Eine Gedenktafel zur Erinnerung an Hanns Martin Schleyer wurde 1978 mit einem Festakt enthüllt Foto: Michael Saile Fotografie

Er war Täter und Opfer. Der ehemalige NS-Funktionär und spätere Arbeitgeberpräsident wurde 1977 von Terroristen ermordet. Der Esslinger Gemeinderat beschloss damals, eine Brücke nach ihm zu benennen. Eine Entscheidung, die nun rückgängig gemacht wurde.

Es war ein großer Festakt. Der Oberbürgermeister hielt eine flammende Rede, und viele Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung feierten mit, als am 13. Juni 1978 die „Mettinger Brücke“ in „Hanns-Martin-Schleyer-Brücke“ umbenannt wurde. Ein Höhepunkt der Feierlichkeiten war nach Recherchen von Joachim Halbekann, dem Leiter des Esslinger Stadtarchivs, die Enthüllung einer 80 mal 80 Zentimeter großen Gedenktafel für den Namensgeber am westlichen Brückenteil. Dieses Schild kann von Dienstag, 5. September, an im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt betrachtet werden. Denn es wird nicht mehr gebraucht, weil die Überführung laut einem aktuellen Gemeinderatsbeschluss nun wieder „Mettinger Brücke“ heißt.

 

Aber wie kam es dazu, dass das Bauwerk 1978 trotz dessen NS-Vergangenheit nach Hanns Martin Schleyer benannt worden war? Die ganze Nation hatte im Herbst 1977 gebannt und schockiert sein Schicksal verfolgt. Immer wieder hatten Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) Bilder des von ihnen entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer an die Medien geschickt. Die Fotografien wurden in den Nachrichtensendungen gezeigt, es waren Aufnahmen eines von Gefangenschaft, Todesangst und der Ungewissheit über sein Schicksal schwer gezeichneten Mannes.

Ein treuer NS-Scherge

Aber Hanns Martin Schleyer hatte noch ein anderes Gesicht. Der im Deutschland der Nachkriegszeit hochgeachtete Wirtschaftsfunktionär war, wie es Joachim Halbekann formuliert, ein „aktiver Unterstützer und Profiteur des nationalsozialistischen Regimes“ gewesen: Schleyer war Mitglied der NSDAP, Untersturmführer und damit Offizier der SS, höherer Funktionär einer gleichgeschalteten Studentenschaft in Heidelberg, Innsbruck und Prag sowie schließlich Leiter des Präsidialbüros des „Zentralverbandes der Industrie in Böhmen und Mähren“ gewesen. Neben eindeutig antisemitischen Positionen bezeichnete sich Schleyer laut Joachim Halbekann 1942 als „alten Nationalsozialist und SS-Führer“.

Trotz dieser Verstrickungen Hanns Martin Schleyers in die Machenschaften des Hitler-Regimes beschloss der Esslinger Gemeinderat 1978, die „Mettinger Brücke“ nach ihm zu benennen. Der damalige Oberbürgermeister Eberhard Klapproth, so hat es Joachim Halbekann recherchiert, lobte Schleyer bei dem Festakt sogar „als Beispiel eines Demokraten, der für einen jeden von uns stand und für uns alle gestorben ist“. Schleyer sei zudem „mit der Stadt Esslingen am Neckar auf bleibende Weise in mehrfacher Art verbunden“. Joachim Halbekann führt diese Haltung und die Umbenennung der Brücke auf das besondere Bedrohungsgefühl in der Bundesrepublik während der späten 70er Jahre zurück. Die Hysterie, das Entsetzen und die Angst vor den Taten der RAF hätten dazu geführt, dass „die unbestreitbaren Verdienste des 1915 geborenen Schleyer in der Nachkriegszeit hervorgehoben wurden“, nicht aber dessen NS-Vergangenheit. Gewalt hatte diese Monate bestimmt. Bei der Entführung Schleyers am 5. September 1977 in Köln waren dessen Fahrer und drei Leibwächter auf offener Straße erschossen worden.

Hysterie in den 1970er Jahren

Der Arbeitgeberpräsident wurde nach längerer Geiselhaft am 19. Oktober 1977 ermordet aufgefunden, nachdem die Bundesregierung die von den Entführern geforderte Freilassung inhaftierter RAF-Gesinnungsgenossen verweigert hatte. Die Passagiere des ebenfalls zu diesem Erpressungszweck entführten Flugzeugs konnten in Mogadischu in Somalia zwar unverletzt befreit werden, aber der Pilot war von den Terroristen erschossen worden. Die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Führungsspitzen begingen nach diesen Ereignissen Selbstmord. Diese Vorkommnisse bildeten laut Joachim Halbekann den Kulminationspunkt der seit 1968 eskalierenden terroristischen Bedrohung der Bundesrepublik Deutschland.

Aus dieser Situation eines in seinen Grundfesten erschütterten Staatswesens heraus führte der Ältestenrat der Stadt Esslingen im November 1977 erste Diskussionen über eine Umbenennung der „Mettinger Brücke“. Der Gemeinderat beschloss am 8. Mai 1978 mit großer Stimmenmehrheit die neue Namensgebung. Das Bauwerk sei wegen seiner Nähe zu den Werksanlagen von Daimler Benz und wegen des Charakters „als Brückenbauwerk“ ausgewählt worden, um an den Wirtschaftsmann zu erinnern. Zu dem Festakt anlässlich der Umbenennung reisten auch Angehörige Hanns Martin Schleyers an. Die Debatten um die Namensgebung der Brücke spiegeln nach Ansicht von Halbekann exemplarisch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Veränderung des Erinnerungsdiskurses wider: „Schleyer gehörte zu den zahlreichen Vertretern der gesellschaftlichen Elite, die sowohl im NS-Staat systemstabilisierend agierten und den Unrechtsstaat beförderten als auch danach in der Bundesrepublik herausragende Positionen einnahmen.“

Legitime Diskussionen um Namensgebung

Schleyers furchtbares Schicksal als Entführungs- und Mordopfer der Terroristen ließ ihn laut Halbekann selbst zum Opfer werden. Beide Diskurse seien nachvollziehbar und legitim: „Die komplexe Frage, ob Hanns Martin Schleyer unter diesen Voraussetzungen die besondere Würdigung der Benennung eines kommunalen Bauwerks nach ihm zu Teil werden soll, hat die Mehrheit des Gemeinderats nun verneint.“

Die Gedenktafel und die Hanns-Martin-Schleyer-Brücke

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Stadtmuseum „Gelben Haus“ am Hafenmarkt zu sehen. Mehr unter https://museen.esslingen.de/start.html.

Brücke
Die Hanns-Martin-Schleyer-Brücke, die die Esslinger Stadtteile Mettingen, Brühl und Weil miteinander verbindet, musste wegen Beschädigungen und Sicherheitsbedenken im Januar 2021 zunächst gesperrt, dann in großen Teilen abgebrochen und durch einen Ersatzneubau ergänzt werden. Nach Angaben der Stadt Esslingen soll eine Überfahrt aber ab Samstag, 9. September, wieder möglich sein.

Debatte
Der Gemeinderat hat am 24. Juli mit einer Mehrheit von 21 zu 16 Stimmen beschlossen, die Hanns-Martin-Schleyer-Brücke wegen der NS-Vergangenheit des Namensgebers wieder in Mettinger Brücke umzubenennen. Die im Verlauf von mehr als 40 Jahren durch Witterungsspuren deutlich gezeichnete Gedenktafel für den bisherigen Namensgeber wird deshalb nicht mehr an der Brücke angebracht werden.