Bei der Szeneführung zur Geschichte der Schwulen und Lesben in Stuttgart ist das Hotel Marquardt eine Station – hier trafen sich Männer in den goledenen 1920ern. Foto: Weidner

Waren Könige in Württemberg schwul? Wo trafen sich Homosexuelle in den 1950ern zum heimlichen Tanz? Der Anwalt Stefan Weidner führt an Orte, die in der Geschichte der CSD-Bewegung von Stuttgart wichtig sind. Im Interview spricht er über Verfolgung von Schwulen in früheren Zeiten und die Lehren daraus.

Stuttgart - Herr Weidner, bei Ihrer historischen Stadtführung zum CSD, so steht’s in der Ankündigung, wollen Sie sagen, welche württembergischen Könige schwul waren. Es ist bekannt, dass viele Historiker König Karl als homosexuell einstufen. Welcher König aber war es noch?
Der erste König Friedrich I. Er hatte Frau und Kinder, aber in seiner Zeit als Herzog ein enges Verhältnis zu Johann Carl von Zeppelin, seinem Adjutanten und Staatsminister. Dessen Leben war in ungewöhnlich intensiver Weise durch seinen Dienstherrn und Freund Friedrich bestimmt.
Dann war Carl von Zeppelin für König Friedrich das, was der Amerikaner Charles Woodcock für König Karl war, den Enkel von Friedrich?
Manche meinen, dass Karl und Olga ihre Ehe nie vollzogen haben. Die kinderlose Königin Olga hatte Woodcock als Vorleser an den württembergischen Hof geholt, wo sich der um 27 Jahre ältere König in ihn verliebte. Die beiden fuhren gemeinsam in den Urlaub nach Italien. Regelmäßig besuchten sie dasselbe Hotel in Nizza.
War das im Volk bekannt?
Am Hof wusste jeder, dass Karl und Charles ein Paar waren – aber die Untertanen auf dem Land, das ist anzunehmen, haben davon nichts mitbekommen.
Die Untertanen auf dem Land hätten große Schwierigkeiten bekommen, wären sie ein homosexuelle Verhältnis offen eingegangen.
Natürlich war es am Hof leichter, seine Veranlagung auszuleben. Andererseits war Württemberg liberaler, bevor 1872 das Reichsstrafgesetzbuch in Kraft trat und mit ihm der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte.

Das Hotel Marquardt war ein Schwulentreff

Der Paragraf 175 ist sehr spät in Deutschland abgeschafft worden, erst 1994.
In der Weimarer Republik gab es Bestrebungen, ihn zu streichen. In den goldenen 20er Jahren wollten die Menschen das Leben genießen, sie befreiten sich von Zwängen. Auch in Stuttgart gab es Treffpunkte von Homosexuellen, etwa im Hotel Marquardt oder im Metropolgebäude. Auf unserer Stadtführung schauen wir dort vorbei.
Sie kommen am Palast der Republik vorbei, der heutigen Kneipe, die früher eine Toilettenanlage mit Kiosk war.
Die Toilettenanlage beim Rathaus und der heutige Palast der Republik waren nach dem Krieg die beiden bekanntesten Orte, wo Schwule Kontakt aufnehmen konnten. Viele zogen relativ spät von daheim aus, sie konnten keinen Freund mit nach Hause nehmen. Man suchte ein billiges Hotel – das war häufig das Bunkerhotel auf dem Marktplatz. Heute gibt es Treffpunkte im Wald.
Ein Besucher des Fernsehturms hat vor wenigen Tagen geklagt, dass Schwule in der Nähe des Kinderspielplatzes sexuelle Handlungen vornehmen.
Das geht natürlich gar nicht. Das ist nicht zu akzeptieren. Da muss man dringend appellieren, dies nicht zu tun. Seit in den Schlossgartenanlagen für Stuttgart 21 gebaut wird, hat sich der dortige Treffpunkt von Schwulen in die Nähe des Fernsehturms verlagert. Da sollte man mehr Abstand nehmen! Dass sich die Stuttgarter Szene dort trifft, ist falsch. Das sind meist Männer, die aus den Kreisen anfahren, keine Stuttgarter – einige davon sind Familienväter. Sie würden nie in die Schwulenszene gehen.

Tanz versteckt in den Nebenräumen

Auf Ihrer historischen Stadtführung kommen Sie im Leonhardsviertel vorbei.
Ja, da gab es beispielsweise das Lokal Bassgeige. An der Oberen Bachstraße, die heute vom Schwabenzentrum überbaut ist, führte Schneidermeister Alois Weiß eine Schneiderei, die später zum Schnellimbiss und zum Café Weiß wurde. Hinter der Schneiderei befanden sich Räume, in die sich die Männer unbeobachtet zurückziehen und dort tanzen konnten. Auch in der Bassgeige gab es einen Zugang zu Nebenräumen. Sobald vorne die Polizei kam, ist als Warnung geklingelt worden – hinten wurde die Musik abgestellt und alles hergerichtet.
Hinten in den Nebenräumen war ein Darkroom?
Nein, das kannte man damals nicht. Der Darkroom kam erst viel später aus den USA zu uns. Die erste schwule Sauna ist in Stuttgart in den 1970ern eröffnet worden, es war das Olympus, das es heute nicht mehr gibt.
Was sind weiteren Stationen auf Ihrer Tour?
Natürlich gehen wir zum Hotel Silber, zur einstigen Gestapozentrale. Das Haus steht symbolhaft für die Verfolgung von Homosexuellen über mehrere Generationen zwischen 1928 bis 1969. Es ist Symbol für die Vernichtung vieler Existenzen durch Berufsverbote, Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Ächtung und frühen Tod. Von den Nazis sind etwa 100 000 Schwule in Deutschland verschleppt worden. Nach und vor dem Krieg wurde das Hotel Silber als Polizeizentrale genutzt.
Seit wann gibt es diese Stadtführung und wo endet die Tour?
Vor zehn Jahren haben wir damit begonnen, historische Ort aufzusuchen, die für Schwule und Lesben eine Rolle spielen. Die Tour endet im Kings Club, der mit der Boa die ­älteste Discothek von Stuttgart ist. Der 1977 eröffnete Kings Club und seine heutige Wirtin Laura spielt in seinem fast 40-jährigen Bestehen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Diskriminierung. Es war ein langer Weg zu mehr Toleranz. In den Anfängen war der Eingang des Kings Club versteckt.
Das Motto des Stuttgarter CSD lautet „Operation Sichtbarkeit“. Dass sich in der Vergangenheit Schwule verstecken mussten, führen Sie in Ihrer Tour vor. Ist es heute noch notwendig , für „Sichtbarkeit“ einzutreten. Sind die Zeiten nicht viel freier und offener?
Natürlich ist vieles besser geworden. Aber schauen Sie mal: Wenn sich heute ein männliches Paar händchenhaltend oder küssend auf einer Straße zeigt, merkt man schnell, wie wichtig die „Operation Sichtbarkeit“ ist. Bei Männern, die in der Öffentlichkeit zärtlich zueinander sind, gibt’s größere Anfeindungen, als wenn es Frauen tun.
Warum ist das so?
Ich glaube, dass es viele heterosexuelle Männer als Angriff auf ihre Männlichkeit verstehen, wenn sie sehen, dass sich Männer küssen. Bei Frauen ist es ihnen egal.
Ist nach dem Massaker in einem Schwulenclub in Orlando die Angst bei Homosexuellen in Stuttgart zurückgekehrt?
Das glaube ich nicht. Ich sehe für Stuttgart keine Gefahr. Viele Schwule sind selbstbewusst genug, sich nicht einschränken zu lassen. Aber es muss noch viel getan werden. Deshalb ist der CSD weiterhin wichtig.
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