Ottilie Wildermuth gehörte zu den meistgelesenen Autorinnen des 19. Jahrhunderts – und kümmerte sich um Mädchenbildung. In Marbach ist sie aufgewachsen.
„ Was mir vor Marbach allein stets einiges Bangen erweckte, das war des Hauses älteste Tochter Ottilie ....“ So beklagt sich Karl Mayer 1887 in der Züricher Post. Sein Artikel, einst im Marbacher Literaturarchiv ausgestellt, geriet weinerlich, sollte aber Ottilie Wildermuth huldigen. Die am 22. Februar 1817 als Ottilie Rooschütz in Rottenburg am Neckar Geborene und in Marbach am Neckar Aufgewachsene gehörte zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen und Jugendbuchautorinnen des 19. Jahrhunderts – neben Marie Nathusius und „E. Marlitt“. Und doch blitzte im großen Karl die Schmach des kleinen Karls auf, die er im Hause des Kriminalrats und Marbacher Oberamtsrichters Gottlob Christian Ludwig Rooschütz erfahren hatte. Ottilie war, so Karl, „in allem Wissen und Können weit voraus und überlegen, und namentlich im Lateinischen, das sie gleich einem Knaben erlernt hatte.“ Sie trat „als nicht leicht zu befriedigende Examinatorin auf. Aus solchen Verhören ging ich armes Waiblinger Schulkind regelmäßig gedemütigt hervor.“
Ottilie Wildermuth war schon als Kind sehr belesen
Gern erinnert sich der Bub indes an die „ausgesuchten Früchte aus den Gärten des Amtsgerichts“. Das Bürgerhaus mit Walmdach und Fensterreihen trägt heute eine Gedenktafel an Ottilie Wildermuth. Deren Horizont und Wissensdurst gingen weit über das hinaus, was sie mit ihren beiden jüngeren Brüdern im Privatunterricht an Geographie, Geschichte, Latein oder Französisch lernten. Nach Volks- und Hauswirtschaftsschule brachte sie sich selbst Englisch und Französisch bei – und Literatur. Schon im Kinderzimmer gab es zahlreiche Bücher und in Vater Gottlobs Bibliothek. Sie las Uhland, Kerner, freilich das berühmteste Stadtkind Schiller, verfasste jung Gedichte und Geschichten.
Der Erfolg kam mit 30. Nicht durch Klimpern auf der poetischen „Lyra“; durch „liebe, schlichte Prosa“. Nachdem ihr Manuskript „Die alte Jungfer“ 1847 von Cottas Morgenblatt gedruckt wurde, folgten weitere Erzählungen, Novellen, Lebensbilder, Familien- und Jugendgeschichten, idyllische Schilderungen des schwäbischen Protestantismus’, inspiriert vom Umfeld. Den Geschmack der Zeit treffend, wurde sie Bestseller-Autorin, von allen Gesellschaftsschichten gelesen, 1871 vom Königreich Württemberg mit der großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft belohnt.
In Tübingen gelebt
350 Gulden zahlte 1852 der Stuttgarter Verleger Adolph Krabbe für die erste Buchausgabe „Bilder und Geschichten aus dem schwäbischen Leben“. Sie schrieb einer Freundin: „Ich freute mich sehr, so meine Kindbettkosten selbst bestreiten zu können.“ Da lebte sie längst in Tübingen. Mit 26 Jahren hatte sie den Philologen Johann David Wildermuth geehelicht, im Freundeskreis etliche Tübinger Universitätsprofessoren sowie Dichter, Denker und Politiker.
Mit Tübinger Frauen schloss sich die Mutter von fünf Kindern zu einem „Kranz“ zusammen, betätigte sich karitativ, hielt mit Frauenvereinigungen Kontakt, kümmerte sich um Mädchenbildung. Sie gab Englischstunden für Mädchen, initiierte einen Spendenaufruf für eine Kleinkindschule in Marbach, engagierte sich ab 1875 für die Gründung einer Berufsschule für Mädchen, die Tübinger Frauenarbeitsschule. Zwar fühlte sich die Vielschreibende bisweilen „ausgemostet“, ihr Schalk blieb. Sie starb im Jahr 1877; schon 15 Jahre davor stand in der Familienchronik ihr Grabsteintext: „Nun ist sie fertig“.