In der Islamischen Republik sind nach Angaben von Menschenrechtlern in diesem Jahr schon mehr als 300 Menschen hingerichtet worden.
Jamshid Sharmahd droht im Iran die Todesstrafe. Der Deutsch-Iraner muss sich vor Gericht wegen Terrorvorwürfen verantworten, die ihn an den Galgen bringen könnten, und wartet auf das Urteil in dieser Woche. Der Iran erlebt derzeit eine Hinrichtungswelle mit mehr als 300 vollstreckten Todesurteilen in der ersten Jahreshälfte, fast so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Die iranische Justiz wolle mit Massenhinrichtungen mehr Platz in den Gefängnissen schaffen, sagen Menschenrechtler.
Sharmahd war in den 1980er Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen und hatte die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Vor fast 20 Jahren zog der Software-Entwickler in die USA, wo er sich in der iranischen Oppositionsgruppe Tondar engagierte. Auf einer Geschäftsreise vor zwei Jahren wurde er nach Angaben seiner Tochter Gazelle bei einer Zwischenlandung in Dubai von iranischen Agenten entführt, in den Iran gebracht und vor Gericht gestellt. Seine Gesundheit habe sich in der Einzelhaft sehr verschlechtert, sagt Gazelle Sharmahd. Ihrem Vater seien alle Zähne ausgefallen, und er könne kaum noch gehen. Weil Sharmahd auch noch die iranische Staatsbürgerschaft besitzt, dürfen sich deutsche Diplomaten im Iran nicht um ihn kümmern.
Der Prozess werde von einem Richter geführt, der bereits bei anderen Verfahren gegen inhaftierte Doppelstaatler den Vorsitz gehabt habe, berichtete die regimekritische iranische Online-Plattform Iran-Wire. Am letzten Verhandlungstag am Dienstag bekräftige Richter Abolghasem Salavati demnach die Vorwürfe, Sharmahd sei der Anführer von Tondar und habe einen Anschlag auf eine Moschee im iranischen Shiraz im Jahr 2008 zu verantworten, bei dem 14 Menschen starben. Sharmahd wies alle Vorwürfe zurück. Nach seiner Festnahme 2020 hatte er den Anschlag zwar gestanden, war nach Angaben seiner Tochter dazu aber unter Folter gezwungen worden. Nun bereite der Iran einen „vorsätzlichen Mord“ an ihrem Vater vor, schrieb sie auf Twitter.
Nur China richtet mehr Menschen hin als der Iran. Die Organisation Iran Human Rights zählt seit Januar 306 Hinrichtungen; Amnesty International registrierte im gesamten vergangenen Jahr 314 Exekutionen. Die tatsächlichen Zahlen könnten noch höher liegen, weil nicht alle Hinrichtungen bekannt werden; die meisten Todesurteile werden wegen Mordes und Rauschgiftdelikten ausgesprochen. Die Zahl der Exekutionen steigt Menschenrechtsorganisationen zufolge seit der Wahl des Hardliners Ebrahim Raisi zum Präsidenten im Juni vergangenen Jahres. Raisi wirkte nach Angaben von Oppositionellen 1988 an einer Massenhinrichtung von bis zu 5000 Häftlingen mit und war bis zu seinem Wahlsieg Chef der iranischen Justiz. Sein Nachfolger auf diesem Posten, ebenfalls ein Hardliner, ist ein früherer Geheimdienstminister. Nach Einschätzung der Menschenrechtsgruppe Abdorrahman Boroumand Center for Human Rights in Iran, die zusammen mit Amnesty einen Bericht über die Hinrichtungswelle vorlegte, wollen die Behörden der Islamischen Republik mehr Menschen an den Galgen bringen, „um die Häftlingspopulation zu reduzieren“. Darauf ließen Äußerungen hochrangiger Vertreter der Justiz schließen, berichtete die Gruppe.
Im Iran sitzen mehr als 200 000 Menschen in Gefängnissen, die für weniger als 100 000 Insassen gebaut sind. In Deutschland sitzen, bei vergleichbarer Einwohnerzahl, etwa 45 000 Menschen in Haft.