Seit dreieinhalb Jahren leben Irena und Gedeon Pacan in der Klingenmühle bei Welzheim (Rems-Murr-Kreis) ihren Traum. Doch nun trennen sie sich schweren Herzens von der Immobilie: „Es ist an der Zeit, dass neue Menschen kommen.“
Es war Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich wollte Gedeon Pacan gar keine Mühle kaufen. Eigentlich wollten er und seine Frau von einer Doppelhaushälfte in Bopfingen in ein kleineres Häuschen ziehen. Doch dann stieß seine Frau im Internet auf die Klingenmühle an der Wieslauf: „Ich hatte im Internet zum Spaß ,Mühle‘ eingegeben, weil mein Onkel in Montenegro mal in einer gewohnt hatte, und da stand dann, dass die Klingenmühle in Welzheim verkauft wird“, erinnert sich Irena Pacan. Das war 2020. Und als ihr Mann den steilen Stichweg ins Tal hinunterging und das historische Anwesen im Wieslauftal zum ersten Mal erblickte, mitten in der Natur, am rauschenden Wasserfall – war es um ihn geschehen: „Ich hatte Tränen in den Augen und dachte mir, ich würde alles dafür tun, um hier zu leben“, erinnert sich Gedeon Pacan.
Im Frühjahr 2020 das Anwesen gekauft
Das Ehepaar packte die Gelegenheit beim Schopfe, kaufte die Klingenmühle und zog im Frühjahr 2020 ein. „Das Gebäude war so gut in Schuss, dass wir nur streichen mussten“, sagt die 49-Jährige. Den Gastrobetrieb wie ihre Vorbesitzer, ein Café mit Selbstbedienung und Biergarten, konnte und wollte das Paar nicht in jener Art und Weise weiterführen. „Wir sind beide selbstständig, jeder von uns hat eine Firma und arbeitet unter der Woche“, sagt Irena Pacan, die eine Handelsvertretung für Fliesen im hochwertigen Sortiment führt und viel im Außendienst ist. Ihr Mann Gedeon ist als Fachmann für Steinböden im ganzen Bundesgebiet gefragt.
Und dazu noch eine Gastronomie obendrauf? Zunächst sei das noch gegangen. Nicht als „unpersönliches Selbstbedienungslokal“ mit Essens-Durchreiche via Fenster, sondern als schmuckvoll eingerichtetes Künstlercafé mit besonderer Atmosphäre, das allerdings nur an den Wochenenden geöffnet hatte. „Ich habe selbst gebackenen Kuchen verkauft, es gab Kaffee und Tee, Kunst, Konzerte und Lesungen – es war ein Ort der Kultur und der Begegnung, wir haben viele tolle Leute kennengelernt und Freundschaften geschlossen.“
Doppelbeschäftigung zu kräftezehrend
Auf Dauer jedoch sei das Doppelpensum von Arbeit und Café für sie nicht zu stemmen gewesen, sagt Irena Pacan. „Das war zu kräftezehrend.“ Mal abgesehen von ihrer Rolle als Selbstständige sehe sie sich eher als Künstlerin denn als Gastronomin. „Ich habe Mitarbeiter gesucht, die das Café hier selbstständig führen, aber niemanden gefunden.“
So wurden nach und nach auch die Öffnungszeiten reduziert. Übrig blieben nach drei Jahren noch ein Brunch sowie Gruppenbuchungen für verschiedene Events wie Familien- und Firmenfeiern, Open Stages, Workshops und anderes. Volles Haus gab es beispielsweise am Mühlentag, dem Tag des Schwäbischen Waldes sowie bei Whiskey- und Gin-Verkostungen. „Die Buchungen halten wir weiter aufrecht, aber auch den Brunch haben wir mittlerweile eingestellt“, sagt Irena Pacan. Sporadisch soll es bis auf weiteres noch Open-Stage-Abende geben.
Den Traum gelebt
Wie lange das der Fall sein wird, ist offen. Seit kurzem stoßen Neugierige beim Suchen der Immobilie „Klingenmühle“ im Internet wieder auf eine Verkaufsanzeige: Pacans haben sich entschieden, ihr Mühlenanwesen zu verkaufen und weiterzuziehen. Schweren Herzens, wie sie sagen. Doch auf lange Sicht sei die Mühle für die 49-Jährige und ihren 61-jährigen Ehemann allein zu groß. Nicht zuletzt seien auch die Kinder aus dem Haus.
Den Kauf der Mühle haben sie nicht bereut: „Wir haben unseren Traum gelebt und nun geht die Reise für uns weiter“, sagt Irena Pacan. Wohin sie führt, weiß sie nicht. Leicht sei dem Ehepaar die Entscheidung nicht gefallen. „Die Mühle mit der Natur drumherum ist ein Kraftort – egal zu welcher Jahreszeit, man kann es nicht mit Worten beschreiben“, sagt Gedeon Pacan.
1726 erstmals urkundlich erwähnt
Die Geschichte der Klingenmühle reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Wann genau der denkmalgeschützte Fachwerkbau mit den Biberschwanzziegeln an der Wieslauf gebaut wurde, ist nicht exakt belegt. Erste urkundliche Erwähnungen datieren auf das Jahr 1726. Die Klingenmühle war der Überlieferung nach ein Lieblingsplatz des bekannten schwäbischen Dichters und Arztes Justinus Kerner während seiner Welzheimer Tätigkeit als Oberamtsarzt von 1812 bis 1815. Erbaut wurde das Ensemble als Mahl- und Sägemühle. Das Mahlgebäude ist noch vorhanden und wurde in den 1990er Jahren grundlegend modernisiert.
275 Quadratmeter Wohnfläche
Das Hauptgebäude bietet auf vier Etagen rund 275 Quadratmeter Wohnfläche, die sich auf das Talgeschoss, die beiden Hauptetagen sowie das Dachgeschoss verteilen. Der rund 80 Quadratmeter große Gastraum im Erdgeschoss mit dem großen Kachelofen, in dem sich das Kulturcafé befindet, könnte man alternativ auch als Wohn- und Essbereich nutzen. Das Obergeschoss mit mehreren Zimmern wird derzeit ausschließlich privat genutzt. Unter dem Dachspitz gibt es zwei Mansardenzimmer. Zwar dreht sich derzeit kein Mühlrad, dafür gehört zum 4100 Meter großen Grundstück eine eigene Quelle, eine Scheune sowie eine überdachte Sommerküche samt Backofen und Grillbereich zur Mühle ebenso wie eine eigene Kläranlage.
„Die Mühle ist die Bühne, die Natur die Kulisse“
Was auch immer die neuen Besitzer vorhätten, für Gastrolocation im großen Stile mit hunderten Plätzen eigne sich die Klingemühle nicht. Größere Anbauten oder eine Ausweitung der Nutzung seien auf Grund der Lage im Naturschutzgebiet und dem Bannwald quasi ausgeschlossen. „Das ist hier ist kein Partyort. Wer hier runter kommt, der kommt buchstäblich runter, es ist ein Ort der Ruhe“, sagt Irena Pacan. „Wir würden uns wünschen, dass unsere Nachfolger das Café weiterbetreiben, aber letztendlich können sie hier machen, was sie möchten“, sagt Irena Pacan. Platz und Potenzial sei jede Menge vorhanden. „Ich sage immer: Die Mühle ist die Bühne, die Natur ist die Kulisse – hier kann man jedes Stück aufführen.“
Wer in der Klinge künftig welches Stück aufführen wird, ist derzeit noch offen. Fest steht nur: für 777 000 Euro plus Grunderwerbsteuer und Notarkosten ist das Anwesen im Internet inseriert.