Esslingen feiert nicht nur 2027 sein Stadtjubiläum. Esslingen hat auch 1717 gefeiert – 200 Jahre Reformation. In einer Dokumentation steht alles darüber drin.
Es gab einen freien Tag. Immerhin. Der 31. Oktober 2017 war ein einmaliger gesamtdeutscher gesetzlicher Feiertag. 500 Jahre zuvor hatte Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür von Wittenberg gehämmert und damit einen Erdrutsch ausgelöst. Und 500 Jahre Reformation rechtfertigten wenigstens einen arbeitsfreien Tag. Früher war das anders. Da wurde ausgiebiger gefeiert. In Esslingen gab es 1717 aus Anlass von 200 Jahren Reformation ein viertägiges Fest. Das Programm wurde in einer Dokumentation festgehalten, die ab Dienstag, 7. April, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt zu sehen ist.
Ein wenig Stolz mag es gewesen sein. Sicher auch Trotz. Wohl auch echte Glaubensüberzeugung. Und ein gesundes Selbstbewusstsein gestandener Esslinger Bürger. Die protestantische Freie Reichsstadt inmitten des katholisch geführten Heiligen Römischen Reiches wollte klotzen, nicht kleckern. Groß sollte das Jubiläum gefeiert werden – vier Tage Fest für 200 Jahre Reformation.
Die Feieragenda war lang. Vier große Gottesdienste standen nach den Recherchen von Julia Schierl von den Städtischen Museen Esslingen auf dem Programm. Glockengeläut und Gesang gab es dazu. Und jede Menge Festreden. Aufführungen der Lateinschule begleiteten die Feierlichkeiten – und natürlich ein großes Festessen.
Auch das längste Fest geht einmal zu Ende. Die Reformationsfeier war nach vier Tagen vorbei. Doch die Erinnerung sollte bleiben. Da hatte der Esslinger Magistrat eine clevere Idee. „Er beauftragte vorab den für die Feierlichkeiten zuständigen Superintendenten Ludwig Carl Ditzinger, sämtliche Akten, Predigten und Reden zu sammeln und für die Nachwelt im Druck zu bewahren“, hat Julia Schierl herausgefunden. Der Beauftragte fasste wichtige Ereignisse und Daten der Jubelfeier in einer Dokumentation zusammen. Sie wurde gedruckt und der dicke Wälzer aufwendig und ansprechend gestaltet.
Ein jahrhundertealter Fehler sollte in Esslingen nicht wiederholt werden
Denn ein 100 Jahre zuvor gemachter Fehler sollte nicht wiederholt werden. 1617 hatte Esslingen auch gefestet – und 100 Jahre Reformation hochleben lassen. Doch über das „Wie“ der Festlichkeiten herrschte bei den Nachgeborenen Rätselraten. Vom Ablauf des ersten Esslinger Reformationsjubiläums gab es wohl keine Dokumente, sagt Julia Schierl.
1717 war man schlauer. Aus Schaden klug geworden, wurde eine Dokumentation mit dem Titel „Eßlingisches Denck- und Danck-Mahl“ herausgebracht. Was 1717 geschehen war, stand da drin. Einen Großteil des Inhaltes nimmt die in der Stadtkirche St. Dionys gehaltene Jubelpredigt ein, hat Julia Schierl beim Durchblättern festgestellt.
Ob die opulente Berichterstattung daran gelegen hat, dass Herausgeber Ditzinger selbst die Predigt gehalten hat? Das ließe sich allenfalls vermuten. Doch inhaltlich wurde in der Predigt laut Julia Schierl Esslingens Reformationsgeschichte mit dem biblischen Auszug von Moses und den Israeliten aus Ägypten verglichen. Weitere Predigten, Reden und Aufführungen der Jubelfeier stilisierten Martin Luther zum von Gott erwählten Reformator hoch, der „Licht in das Dunkel der katholischen Kirche“ gebracht habe. Der Geist der Ökumene schwebte nicht durch die Seiten.
Ein „Denck-Pfennig“ sollte das Gedenken erleichtern
Dafür wird in der Festdokumentation von einem „Denck-Pfennig“ berichtet, der für das Jubiläum der Reformation geprägt worden war. Die Vorderseite zeigt laut Schierl Esslingen aus südwestlicher Perspektive – mit der Burg im Hintergrund, der Frauenkirche, St Dionys und der Pliensaubrücke im Vordergrund. Die Inschrift sagt, worum es geht: „Zur Erinnerung an das zweite Jubiläum, gefeiert in des Heiligen Römischen Reiches Stadt am 31. Oktober 1717“. Auf der Rückseite wird der Reformator geehrt: Ein Bild Luthers mit Bibel ist abgebildet.
Der „Denck-Pfennig“ sollte das Gedenken an das Jubiläum festigen. 400 Exemplare hat der Rat der Stadt laut Julia Schierl in Auftrag gegeben. Die Münzen waren nicht für den Geldumlauf bestimmt. Als Geschenke oder Auszeichnungen sollten sie das große Ereignis festhalten. Ausführungen gab es einmal in Silber. Dieses Geld war in erster Linie für die Schuljugend gedacht, an die es verteilt wurde. „Seltenere Stücke in Gold waren möglicherweise vordergründig für die führende Obrigkeit bestimmt. Sie wurden innerhalb der Familien über Generationen hinweg bewahrt“, weiß Julia Schierl.
Beim letzten Esslinger Stadtjubiläum 1977 kamen sie zu Ehren. Bei der Gestaltung der damaligen Gedenkmünzen, so Schierl, griff die Stadt auf das ältere Vorbild zurück. Auf der Vorderseite sei das Stadtbild der Reformationsmedaille, auf der Rückseite das mittelalterliche Stadtsiegel mit dem Stadtadler zu sehen. Damit werde auf die reichsstädtische Vergangenheit angespielt.
Esslingen, die Reformation und das Geldwesen
Dokumentation
Die Dokumentation zu den 200-jährigen Jubiläumsfeierlichkeiten der Reformation in Esslingen mit dem Titel „Eßlingisches Denck- und Danckmahl“ wurde von Ludwig Carl Ditzinger (1670 bis 1731) herausgegeben. Gedruckt wurde die Schrift von Wolfgang Schuhmacher 1718 in Ulm.
Ausstellung
Der „Denck-Pfennig“ war Teil der Reformationsfeierlichkeiten 1717. Gerhard Kümmel hat laut Julia Schierl Esslinger Münzen und Medaillen dieser Art gesammelt und sie den Städtischen Museen übergeben. Sie sollen künftig einen neuen Dauerausstellungsbereich im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ bilden.
Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen auch die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im „Gelben Haus“ am Hafenmarkt zu sehen.