Ob dieser Elektrokarren bei der Post im Einsatz war, weiß Besitzer Andreas Köhler nicht. Gelb waren die meisten Karren ab Werk. Foto: Roberto Bulgrin

Der Trend zur E-Mobilität ist nichts Neues. Ein alter Karren zeugt vom ersten E-Trend und was die Maschinenfabrik Esslingen damit zutun hatte.

Die unzähligen Arbeitsstunden, die er leisten musste in seinem Leben, sieht man ihm durchaus an: Im Esslinger Eisenlager, einer Stahlhandlung in der Fleischmannstraße, steht ein alter Elektrokarren von der Maschinenfabrik Esslingen. Er ist schmutzig, die Farbe ist an vielen Stellen abgeblättert und die Bretter auf der Ladefläche sind verfärbt und abgerieben. Als schön kann man ihn nicht gerade bezeichnen, aber besonders ist er schon: Er steht stellvertretend für einen Elektrofahrzeugtrend in der Industrie, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts startete und an dem die Maschinenfabrik Esslingen (ME) maßgeblich beteiligt war.

 

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„Es ist eine geniale Konstruktion“, sagt Andreas Köhler, der Geschäftsführer des Esslinger Eisenlagers und Besitzer des Elektrokarrens. Das Gerät, das unter der Typenbezeichnung „EK 2002“ läuft, wurde fast bundesweit von der Deutschen Post eingesetzt und davor bereits bei der Reichspost. „Als sogenannte Flurförderzeuge wurden die Karren vor allem im innerbetrieblichen Verkehr der Post genutzt. Eingesetzt wurden sie seit den 1920er-Jahren hauptsächlich in Packkammern, Bahnhofspostämtern und Postverladeanlagen“, sagt Wenke Wilhelm, die Kustodin für Transportgeschichte und Verkehr in der Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Wie viele der Karren im Einsatz waren, sei nicht bekannt.

Alte und neue Vorteile

Bis zu zehn Tonnen Zuglast und eine Tragfähigkeit von zwei Tonnen konnte das eigentümliche Gefährt bewältigen, das über zwei Hebel gesteuert wird, die sich nur nach oben und unten bewegen lassen – einer für die Geschwindigkeit und einer zum Lenken. Elektrofahrzeuge seien dem Benzinantrieb im innerbetrieblichen Einsatz wirtschaftlich beträchtlich überlegen. Außerdem würden sie sich durch Krisenunempfindlichkeit auszeichnen, da sie unabhängig von flüssigen Treibstoffen sind: Aktueller können die Vorteile der E-Mobilität wohl kaum beschrieben werden. Allerdings stammen diese Aussagen nicht einmal aus diesem Jahrtausend: Am 27. April 1952 warb ein Informationsblatt des Vereins „Arbeitsausschuss Transportrationalisierung durch Elektrofahrzeuge“ für den Umstieg. Dank dem Museum für Kommunikation in Frankfurt sind die Quellen erhalten geblieben und liefern heute interessante Hintergrundinformationen zu den Geräten.

Heute wie damals sind Rohstoffe rar. Die steigenden Benzinpreise aufgrund des Russland-Ukraine-Kriegs, die Klimakrise und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen forcieren die Abkehr von den Verbrennern. „Die Preise für Metall haben sich seit Beginn der Pandemie im Schnitt verdoppelt und es gibt erhebliche Wartezeiten bei Bestellungen“, sagt Köhler. In der Industrie konnte sich die E-Mobilität bereits wieder durchsetzen. Die meisten Gabelstapler und Transportkarren laufen heute elektrisch. Bis vor wenigen Jahren waren Elektrofahrzeuge im Straßenverkehr noch eher die Ausnahme. Das sah vor dem Zweiten Weltkrieg noch anders aus. Auch der Elektrokarren hat eine Straßenzulassung, die aber wegen fehlender Ersatzteile nicht mehr gilt.

Mit dem Karren bis in den Schwurwald

„Ich kann mich noch erinnern, wie die bei der Post damit rumgefahren sind“, erzählt Köhler. „Die Karren sind bis zu 20 Kilometer pro Stunde gefahren und es wurden mit ihnen auch in Esslingen Waren durch die ganze Stadt bis in den Schurwald ausgefahren.“

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Gebaut wurde der EK 2002 ab den 1920er- Jahren. „Damals waren Elektrofahrzeuge noch häufiger auf den Straßen“, sagt Hans-Thomas Schäfer, Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung von Lokomotiven der Maschinenfabrik Esslingen und der letzte Vorstandsvorsitzende der ME. „Es gab auch kleine E-Lastwagen. Die Straßen wurden noch nicht so stark befahren und es waren noch viele Pferdewagen unterwegs.“ Deshalb sei die geringe Geschwindigkeit der frühen Elektrofahrzeuge nicht ins Gewicht gefallen. Der Handel sei noch lokaler gewesen und viele Waren mussten nur von den Bahnhöfen zu den Händlern gebracht werden, weshalb auch die geringe Reichweite kein Problem darstellte. Erst im Zuge des Aufschwungs des internationalen Handels verdrängten die größeren Diesel-Lastwagen die kleineren strombetriebenen Fahrzeuge.

Lang lebe der Elektrokarren

1948 orderte die Post laut Quellen des Museums für Kommunikation bei der Maschinenfabrik Esslingen 90 Elektrokarren und Elektroschlepper. Ein kurzes Aufbäumen der ME, bevor sie aufgrund veränderter Wirtschaftsbedingungen nach und nach ihre Konkurrenzfähigkeit einbüßte. In den 60ern war dann endgültig Schluss. Die ME wurde 1965 an Daimler verkauft und stellte 1968 die Produktion ein. Damit war auch das Ende der Elektrokarren eingeleitet, da keine Ersatzteile mehr hergestellt wurden. Wann der letzte Karren bei der Post außer Betrieb ging, ist nicht bekannt. Das Exemplar im Esslinger Eisenlager sei noch fahrtüchtig, sagt Köhler. Gänzlich ohne Wartung habe der Motor die Jahre überdauert. Wohl ein gutes Zeichen für den aktuellen Trend zur E-Mobilität.

Historische Hintergründe

Maschinenfabrik Esslingen
 Als Aktiengesellschaft 1846 gegründet, baute die ME im 19. Jahrhundert hauptsächlich Lokomotiven und Eisenbahnwagen. Später kamen Straßenbahnen und elektrische Schienenfahrzeuge hinzu. Nach dem ersten Weltkrieg begann die Produktion von Gabelstaplern und Elektrokarren. 1965 erfolgte der Verkauf an die Daimler AG und 1968 wurde die Produktion eingestellt. Die ME existierte formal weiter, vermietete aber lediglich ihre Immobilien. 2003 erfolgte der „Squeeze-out“: Die Aktien wurden nicht mehr an der Stuttgarter Börse gehandelt und die ME ging komplett in die Daimler AG über.

Esslinger Eisenlager
 Das Eisenlager feiert in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Nach eigenen Angaben wurde es 1932 von Fritz Müller und Johann Georg Zipfler, dem Großvater des jetzigen Geschäftsführers, gegründet. Das Unternehmen konzentriert sich auf den industriellen Handel mit Stählen. Gebaut wurde das denkmalgeschützte Industriegebäude bereits 1897 als letzter Erweiterungsbau der Fritz Müller Pressenfabrik.