Rappernachwuchs: Der 30-jährige Christoph Schwarz alias Marz bringt ein Mixtape heraus. Foto: fotonoid

Ein Hip-Hop-Event nach dem anderen, Nike-Turnschuhe an vielen Füßen, die über die Königstraße flanieren und ständig neue Rapper am Stuttgarter Himmel. Woher kommt der ganze Rummel um den Hip-Hop in Stuttgart?

Ein Hip-Hop-Event nach dem anderen, Nike-Turnschuhe an vielen Füßen, die über die Königstraße flanieren und ständig neue Rapper am Stuttgarter Himmel. Woher kommt der ganze Rummel um den Hip-Hop in Stuttgart?

Stuttgart - Ein ganzes Jahr hat er an seinem Mixtape gearbeitet. Ein Jahr zwischen Schichten schieben, Kopfnicken und Texte schreiben. Und wenn er jetzt über die Königstraße laufen würde, würde er mit seinen Nikes und seinem Stuttgart-Basecap nicht einmal auffallen. Wie in Uniform sehen die meisten Passanten zwischen 20 und 30 mittlerweile aus: Ein Jutebeutel hier, ein grüner Parka da und die bunten Sneaker noch kurz zuschnüren. Am Wochenende geht’s dann noch in einen schicken Hip-Hop-Klub oder zum nächsten Konzert der Orsons, und schaut man in die Zeitschriften, liest man nur noch von Hip-Hop Musik.

Der 30-jährige Christoph Schwarz alias Marz müsste der zigtausendste Rapper in Stuttgart sein, der gerade ein Mixtape veröffentlich hat. Doch Marz schüttelt den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es hier junge Nachwuchsrapper im Überfluss gibt“, sagt er, „Oder wenn, dann sind sie nicht wirklich präsent. Die Leute scheinen zwar heißhungrig auf Rap zu sein, und auch die Hip-Hop- Konzerte sind hier viel besucht, doch ich kann nicht mal an einer Hand ein paar junge Freestyler aufzählen.“

Steffen Geldner, Pressesprecher vom Popbüro Region Stuttgart, sieht das genauso. Seit Jahren bekommt das Popbüro Anfragen von jungen Künstlern, die Unterstützung bei ihrer Musikkarriere brauchen, doch Hip-Hopper tauchen laut Geldner kaum auf. „Es sind überwiegend die Gitarrenkünstler, die bei uns nachfragen, Indie- oder Popbands sowie Singer- und Songwriter“, sagt Geldner. Und wenn er Musikworkshops in Schulen gibt, siehe das ähnlich aus: „Es ist auf keinen Fall abzustreiten, dass die Jugend gerne Hip-Hop hört und auch gerne feiern geht, doch wirklich selbst einen Text schreiben oder den auch schnell sprechen, das wollen viele einfach nicht.“

Ursprung beim 0711 Entertainment gesehen

Man hört also lieber zu. Doch woher kommt das Interesse? Die Vorliebe für das Genre? Geldner und Marz sehen den Ursprung beim 0711 Entertainment. Das ist das Unternehmen, das wöchentlich zig Hip-Hop Konzerte für Stuttgart bucht und eine Hip-Hop Party nach der anderen schmeißt. „Die Jungs von 0711 und Chimperator veranstalten schon seit Jahren ihre Events und sind auch immer dabei geblieben“, sagt Geldner.

Die 0711 Entertainment GmbH wurde vor genau 17 Jahren gegründet. Die Gründer, Jean-Christoph Ritter und Johannes Strachwitz, lernten sich damals während des Studiums kennen und begannen gemeinsam Veranstaltungen zu organisieren. 1997 stellten sie die erste Tour der Stuttgarter Rapgruppe Kolchose auf die Beine, in der unter anderem Afrob, Massive Töne und Freundeskreis mit Max Herre waren. Es folgten immer mehr Veranstaltungen, im Jahr 2000 etwa wurde das größte Hip-Hop Festival in Deutschland, die Hip-Hop Open, ins Leben gerufen.

„Bei der 0711 GmbH stand immer die Liebe zum Hip-Hop im Vordergrund und wir wollten Events veranstalten, die wir selber gerne besuchen würden“, sagt Steffen Posner. Posner leitet zusammen mit Stephan Stoffel die GmbH; 2011 lösten sie die Gründungsväter Strachwitz und Ritter ab, nebenbei ist Posner noch bei der Stuttgarter Plattenfirma Chimperator, die Hip-Hop- Künstler vermarktet.

„Wir haben bei 0711 schon oft andere Sachen als Hip-Hop probiert. Eine Drum’n’ Bass-Veranstaltung gab es zum Beispiel mal, doch am besten wurde immer der Hip-Hop aufgenommen.“ Dasselbe gilt laut Posner auch für Konzerte: Von 30 Konzerten sind 20 aus dem Hip-Hop Genre – und diese sind fast immer ausverkauft.

Verfolgt man derzeit den deutschen Musikmarkt, sieht man schnell, dass Stuttgarter Künstler wie Cro mit der Pandamaske ganz vorne mitspielen – Cro, der bei Posner und Chimperator unter Vertrag ist. Ist also ein Mann mit Pandamaske schuld an dem ganzen Hype?

Angefangen hat alles in den früheren Neunzigern

Nein, freilich nicht. Martin Elbert von Kessel.tv, einem Internetblog, der rund um Stuttgarts Subkultur berichtet, sieht den Beginn in Stuttgarts Hip-Hop-Liebe viel früher: Laut Elbert ebneten Rapper wie Max Herre oder auch die Fantas schon früh die Hip-Hop Szene in Stuttgart. Für viele wurde Stuttgart erst durch diese Künstler bekannt, „Stuttgart als die Hip-Hop-Stadt“, wie es Elbert auch nennt. Angefangen hat alles in den früheren Neunzigern, damals öffnete ein Hip-Hop-Laden nach dem anderen. Noch heute ist das so; das sieht Martin Elbert, wenn er auf seinem Blog die neusten Veranstaltungen hochlädt. „Und dabei gibt es im Vergleich zur Elektroszene kaum lokale Hip-Hop-DJs hier“, sagt er.

Was wäre folglich, wenn die 0711 GmbH keine Veranstaltungen mehr machen würde? Verfliegt dann der ganze Hip-Hop-Hype? Oder taucht mit der nächsten Stuttgarter Punkband eine neue große Welle auf? Beim Hip-Hop-Nachwuchs in Stuttgart scheint es laut den Experten derzeit schwach auszusehen – auch wenn der Lifestyle stimmt und Cro die Charts anführt.

Für Rapper Marz steht fest, dass es nach seinem Mixtape weiter gehen soll. Nikes und Basecap bleiben stets dabei, die Stuttgarter Rap-Fahne hält er weiterhin hoch. Dafür hat Marz aber schon die letzten zehn Jahre geschuftet: Texte geschrieben, Beats gebaut und Konzerte gegeben.

Vielleicht sind Rapper wie Marz und Reime-Liebhaber wie Steffen Posner noch heute der Grund dafür, dass Stuttgarts Liebe für den Hip-Hop nie zu schwinden scheint.

Das Mixtape „Hoes.Flows.Tomatoes“ von Marz gibt es unter http://kessel.tv/marz-free-download-mixtape-hoes-flows-tomatoes-out-now/ zum kostenlosen Download. Am 7. Dezember tritt Marz mit Sickless und Edgar Wasser bei der Veranstaltung „Monastic Rap“ im Jugendhaus Kloster in Weil der Stadt auf. Der Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt kostet elf Euro.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: