Der „Rote Flitzer“ fährt in der Adventszeit zu Weihnachtsmärkten. Einsteigen konnten Gäste an dem Wochenende in Bietigheim-Bissingen, Ludwigsburg, Kornwestheim und Untertürkheim. Foto: Anna-Sophie Kächele

Der „Rote Flitzer“ aus dem Kreis Ludwigsburg fährt Gäste in der Adventszeit zu Weihnachtsmärkten. Was macht den historischen Schienenbus so besonders? Wir wollten es herausfinden.

Zugchef Edgar Seitz balanciert zwei dampfende Pappbecher mit Glühwein durch den ruckelnden Zug. Durch die beschlagenen Fensterscheiben scheint die Vormittagssonne, in den Fenstern schwingen Weihnachtskugeln und Girlanden aus künstlichem Tannengrün. Der Rote Flitzer fährt an diesem Tag von Bietigheim über Ulm nach Biberach. Schon kurz nach dem Start hat der Zug Verspätung, was zumindest den Gästen völlig egal ist. Wer in den alten Schienenbus einsteigt, sucht Entschleunigung, Nostalgie – und ein Erlebnis, das sich von der täglichen Fahrt im Regional-Express oder in der S-Bahn deutlich unterscheidet.

 

Seit 2010 ist der alte Schienenbus unterwegs. Im Frühling und Sommer bringt er seine Gäste zu sehenswerten Städten wie Schwäbisch Hall und Rothenburg ob der Tauber, zu Veranstaltungen wie dem Süddeutschen Käsemarkt oder zu Führungen, etwa durch den Aalener Besucherstollen. In der Adventszeit steuern seine Fahrten Weihnachtsmärkte an – oft können die Gäste dabei zwischen zwei Zielen wählen. „In diesem Jahr waren wir zum ersten Mal restlos ausverkauft“, sagt Edgar Seitz, der den Kornwestheimer Förderverein Schienenbus vor etwas mehr als 15 Jahren gegründet hat.

„Hat mich zurück in meine Kindheit versetzt“

In den 1950er und 1960ern eines der populärsten Fahrzeuge der Bahn, sieht man den Schienenbus heute nur noch selten. Er steht für die Zeit des Wirtschaftswunders, für eine Aufbruchstimmung – und Kindheitserinnerungen. „Das Rumoren beim Anfahren hat mich direkt zurückversetzt“, sagt Andreas Kaapke. Der Ludwigsburger hat seiner Frau die Fahrt als verfrühtes Adventskalender-Türchen geschenkt, die beiden wollen auf dem Ulmer Weihnachtsmarkt Freunde treffen. „Hier ist man schon beim Platznehmen in Stimmung“, sagt Barbara Kaapke.

Edgar Seitz hat den Förderverein 2009 gegründet. Foto: Anna-Sophie Kächele

Mit ihren marineblauen Jackets – ehemals Feuerwehruniformen –, den bestickten Schulterklappen und den roten Krawatten sehen Edgar Seitz und seine Kollegen aus wie Flugbegleiter. Sie reichen Punsch und Bier, Manner-Schnitten und Küchenrolle „für die gute Sicht“. Johann Weßels gehört seit Januar zum Team. Als ehemaliger Reisebusfahrer weiß er, wie man die Gäste unterhält, und genießt, dass er das in seiner Rente weiter tun kann.

„Die meisten von uns haben keinen Eisenbahner-Hintergrund“, erklärt Seitz. Rund 30 Ehrenamtliche wechseln sich mit den Fahrten ab. Die Voraussetzungen für den Job: Begeisterung und die körperliche Fitness, zehn bis 16 Stunden auf den Beinen sein zu können. Man suche dringend Leute. Besonders schwierig dürfte in den kommenden Jahren die Suche nach einer Nachfolge für den Vorstand sein, schätzt der 81-Jährige.

Panoramablick: Roter Flitzer ist rundherum verglast

Kurz nachdem sich der Rote Flitzer tapfer die Geislinger Steige hinaufgekämpft hat, kommt er kurz zum Stehen. In Sekunden ist ein ICE vorbeigerauscht. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde ist die Fahrt mit dem Schienenbus „eine kleine Odysee“, sagt Fahrgast Cemile Okan. Aber darum geht es schließlich.

Im Regionalzug hätte man sich schon längst geärgert, wenn der Zug zum halten kommt, sagt die Rentnerin. Hier sei das etwas anderes. Dem Roten Flitzer verzeiht man Verzögerungen – allein deshalb, weil er mit seiner Rundumverglasung einen Panoramablick bietet.

Links das Panoramafenster, rechts historische Details Foto: Anna-Sophie Kächele

Die Preise für eine Fahrt mit dem Roten Flitzer variieren je nach Strecke und Programm. Wer an diesem Tag nach Ulm fährt, zahlt 56 Euro, mit Stadtführung sind es 66 Euro. Die Preise sind so berechnet, dass die Trassenpreise, die Kosten für den Diesel, Reparaturen, Instandhaltung und Verpflegung gedeckt sind. Pro Kilometer verbraucht der Zug einen Liter Diesel und pro Kilometer zahlt der Verein durchschnittlich fünf Euro an die Deutsche Bahn.

„Funktioniert wie eine S-Bahn“

Damit eine Fahrt stattfindet, müssen mindestens 100 Buchungen eingegangen sein, bei 260 Gästen ist der Rote Flitzer voll. Pro Wagen können circa 50 Personen mitfahren. Der Schienenbus hat einen eigenen Antrieb und kann von beiden Richtungen gesteuert werden. „Funktioniert wie eine S-Bahn“, erklärt Seitz. Das Besondere: Selbst wenn der Rote Flitzer die Richtung wechselt, kann jeder Gast durch verstellbare Sitzlehnen in Fahrtrichtung fahren.

Tanja Mayer (links) aus Sersheim organisiert regelmäßig für ihren Freundeskreis Fahrten mit dem Roten Flitzer. Foto: Anna-Sophie Kächele

Im hinteren Teil des Wagens sitzt sich eine Freundesgruppe gegenüber. Tanja Mayer aus Sersheim war schon häufiger dabei und organisiert die Ausfahrten für ihre Freundesgruppe. An diesem Tag will die Gruppe in Warthausen in das „Öchsle“ umsteigen, eine historische Schmalspurbahn, die zwei ehemalige Dampfloks der Bottwartalbahn einsetzt. „Absolute Empfehlung“, wird sie später erzählen.

Für das kommende Jahr hat sie schon Tickets für Rote Flitzer-Fahrten Richtung Bad Wimpfen und Wackershofen gekauft. Die Nostalgie, von der an dem Tag so viele Fahrgäste berichten, nutzt sich offensichtlich nicht ab. Kein Wunder also, dass der Rote Flitzer so beliebt ist bei den Menschen im Kreis Ludwigsburg.