Wählen und demonstrieren gehen, selbst entscheiden, welchen Beruf man ausübt – was heute ganz normal scheint, sind hart erkämpfte Bürgerrechte. Der Historiker Carsten Kretschmann erklärt in Waiblingen, wie es dazu kam.
Wählen und demonstrieren, frei entscheiden, welchen Beruf man ausübt, ohne Angst seine Meinung sagen – alles selbstverständlich? Keinesfalls, auch wenn es heutzutage in Deutschland so scheint. Tatsächlich sind Bürgerrechte das Resultat eines über Jahrhunderte gehenden Kampfes. „Vielen Leuten ist nicht klar, wie restriktiv das Leben in früheren Zeiten war“, sagt Susanne Jenisch vom Heimatverein Waiblingen.
Carsten Kretschmann sieht das genauso. Er lehrt an der Universität Stuttgart Neuere Geschichte und sagt: „Den meisten Menschen ist nicht bewusst, welch ein Schatz die Bürgerrechte sind.“ Im Mittelalter etwa hatte längst nicht jeder, der in einer Stadt wie Waiblingen wohnte, Bürgerrechte. „Grundeigentum war dafür ein Muss“, sagt Carsten Kretschmann. Für die Bürgerrechte mussten die Menschen zudem mit barer Münze zahlen. Das habe man damals unter Bürgergeld verstanden, sagt der Fachmann: „Das war eine Elitengeschichte. Erst mit der Französischen Revolution hat sich das verändert.“ Diese allerdings garantierte Rechte nur „mündigen Bürgern“, worunter ausschließlich Männer verstanden wurden. Frauen hatten weiterhin weder ein Recht auf Eigentum noch Berufsfreiheit und auch kein Wahlrecht.
Heimatverein Waiblingen veranstaltet Vortragsreihe Carsten Kretschmann hält sechs Vorträge in Waiblingen. privat
Um das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig Bürgerrechte sind, veranstaltet der Heimatverein Waiblingen eine sechsteilige Vortragsreihe mit dem Titel „Vom Untertan zum freien Bürger“, die an diesem Donnerstag, 6. Februar, beginnt. Der Referent ist an allen Terminen Carsten Kretschmann, der an der Uni Stuttgart auch am Projekt „Wehrhafte Demokratie“ beteiligt ist. Die braucht es dringend, wobei Kretschmann momentan eine Tendenz beobachtet, die er als „neues Biedermeier“ bezeichnet: „Man flüchtet sich ins Private“ – zumindest, was die politische Auseinandersetzung angehe. Auf anderen Gebieten wird hingegen Privates täglich in der ganzen Welt verbreitet – zum Beispiel, was es zum Mittagessen gab.
Nicht selten werde die Freiheit der anderen von manchen als Gefahr empfunden, sagt Kretschmann. Das nutzt jenen, die die Demokratie als hinderlich für ihre Zwecke empfinden. „Freiheiten werden teils als Ballast gesehen“, sagt Carsten Kretschmann und weist darauf hin, dass derzeit konjunkturell erfolgreiche Staaten nicht unbedingt die sind, welche Bürgerrechte großschreiben, zum Beispiel China.
Antike bis zur Französischen Revolution
Am ersten Vortragsabend schlägt Kretschmann sportlich einen Bogen von der Antike bis zur Französischen Revolution, beim nächsten Termin am 24. April steht dann das Königreich Württemberg im Mittelpunkt, das seinen Untertanen früh gewisse politische Rechte zugestand. In Württemberg sei man auf Ausgleich und Kompromiss bedacht gewesen, sagt Kretschmann. Das hatte Folgen: Die 1848-Revolution verlief deutlich milder als im Großherzogtum Baden. Doch mit Rechten gingen auch Pflichten einher – so wurde etwa die Wehrpflicht eingeführt.
In weiteren Vorträgen beleuchtet Carsten Kretschmann das Deutsche Kaiserreich und die Weimarer Reichsverfassung, die württembergischen Umsetzung der Bürgerrechte in den 1920er Jahren und schließlich die Situation in der Bundesrepublik mitsamt der württembergischen Landesverfassung von 1953. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Bürgerrechte für eine immer größere Zahl von Menschen galten – aber bis heute eben längst nicht für alle, auch nicht in Deutschland, so etwa für Geflüchtete.
Vortragsreihe
Termine
Die Reihe startet am 6. Februar, 19 Uhr, im Forum Mitte Waiblingen, Blumenstraße 11. Der Eintritt kostet fünf Euro.