Anderntags sieht es mitunter wüst aus, und die AWS-Männer müssen ran. Foto: Leif Piechowski

Die Nachbarschaft des Stuttgarter Marienplatzes sieht sich allmählich an den Rand gedrückt. Außerdem plagt sie der Lärm und der Dreck der Menschenmassen auf dem Platz. Mit vereinten Kräften und kleinen Maßnahmen versucht man nun dieser Entwicklung entgegen zu steuern.

S-Süd - Ist der Marienplatz nur ein touristischer Spot – ein Ort, an dem sich die von auswärts tummeln? Ein Platz, von dem die Anwohner und die Älteren verdrängt werden, und von dem der Nachbarschaft bloß der Lärm und der Dreck derer bleiben, die dort ihre Partys feiern? Es gibt diese Klagen, und es ist eine Tatsache, dass die Polizei den Marienplatz schärfer in den Blick genommen hat. Auch dass die Reinigungsarbeiten erheblich intensiviert und mehr Mülltonnen aufgestellt werden mussten, sind Tatsachen.

Kürzlich hat sich der neu gegründete Sicherheitsbeirat wegen der Situation am Marienplatz getroffen. Vertreter des Bezirks, der Polizei, der Abfallwirtschaft (AWS), der Jugendsozialarbeit, des Ordnungsamtes, der Integrationssachverständige, die kommunale Kriminalprävention und die Gastronomen vom Platz waren dabei. Ihre Fragen: Was geschieht hier am Platz? Kann man das laufen lassen? Muss man eingreifen? Und wenn ja, wie?

Intimere Events gewünscht

Als der Marienplatz im Jahr 2003 eröffnet wurde, erschien er vielen in der Stadt öde und leer: zuviel Beton, zuwenig Grün. Der Platz wurde nur zögerlich angenommen. Es galt damals, sein Potenzial zu demonstrieren, die Menschen herzulocken. So wurden Regeln aufgestellt, mit deren Hilfe der Platz belebt werden sollte. Die sind heute längst nicht mehr nötig, gelten aber immer noch. Es ist Zeit für neue Konzepte, findet der Bezirksvorsteher im Süden, Raiko Grieb. „Wir müssen wieder ein gutes Gleichgewicht zwischen Nutzern, Anwohnern und Veranstaltern finden.“ Eine Idee lautet, intimere, auf wenige Stunden beschränkte Veranstaltungen stattfinden zu lassen wie beispielsweise Kunstperformences oder Jazz- und Klassikkonzerte. Die kommen ohne große Verstärker aus und ziehen ein diverseres Publikum an, sagt Grieb.

Die Verdrängung der heimischen und älteren Bevölkerung sei gleich mehreren aufgefallen, berichtet der Bezirksvorsteher vom Treffen des Sicherheitsbeirates. „Anwohner sagen, das sei nicht mehr ihr Platz.“ Und auch der Jugendrat und die Mobile Jugendarbeit meinen, dass man auf dem Platz immer weniger Leute aus dem Quartier treffe. Dabei klagt keiner über die Beliebtheit des Platzes oder darüber, dass Leute von außerhalb kommen. Für Ärger sorgen eher die Begleiterscheinungen der vielen Besucher.

Frauen pinkeln überall hin

So stört die Anwohner der Lärm. Gettoblaster und Gespräche, die wie aus einem Trichter vom tief gelegenen Platz emporschallen, halten die Nachbarschaft oft bis in die Morgenstunden wach. Um 7 Uhr früh kommt dann bereits der Müllwagen angerumpelt, der die Hinterlassenschaften der nächtlichen Gesellschaft fortschafft. „Die Nachtruhe ist da häufig auf drei, vier Stunden beschränkt“, berichtet Raiko Grieb. Ansonsten hätte die AWS allerdings „viel Beifall“ für ihren verstärkten Einsatz auf dem Platz geerntet. Auch habe sie weitere Tonnen aufgestellt, und seit dem vergangenen Jahres stehen auch drei Pressehaie am Platz. „Aber morgens sind die Tonnen voll, der Müll stapelt sich drumherum, und vieles bleibt auch einfach auf dem Platz liegen.“ Den Bezirksvorsteher stören besonders zerdepperte Flaschen, die eine Gefahr seien für spielende Kinder. Die Müllmenge am Platz steige seit Jahren an, auch dieses Jahr sei es wieder mehr geworden, berichtete die AWS bei dem Treffen.

Außerdem fehlen Klos. Das Toilettenhäuschen am südwestlichen Ende reicht offenbar nicht, außerdem kostet die Benutzung Geld, das sich offenbar viele sparen. Häufig beschwerten sich Anwohner über Wildpinkler, sagt Grieb: „Und wie die Polizei mir berichtet hat, machen inzwischen auch die Frauen einfach überall hin.“ Im barrierefreien Aufgang zum Bürgeramt Süd beispielsweise stinke es wie in einem Pissoir. Nicht nur deswegen drängt die Polizei auf eine bessere Ausleuchtung der dunklen Ecken am und beim Platz. Doch bislang existiert für den Marienplatz kein Lichtkonzept. Auch dies wäre eine Maßnahme, um die Situation zu verbessern. Die Polizei sagt, dass sie den Ort deutlich stärker im Visier habe als früher. „Feuersee und Marienplatz sind inzwischen ebenso wie der Eckensee im Blick“, berichtet der Bezirksvorsteher.

Ein besonders gefährlicher Ort ist der Marienplatz allerdings nicht, und trotz des erheblichen Alkoholkonsums kommt die Polizei mit den Leuten in aller Regel zurecht. Der Jugendrat meint allerdings, dass die Sauferei überhand nimmt: Mitunter seien die Alkoholregale im Rewe im Südtor-Gebäude regelrecht leer geräumt. Interessanterweise sprang einer der Gastronomen in der Runde den Kunden bei: Junge Leute hätten einfach nicht das Geld, um den ganzen Abend in der Kneipe zu trinken.

Im Visier der Polizei

Es sind eher kleinere Eingriffe, die man plant: mal ein Jazzkonzert, ehrenamtliche Ordner, die auf dem Platz die Leute ermahnen, ihre Musik leiser zu drehen oder ihren Müll ordentlich zu entsorgen, vielleicht ein Lichtkonzept. Manches Problem wird sich möglicherweise in den nächsten Monaten von selber lösen, wenn wieder strengere Corona-Regeln gelten – vorerst zumindest.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: