Bundespräsident Herzogs Ruck-Rede ist 28 Jahre alt. Und aktueller denn je, meint unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek.
1997 hielt der damalige Bundespräsident Roman Herzog im Berliner Hotel Adlon eine legendäre Rede, die vielen als „Ruck-Rede“ im Gedächtnis geblieben ist. Herzog prangerte Modernisierungs- und Reformstau an, forderte, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse und charakterisierte das Problem vor allem als mentales. Anders ließen sich seiner Meinung nach quälende Langsamkeit, fehlender Schwung und ein Gefühl der Lähmung nicht erklären.
Klare Worte, die heute manchmal fehlen
Auch wenn diese Rede schon bald dreißig Jahre auf dem Buckel hat und die Welt damals eine andere, weniger düstere war, ohne die Macht der künstlichen Intelligenz und der sozialen Medien, ohne Trump, Putin und die katastrophalen Folgen der Erderwärmung, liest sie sich wie ein hellsichtiger Kommentar zur Gegenwart. Der Bundespräsident ist eigentlich dazu angehalten, sich aus der Tagespolitik herauszuhalten, doch hier bezog er leidenschaftlich Stellung. Herzog beschönigte nichts, er machte keine leeren Versprechungen und nahm jeden Einzelnen in die Pflicht, weil der Staat allein es nicht richten kann.
Heute, so scheint es, sind klare Worte und unangenehme Wahrheiten nicht mehr gefragt. Es könnte ja Wählerstimmen kosten, wenn man deutlich sagen würde, dass die fetten Jahre vorbei sind und die Kurve von Wachstum und Wohlstand nicht nach einem kurzen Knick wieder nach oben zeigen wird. Stattdessen wird uns vorgegaukelt, die Krise sei vorübergehend, und wenn wir nur die illegale Zuwanderung in den Griff bekommen, in dem wir mehr Polizisten an die Grenze stellen, dann ist alles wieder gut. Dabei ist das erstens nicht unser größtes Problem, zweitens nur gesamteuropäisch zu lösen und drittens blinder Aktionismus.
Beschwichtigung statt Antrieb
Das mentale Problem, wie Herzog es treffend genannt hat, schleppen wir aber noch immer mit uns herum. Wir sind zu langsam, zu schwerfällig, zu bequem, zu wenig bereit, die Komfortzone zu verlassen. Das hat sich sogar noch verschärft, weil die Politik den Ruck gar nicht mehr einfordert, sondern uns besänftigend den Kopf tätschelt. Damit verhindert sie jedoch, dass wir die Scheuklappen ablegen und uns der Tatsache stellen, dass die Welt nie mehr die sein wird, die sie einmal war.
So entsteht eine seltsame Mischung aus Leugnung einerseits und Fatalismus andererseits, die wiederum der AfD in die Hände spielt. Viele werden sich bei der Landtagswahl im kommenden März von scheinbar einfachen und schnellen Lösungen blenden lassen, auch, wenn diese in unserer komplexen Welt niemals funktionieren können. Die Klimakatastrophe, die eigentlich schlimmste Bedrohung unseres Wohlstandes, haben wir längst assimiliert. Luftverkehrssteuer senken, weiter auf den Verbrenner setzen? Das ist kein Ruck, sondern der Rückwärtsgang. Wie wäre es mit Visionen statt Angstszenarien, weniger Selbstgefälligkeit und mehr Selbstverantwortung – so, wie Herzog es vorgeschlagen hat?