Selters statt Sekt: Flaschen aus Niederselters, Göppingen und Bad Ditzenbach wurden 1978 bei Bauarbeiten im Keller des Esslinger Stadtmuseums entdeckt.Foto: Michael Saile Fotografie Foto:  

Die Ortschaft Niederselters war mit allen Wassern gewaschen: Wasser aus ihren Mineralquellen füllte sie in Flaschen ab und verkaufte sie für teures Geld. Solche Seltersflaschen wurden 1978 bei Bauarbeiten im Esslinger Stadtmuseum entdeckt. Wie waren sie dorthin gelangt?

Schluck für Schluck für Schluck hin zur Genesung: Wasser aus den Mineralquellen der Ortschaft Niederselters galt lange Zeit als Medizin, als Heilmittel, als flüssige Arznei. In Flaschen abgefüllt war der Wundertrank ein Exportschlager, der bis nach Esslingen geliefert wurde. Denn während der Bauarbeiten in den Jahren 1978 und 1979 waren im Kellerraum des heutigen Stadtmuseums Steinzeugflaschen auch aus Niederselters aus dem 19. Jahrhundert entdeckt worden. Ab Dienstag, 5. März, können sie im „Gelben Haus“ am Hafenmarkt als Teil der Ausstellung in Augenschein genommen werden. Doch wie waren sie an den Neckar gekommen?

 

Es war nur etwas für die Gutbetuchten, die Wohlhabenden, die oberen Zehntausend. Wasser aus Niederselters war nicht nur reines Wasser – es war eine Art flüssiges Gold für die Ortschaft. Jeder Schluck spülte Geld in die Kassen, denn die trinkbare Medizin war sehr teuer und nicht gerade ein Schnäppchen. Ab dem 17. Jahrhundert, so hat Kai Engelmann von den Städtischen Museen Esslingen herausgefunden, wurde Niederselters durch seine Mineralquellen bekannt. Innerlich und äußerlich angewandt, sollten die sprudelnden Gesundmacher wahre Wunder bewirken. In den örtlichen Badeanstalten erhofften sich Kranke Linderungen ihrer Leiden, doch auch als sicher nicht gerade wohlschmeckender Drink sollte das Wasser heilende Wirkung haben. Zu Hochzeiten wurden laut Kai Engelmann 1856 über zwei Millionen Flaschen mit dem Wunderbar verkauft: „Der Absatzmarkt beschränkte sich dabei nicht nur auf den deutschen Raum. Funde aus den Niederlanden, Irland, den USA und Indonesien zeugen vom internationalen Erfolg.“

Fässer und Tonkrüge

Der positive Effekt des Bestsellers war früher unbestritten. Seit dem Ende des 16. Jahrhundert sei die therapeutische Wirkung von Mineralwasser von Ärzten anerkannt worden, weiß Kai Engelmann. Problematisch aber war zunächst der Transport, denn das Wasser wurde schnell ungenießbar und soll dadurch seine heilende Wirkung verloren haben. Zunächst wurde es in Fässer und Tonkrüge gefüllt, dann boten sich Flaschen aus Steinzeug mit einem Korkenverschluss als Gefäße an. Im 19. Jahrhundert, als der Versand von Heilwasser Hochkonjunktur hatte, kamen schließlich zylindrische Flaschen zum Einsatz, die wesentlich platzsparender waren und besser vor Transportschäden schützten.

Für den Inhalt der Selterswasserflaschen aus dem Kellerraum des heutigen Stadtmuseums gab es in dem Haus früher nach Ansicht von Kai Engelmann dankbare Abnehmer. Einige der Bewohner hatten das nötige Kleingeld zum Kauf des teuren Heilwassers und waren nicht gerade mit einer eisernen Gesundheit gesegnet. Jakob Ferdinand Schreiber etwa erlag 1867 einem schon lange schwelenden Brustleiden. Seine Enkelin Johanna, die Tochter des Komponisten Christian Fink, war laut Kai Engelmann ebenfalls in jungen Jahren an einem Hirntumor erkrankt, an dem sie im Alter von 33 Jahren verstarb. „Auch von ihrer Mutter Rosa Fink sind lange Kuraufenthalte in Heilbädern bekannt“, so der Mitarbeiter der Städtischen Museen. Doch trotz dieser Einblicke in die Krankenakten sei die Nutzung des Wundertrunks durch diese Bewohner des Hauses am Hafenmarkt reine Spekulation.

Löwe als starkes Emblem

Bei der Datierung der Flaschen kann sich der Historiker mehr auf Fakten stützen. Die Stempel auf den Trinkbehältnissen geben Kai Engelmann deutliche Hinweise für die zeitliche Einordnung. Eine der Flaschen stamme aus den Jahren 1836 bis 1866. Denn in dieser Zeit gehörte Niederselters zum Herrschaftsbereich des Herzogtums Nassau, dessen Zeichen der Löwe war – und mit dem Abbild einer solchen Großkatze ist eine der Flaschen verziert.

Nassau ging 1866 an Preußen über, und damit änderte sich auch das Emblem der Mineralwasserquellen: „Fortan trat an Stelle des Löwen der preußische Adler“, sagt Kai Engelmann. Der Adler ist auf einer der Flaschen aus dem Fundus des Stadtmuseums zu sehen. Der gerippte Flaschenhals deute zudem auf eine Entstehungszeit nach 1870 hin. Zu dieser Zeit kamen Metallverschlüsse auf, die von den Rippen festgehalten wurden. Die beiden anderen Flaschen aus dem Stadtmuseum stammen aus Göppingen und Bad Ditzenbach und somit aus der näheren Umgebung Esslingens. Beide sind in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu datieren.

Uralte Allzweckflaschen

Das Auffinden der Flaschen in Esslingen rund 100 Jahre nach ihrer Produktion kann der Historiker mit einem Schwaben häufig nachgesagten Hang zur Sparsamkeit erklären. Der Transportaufwand für eine Rücksendung zum Quellort wäre groß gewesen. Die Flaschen gingen meist in den Besitz der Wassertrinker über, die darin selbst gemachte Getränke einfüllten. Sie wurden somit schon damals zu Allzweckflaschen.

Die Steinzeugflaschen aus dem „Gelben Haus“

Entdeckung
1978 und 1979 wurde der Gebäudekomplex des heutigen Stadtmuseums „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen umgebaut und die beiden Häuser durch ein gemeinsames Treppenhaus miteinander verbunden. Für die Arbeiten wurden genauere Pläne benötigt und so musste das Stadtmessungsamt die Gebäude Stockwerk für Stockwerk vermessen. Dabei wurden im Kellerraum des Hauses am Hafenmarkt 7 die Steinzeugflaschen entdeckt.

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt 7 zu sehen.