Postkartengruß aus Sindelfingen: Das Motiv zeigt einen der Motorbusse, die 1905 die Linie zum Böblinger Bahnhof befuhren. Foto: Stadtarchiv Sindelfingen

Um 1900 entwickelt sich die Wirtschaft in Böblingen und Sindelfingen rasant. Dabei entsteht zwischen den Orten ein verkehrstechnisches Kuriosum.

Wer heute die Bahnhofstraße in Sindelfingen hinunterfährt, landet erstaunlicherweise nicht beim Bahnhof, sondern einige hundert Meter weiter östlich. Das hat einen simplen wie kuriosen Grund: Diese Straße wurde 1884 angelegt, und damals gab es noch gar keinen Sindelfinger Bahnhof.

 

Die Trasse führte Richtung Nachbarort und schuf auf einer stattlichen Gesamtlänge von fast 2,3 Kilometern eine Verbindung zum neuen Böblinger Bahnhof. Dieses Kuriosum hat mit der verkehrlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der beiden Städtchen Ende des 19. Jahrhunderts zu tun – einem spannenden Kapitel Zeitgeschichte, das auch in der Lokalzeitung damals regelmäßig seinen Widerhall fand.

Als die Gäubahn und der Böblinger Bahnhof 1879 eingeweiht waren, stand das benachbarte Sindelfingen zunächst ohne direkten Anschluss da. Weil aber eine gute Verbindung für die wachsende Industrie wichtig war, entschied der Sindelfinger Gemeinderat, vom Marktplatz bis nach Böblingen eine kerzengerade, neue Straße auf unbebautem Land zu errichten.

Die historische Karte zeigt den endgültigen (also jetzigen) Standort des Böblinger Bahnhofs nördlich der Zuckerfabrik (unten links) – rot markiert die neugebaute Bahnhofstraße. Foto: Stadtarchiv Sindelfingen

Die Entstehungsgeschichte hat der Sindelfinger Stadthistoriker Horst Zecha in einem Vortrag prägnant zusammengefasst. Demnach war die Straße mit 15 Metern Breite für damalige Verhältnisse sehr großzügig angelegt. Und die Gesamtkosten für den Bau beliefen sich auf 160 000 Reichsmark, eine enorme Summe.

Die direkte Verbindung zum Böblinger Bahnhof war schnell stark frequentiert. Die Postkutschenlinie nützten um 1890 etwa 12 000 Personen jährlich. Zudem siedelten sich an der neuen Straße bald auch Industriebetriebe an – zum Beispiel an der Stelle, wo heute das Mercedes-Benz-Forschungszentrum an der A 81 steht.

Alsbald beschwerten sich allerdings wohl mehrere Fabrikanten über die schleppende Postbeförderung zwischen Böblingen und Sindelfingen, wie Horst Zecha beschreibt. Darauf reagierte der Sindelfinger Gemeinderat und beschloss im Mai 1905, zwei Omnibusse anzuschaffen und eine Motorbuslinie in städtischer Regie einzurichten.

Wochenkarte für die Busverbindung kostet 80 Pfennige

Es gab fünf Angebote für Busse, darunter von der Motorenfabrik Daimler in Berlin. Die Wahl fiel jedoch auf die Firma Scheibler in Aachen. Die Auswahlkommission habe die Wagen „besichtigt und befahren und gut, sicher und ruhig laufend gefunden“, wie es in einem Bericht des Gemeinderats heißt. „Verlangt werden 13.100 Mark per Wagen mit Motor von 16/18 PS.“

Nachdem der Fahrpreis für eine Einzelfahrt auf 15 Pfennig und für eine Arbeiterwochenkarte auf 80 Pfennig festgelegt worden war, konnte die Busverbindung am 1. Dezember 1905 in Betrieb genommen werden. „So hatte die fehlende Bahnanbindung den Sindelfingern einen besonders frühzeitigen Einstieg in die Motorisierung und in den kommunalen Nahverkehr gebracht – wenn auch die Stadt für die Motorwagenlinie Sindelfingen-Böblingen einen kräftigen jährlichen Zuschuss locker machen musste“, schreibt Horst Zecha in seinem Vortrag.

Bereits seit 1903 gab es an der Bahnhofstraße auch ein städtisches Gaswerk, um dem steigenden Energiebedarf der wachsenden Industrie Rechnung zu tragen. Ab 1908 wurde das Gaswerk sogar als Gemeindeverband zusammen mit Böblingen betrieben. Mit der Ansiedlung des Daimler-Werkes 1915 waren die Kapazitäten aber bald überfordert. Ab 1928 kamen dann größere Gasmengen aus Stuttgart.

Heutige S60-Strecke von Böblingen nach Renningen wurde ab 1913 gebaut

Parallel zum Verbindungsausbau nach Böblingen bemühten sich die Sindelfinger aber auch weiterhin um einen eigenen Bahnanschluss. Anfang 1913 dann startete der Bau der Bahnlinie Böblingen-Renningen (die heutige S60-Strecke) mit Station in Sindelfingen. Ende 1914 – also kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs – wurde das Teilstück von Böblingen nach Sindelfingen eröffnet, die ganze Strecke nach Renningen ging im Oktober 1915 in Betrieb.

Die Sindelfinger Bahnhofstraße in den 1930er Jahren Foto: Stadtarchiv Sindelfingen

In den 1920er Jahren wurden große Teile der 2,3 Kilometer langen Bahnhofstraße in „Sindelfinger Allee“ und „Böblinger Allee“ umbenannt – Namen, die es heute nicht mehr gibt. Wobei sich die heutige Tübinger Allee und die Wolfgang-Brumme-Allee in etwa an ihrer Stelle befinden. Die Sindelfinger Bahnhofstraße endete seitdem an jener Stelle, wo sie heute mit Hanns-Martin-Schleyer-Straße und Neckarstraße kreuzt. Noch immer führt sie einige hundert Meter am Sindelfinger Bahnhof vorbei.

200 Jahre Zeitung in Böblingen

Anlass
 ist die erste Zeitung in Böblingen im Jahr 1825 – vor exakt 200 Jahren.

Geschichte(n)
 aus zwei Jahrhunderten wird in einer Serie lebendig, in der bedeutende historische Ereignisse im Böblinger Kontext beleuchtet werden.

Meilensteine
 der Weltgeschichte fanden auch in unserer Zeitung Niederschlag: Die Erfindung des Automobils etwa oder der Untergang der Titanic.

In mühevoller Arbeit
 ist unsere Redaktion in Archive hinabgestiegen, hat alte Quellen gesichtet und Archivare befragt, um die größten Geschichten aus 200 Jahren Zeitung in Erinnerung zu rufen.