Von der Straßenbahn gezogener Gemüsetransporter während des Zweiten Weltkriegs, circa 1942, in der heutigen Konrad-Adenauer-Straße Foto: Archiv Stuttgarts historische Straßenbahnen

Sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigt sich eine Ausstellung in der Straßenbahnwelt Stuttgart in Bad Cannstatt mit den Rolle der Straßenbahnen in jenen Jahren. So wurden seinerzeit die Trümmer mit Loren abtransportiert.

Stuttgart - Mancher, der die vom Museumsverein Stuttgarter Historische Straßenbahnen (SHB) konzipierte Ausstellung aufsucht, wird womöglich seine Erwartungen nicht erfüllt sehen. „Es ist keine Reise in eine heile Welt“, sagt SHB-Vorsitzender Nikolaus Niederich. Aus heutiger Sicht erscheine uns die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts oft beschaulich und idyllisch. Diese freundlich-nostalgische Reminiszenz auch an die „gute alte Straßenbahn“ wäre den damaligen Zeitgenossen völlig unverständlich gewesen, erläutert Niederich: „Sie empfanden ihre Zeit und ihre Lebensverhältnisse mehrheitlich nicht als romantisch, sondern als modern und schnelllebig.“ Dies natürlich insbesondere in den Kriegs- und Nachkriegszeiten.

Die Straßenbahnen waren seinerzeit während des Kriegs „an der Heimatfront“ im Einsatz – etwa für den Transport der Juden auf den Killesberg. „1941 dienten die Ausstellungshallen der Reichsgartenschau als Sammellager zur Deportation der Württemberger und Stuttgarter Juden in die Vernichtungslager.“ Soldaten wiederum fuhren mit der Strambe zum Hauptbahnhof, von wo aus es an die Front ging. Auf vielen Seiten wird in den damaligen Eisenbahnerzeitschriften, wie in der Ausstellung nachzulesen ist, der im Krieg gefallenen Betriebsangehörigen gedacht. Die Familien litten aber nicht nur am Verlust des geliebten Menschen, sondern auch daran, dass der Haupternährer ausgefallen war und es kaum adäquate Geldleistungen vom Staat gab.

Viele Frauen wurden im Fahrdienst eingesetzt

Umso mehr mussten die Frauen ran, als sogenannte Trümmerfrauen nach dem Zusammenbruch, aber auch bereits während des Kriegs: Viele Frauen wurden im Fahrdienst eingesetzt, „allerdings nur bei der Kontrolle, nie als Schaffnerinnen“, so Niederich. „Doch solange die Straßenbahn fuhr – und sie fuhr fast immer noch irgendwie –, war sie zwar Teil des Krieges, gleichzeitig vor allem aber immer ein aufatmend wahrgenommenes Zeichen für Normalität, Verlässlichkeit und Bürgerlichkeit, selbst inmitten des Infernos.“

Nach insgesamt 53 Bombenangriffen, bei denen 4562 Menschen starben, lagen 58 Prozent des Gebäudebestands in Stuttgart in Schutt und Asche. „Am 21. April 1945 endete der Krieg in Stuttgart, drei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation“, weiß der promovierte Historiker Niederich. Fünf Millionen Kubikmeter Trümmer mussten entsorgt werden – großteils auf dem Birkenkopf, dem sogenannten Monte Scherbelino.

Wesentliches Transportmittel hierfür – Lastkraftwagen gab es ja nicht – waren Loren mit einer Spurbreite von 600 Millimetern und einem Ladevolumen von 1,5 Kubikmetern. Die Loren waren vergleichsweise leicht und unempfindlich, die 2,50 Meter langen Gleiskörper konnten schnell zum Bedarfsort transportiert werden. Kreuz und quer verliefen die Gleise der Lorenbahnen seinerzeit durch Stuttgart. Zwei Menschen konnten solch eine Lore auch von Hand schieben.

Sonntags verbotene Spritztouren auf ausgeleierten Gleisen

So machte in jenen Monaten 1945 jeder früher oder später Bekanntschaft mit den rustikalen Vehikeln: „Seien es die legendären Trümmerfrauen, die wohl oder übel Hand anlegen mussten“, erläutert Niederich, „seien es die Lausbuben, die sonntags verbotene Spritztouren auf den ausgeleierten Gleisen unternahmen.“ Ein kompletter Feldbahnzug mit einer kleinen Diesellok und Loren ist denn auch in der Straßenbahnwelt zu sehen. Dazu gibt’s Filme, etwa über den Besuch von OB Arnulf Klett 1946 beim Abtransport von Trümmern.

Außerdem beschäftigt sich die Präsentation mit der Straßenbahn im Ersten Weltkrieg, der vor gut 100 Jahren begann. Besonders eindrucksvoll die Schilderung eines Straßenbahners in der SSB-Betriebszeitschrift „Berg und Tal“: „Oft führten wir halbe und ganze Nächte hindurch Verwundete von dem in der Kronenstraße für diesen Zweck eingelegten Gleis aus in die Lazarette verschiedener Stadtteile.“ Auf der Fahrt in Turnhallen, Festsäle oder Krankenhäuser durfte es nur in gehobenem Schritttempo vorangehen, damit es die Verwundeten nicht zu sehr durchschüttelte. Und der Zeitzeuge gibt Einblick in seine Seelenpein: „Man konnte oft erschütternde Bilder sehen, und ich musste manchmal Tränen vergießen.“

Die Sonderausstellung „Fahren an der Heimatfront – Straßenbahnen im Krieg“ in der Straßenbahnwelt, Veielbrunnenweg 3, in Bad Cannstatt kann voraussichtlich bis Mai 2015 mittwochs, donnerstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr besichtigt werden. Infos unter www.shb-ev.info/web

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