokollbüchern aus jener Zeit ist festgehalten, wie die vom Pfarrer und Schultheiß geleiteten Gerichtstage im Waldenbucher Rathaus damals abgelaufen sind. Ein historischer Schatz aus Pergament und Papier, der jetzt geborgen worden ist.

Der Heimatforscher Siegfried Schulz ist auf der Suche nach Unterlagen zu möglichen Hexenprozessen im Turm der Stadtkirche St. Veit auf die Dokumente gestoßen. Er hat sie akribisch durchgearbeitet – und ein Fenster in die Vergangenheit geöffnet. „Diese Bände erzählen viel davon, wie die Menschen in Waldenbuch damals gelebt haben und wie sie miteinander umgegangen sind. Wir stoßen auf Gottesfurcht, Aberglauben und eine Form der Kirchenzucht, die der Verleumdung Tür und Tor geöffnet hat“, berichtet er.

Die Aufzeichnungen beginnen im Jahr 1662

Kirchenkonvente – so sahen es die Bestimmungen vor – hatten darüber zu wachen, dass im Ort nichts Gotteslästerliches geschah. „Bezugspunkte waren die zehn Gebote, dann die württembergische Kirchenordnung und zum Schluss die fürstlichen Ausschreiben“, erzählt Schulz. Als häufigste Vergehen werden in den Protokollen das Fluchen und Schwören, die Arbeit am Sonntag, die Abwesenheit vom Gottesdienst, Schmähen und Zanken oder das Versäumnis, die Kinder zur Sommerschule zu schicken, genannt.

Die Aufzeichnungen beginnen im Jahr 1662 und enden 1851. Die Bürger waren in dieser Zeit willfährige Helfer des Kirchengerichts in der Schönbuchstadt. „Niemand hätte gewagt, eine Untat zu verschweigen. Damit gefährdete man den ganzen Ort, weil davon ausgegangen wurde, dass Gott die Bestrafung selbst übernimmt, wenn der Kirchenkonvent das nicht regelt.“

Oft genügten Kleinigkeiten, um ins Blickfeld der Gerichtsbarkeit zu geraten. Eine Zeugin etwa meldet den Streit zweier Frauen, die sich als „hur und hex“ beschimpfen. Der Schulmeister wird „der liederlichen haushaltung“ bezichtigt. Außerdem fluche er gern und singe sehr übel. Ein Ehepaar soll vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt haben und muss umständlich nachweisen, dass das aus körperlicher Vereinigung entstandene Kind tatsächlich eine Frühgeburt war.

Geheime Agenten beschäftigt

Taucht im Konventsprotokoll als Quelle der Hinweis „Es ist angebracht worden…“ auf, waren Denunzianten am Werk. Siegfried Schulz hat herausgefunden: „Man hat damals geheime Agenten beschäftigt, die nichts voneinander wussten und in der Stadt als Spione unterwegs waren.“ Später dann gab es die sogenannte Scharwache. Die Mitglieder des Wachdienstes hatten auch die Aufgabe, zu schauen, ob kranke Personen zu Recht im Bett lagen oder sich aus Faulheit vor dem Gottesdienst oder der Arbeit drückten.

Bestraft wurden die verhandelten Verstöße in der Regel mit einer Geldbuße. In schwereren Fällen konnten die betroffenen Bürger für einige Tage im Turm des Stadttors inhaftiert werden. Für Siegfried Schulz wird daraus sichtbar: „Man machte den Leuten die Hölle heiß. Jeder wusste alles von jedem. Es war ein angstbasiertes Kontrollsystem, dass uns heute Schauer über den Rücken treibt.“

Einen Restaurator aus Tübingen beauftragt

Weil er die einzigartigen Dokumente für die Nachwelt erhalten möchte, hat er in den vergangenen Monaten die Restaurierung der Protokollbücher vorangetrieben. „Der erste Band war in altes Pergament eingebunden und schon sehr zerfressen“, berichtet der Theologe. Gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde hat er Spenden gesammelt und einen Restaurator in Tübingen beauftragt. Inzwischen sind die Arbeiten abgeschlossen, und auch die Bände zwei bis sieben sind wiederhergestellt. „Es wäre schön, wenn sich dafür auch noch Spender fänden“, wünscht sich Siegfried Schulz.

Jetzt werden die historischen Dokumente im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde eingelagert. Damit die Waldenbucher trotzdem einen Eindruck vom Leben ihrer Vorfahren bekommen, hat der Heimatforscher seine Recherchen in einem Aufsatz zusammengefasst. Eine Fortsetzung soll folgen. Denn: „Es gibt zwei weitere Protokoll-Bände, die wir bisher nicht gefunden haben“, verrät der Theologe. Er vermutet, dass sie in einem Fach der Stadtkirche liegen, dessen Stahltür bisher nicht geöffnet werden konnte. Der Jäger des verlorenen Schatzes lässt sich davon nicht entmutigen. „Ich höre erst auf zu suchen, wenn ich Erfolg vermelden kann“, versichert Siegfried Schulz.

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