Wie fasst man das Grauen in Bilder? Mit dem Manga „Barfuß durch Hiroshima“ gelang dem japanischen Zeichner Keiji Nakazawa ein Werk, das wegen seiner so schockierenden wie aufklärerischen Wirkung bis heute als Comic-Meilenstein gilt – auch, weil es klar die Verantwortung Japans benennt.

Stuttgart - Es ist der 6. August 1945, der kleine Gen Nakaoka läuft durchs zerstörte Hiroshima. Nur durch Glück hat er unter Trümmern die Atombombenexplosion fast unverletzt überlebt, nun will er zu seinem Elternhaus. Überall liegen Tote, erschlagen, verbrannt oder durch die Hitze regelrecht geschmolzen, er begegnet Menschen, die Gespenstern gleich durch die Trümmerlandschaft irren, erblindet, halbverkohlt, ihre verbrannte Haut hinter sich herschleifend.

Am Elternhaus angekommen, muss er mit ansehen, wie sein Vater und seine beiden Geschwister im Feuersturm verbrennen. Nur er und seine schwangere Mutter über­leben, die durch den Schock verfrüht ihr Kind bekommt.

Kaum zu ertragen sind viele der Szenen, die der japanische Comiczeichner Keiji Nakazawa (1939–2012) in „Barfuß durch Hiroshima“ gezeichnet hat, das dargestellte Grauen scheint in seinen Schwarz-Weiß-Bildern noch intensiver zu wirken, als man es sich etwa in einem Film vorstellen könnte. Es ist Nakazawas eigene Geschichte, auch wenn er die Hauptfigur anders genannt hat; als Sechsjähriger überlebte er den Abwurf der Atombombe. Später war das Zeichnen für ihn ein Weg, seine traumatischen Erinnerungen zu verarbeiten.

"Nie ernsthaft mit der Bombe beschäftigt"

Bis er damit anfing, vergingen über 20 Jahre. Nakazawa verdiente bereits sein Geld mit dem Zeichnen von Mangas, der japanischen Form der Comics, als ihn 1966 die Feuerbestattung seiner Mutter wieder mit den verdrängten Erlebnissen konfrontierte.

„Ich war geschockt, als man mir die Asche meiner Mutter übergab“, erzählte er später in einem Interview. Anders als sonst waren in der Asche keine Knochenreste. „Ich vermute, die Strahlung hat ihre Knochen so aufgeweicht, dass sie sich komplett aufgelöst haben“, sagte Nakazawa. Ihm sei dadurch klargeworden, dass er sich – wie nahezu alle Japaner – „nie ernsthaft mit der Bombe, dem Krieg und wie es dazu gekommen war, beschäftigt hatte“.

Er brauchte noch mehrere Anläufe, ehe 1973 die erste 20-seitige Folge von „Hadashi no Gen“ („Der barfüßige Gen“) in dem Unterhaltungsmagazin „Shonen Jump“ ­erschien. Zehn Jahre sollte es dauern, bis er seine Comic-Autobiografie beendet hatte – ein Mammutwerk von rund 3000 Seiten, in zehn Bänden zusammengefasst.

Nakazawas Geschichte vereint eine so komplexe Struktur und so differenzierte Charaktere wie wenige andere Comics, simple Stereotypen und Schwarz-Weiß-Raster sucht man hier vergebens. Und weil sein Ziel war „klarzustellen, wer wirklich die Schuld an allem trug“, erzählt er auch die Vorgeschichte des Atombombenabwurfs. Im ersten Band fällt erst kurz vor Schluss die Bombe – davor wird das Leben im von der Militärdiktatur Hideki Tojos geprägten Japan geschildert. Die Bevölkerung hungert, weil die Armee bevorzugt verpflegt wird, zudem leidet Gens Familie unter besonderen Repressalien, weil sich der Vater offen als Kriegsgegner bekennt. Von der Polizei ebenso wie von den Mitmenschen werden die Familienmitglieder schikaniert, und man lernt: Nicht nur in Deutschland, auch in Japan musste sich das totalitäre Regime nicht allein auf seinen Repressionsapparat stützen, sondern konnte sich auf ausreichend willige Helfer verlassen, um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Zorn gegen die japanischen Kriegstreiber

Nakazawas Porträt der japanischen Kriegsgesellschaft ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass es in Japan nach 1945 praktisch keine ­Ver­gangenheitsbewältigung gab, im Grunde genommen bis heute nicht. Das Land, das 1937 einen brutalen Aggressionskrieg begonnen hatte, sah sich nach dem Atombombenabwurf als Opfer einer Aggression.

Die Japaner hätten sich „ihre eigene Verantwortung für den Krieg nicht eingestanden“, so Nakazawa. Sein Zorn richtet sich vor allem gegen die japanischen Kriegstreiber, die für ihn den Abwurf der Atombombe provoziert haben – und damit das unvorstellbare Leid unzähliger Opfer zu verantworten haben. Deren Schicksal schildert er ab dem zweiten Band. Für Gen, seine Mutter und seine neugeborene Schwester beginnt wie für viele andere eine Odyssee, die Strahlenopfer werden oft wie Ausgestoßene behandelt. Neben den unmittelbaren Opfern der Explosion rafft die Strahlenkrankheit in den Wochen danach Tausende dahin, Gens Schwester stirbt nach nur vier Monaten, er selbst wird auch krank, überlebt aber. Er pflegt einen kranken Jungen, in dessen verbrannter Haut sich Maden eingenistet haben, während um sie herum die Besatzung der Amerikaner beginnt.

Auch wenn am Ende des vierten Bandes wieder Hoffnung aufscheint, verkitscht oder abgemildert wird in „Barfuß durch Hiroshima“ nichts. Doch gerade durch seine schonungslose Darstellung wird dieser Manga zu einem eindringlichen Plädoyer für Menschlichkeit und gegen den Krieg, zu einem aufklärerischen wie hochpolitischen Comic. Die Aufklärung blieb Nakazawas Lebensthema – bis kurz vor seinem Tod 2012 engagierte er sich nicht nur gegen Atomwaffen, sondern auch gegen die zivile Nutzung der Kernkraft.

Für viele ist „Barfuß durch Hiroshima“ einer der wichtigsten und besten Comics überhaupt, durch seine Kombination historischer und autobiografischer Elemente zudem ein Einfluss für viele westliche Comic-Künstler. So sagte der US-Zeichner Art Spiegelman einmal, er sei noch ganz unter dem Eindruck von Nakazawas Werk gestanden, als er mit der Arbeit an „Maus“ begann – darin verarbeitete er die Erinnerungen seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden.

Unter anderem in den USA und Deutschland war „Barfuß in Hiroshima“ der erste veröffentlichte Manga überhaupt. 1982 veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den ersten Band in deutscher Übersetzung, erst ab 2004 startete Carlsen einen zweiten Anlauf mit immerhin den ersten vier Bänden. Die komplette zehnbändige Fassung gibt es bislang nur auf Japanisch, Englisch und Französisch.

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