Mit Spenden auch aus Stuttgart sind im Elendsviertel Moytamadeia in Kairo bereits eine Gesundheitsstation und Wasseranschlüsse geschaffen worden. Foto: Sebastian Drabinski

Stuttgart sammelt in seiner Funktion als Unicef-Kinderstadt in diesem Jahr für drei Hilfsprojekte. Eines davon kommt Müllsammlern in einem Elendsviertel in Kairo zugute.

Stuttgart - Sauberes Wasser ist für die Einwohner der Stadtteile Misr Al-Quadima und Hadayek Al Qubba purer Luxus, ganz zu Schweigen von einem Badezimmer. Sie leben in zusammengeschusterten Baracken, ohne sanitäre Anlagen, die Ernährung ist unzureichend. Entsprechend schnell breiten sich Krankheiten aus, die Sterberaten vor allem von Müttern und Kindern sind drastisch angestiegen. Doch Hoffnung ist in Sicht: Bereits im Januar 2014 hat Unicef eine Initiative gestartet, um die Gesundheit von Müttern und Kindern in den beiden Stadtteilen zu verbessern. In ihrer Funktion als Unicef-Kinderstadt unterstützt die Stadt Stuttgart das Projekt seit November 2015 ein Jahr lang mit Spenden.

Erste Erfolge kann Unicef bereits verbuchen. „1000 Wasseranschlüsse sind gelegt, eine Gesundheitsstation gegründet, eine andere renoviert, und 15 Schulen in den betroffenen Siedlungen wurden ebenfalls renoviert und mit Wasser versorgt“, sagt Angela Griep, Unicef-Teamleiterin für Kommunikation und Kinderrechte. Vor allem die Schulen seien extrem wichtig, um Wissen über Hygiene zu vermitteln.

Die Zusammenarbeit mit der Stadt Kairo trägt ebenfalls zum Erfolg des Projekts bei. Regelmäßig finden Trainings für Ärzte und Krankenpfleger statt, in monatlichen Treffen informiert die Stadt über den aktuellen Stand. Auch die Universität Kairo schult medizinisches Personal. Ortsansässige Wasserfirmen kümmern sich um die Anschlüsse ans städtische Wassersystem. Die lokalen Institutionen sind wichtig, denn Unicef versucht, sich von Projekten irgendwann zurückzuziehen. Bis Ende des Jahres kann die Hilfsorganisation noch auf die Unterstützung der Stadt Stuttgart bauen, das Spendenziel liegt bei insgesamt 100 000 Euro.

Andere Projekte gibt es in Syrien und der Türkei

Das Projekt in Kairos Armenvierteln ist eines von drei, die Stuttgart in seiner Funktion als Unicef-Kinderstadt unterstützt. Syrische Flüchtlingskinder in der Grenzstadt Mardin (Türkei) sollen zur Schule gehen können. Ein geplanter Besuch von Vertretern der Stadt Stuttgart im April wurde wegen der politischen Lage abgesagt. In Burundi verhilft Unicef durch das Project Lumière den Menschen mithilfe von Solarenergie und Pedalkraft zu Strom. Für alle drei Vorhaben sollen mindestens 600 000 Euro zusammenkommen, ein Euro pro Einwohner in Stuttgart. Der Spendenstand beträgt momentan rund 152 000 Euro.

Neben der Stadt kümmert sich auch der deutsch-ägyptische Kulturverein Yalla mit Sitz in Stuttgart um Kairos Slums. Yalla unterstützt den Hilfsfonds Schwester Maria Kairo. Die inzwischen verstorbene Namensgeberin kümmerte sich um die Zabbalin, die Müllmenschen im Stadtteil Moytamadeia. Maria Grabis’ Arbeit führt Sebastian Drabinski fort. Er schrieb seine Diplomarbeit über Kairo und ist als Projektleiter oft in Moytamadeia. „Die Müllentsorgung in Kairo ist unzureichend, deshalb sammeln die Zabbalin morgens auf einer bestimmten Route den Müll mehrerer Stadtviertel ein“, sagt Drabinski. Anschließend trennen sie in Moytamadeia die Abfälle mit der Hand und erreichen eine Recyclingquote von 90 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland gelten Quoten von 40 Prozent als normal. Rund 10 000 meist koptische Christen sind involviert. Das ist historisch bedingt: Früher waren die Sammler Muslime, in den 1920er Jahren verkauften sie die Abfälle an christliche Zuwanderer – die Arbeit bleibt seitdem an ihnen haften.

1981 gründete Schwester Maria Grabis den Verein, seitdem hat sich die Situation der Zabbalin verbessert. Eine Schule für rund 430 Kinder ist entstanden, ein Kindergarten mit zwei Gruppen, eine Nähwerkstatt und ein Erholungscamp am Sinai. Doch bei etwa 10 000 Betroffenen ist noch mehr Hilfe nötig. Drabinski spricht von einer schlechten Gesamtsituation: „Der Staat ist im Zabbalin-Viertel nicht präsent.“ Viele der Müllsammler seien Analphabeten, die Kinder arbeiten, anstatt in die Schule zu gehen.

Kairo hat bis zu 20 Millionen Einwohner

Warum gibt es ausgerechnet in Kairo derart viele informelle Siedlungen, also illegale Stadtteile mit Behausungen ohne Baugenehmigung? Drabinski führt einige Gründe an: Die Bevölkerung wächst stetig, aus anderen Teilen Ägyptens ziehen viele Menschen in die Großstadt, dazu kommen Flüchtlinge. Der Staat kann aber nicht ausreichend Wohnraum bereitstellen. Die Preise auf dem legalen Wohnungsmarkt können viele nicht zahlen. „Die Hälfte der Stadt ist informell“, sagt der Kairo-Experte.

Der Platz wird langsam knapp: 26 000 Menschen leben in Ägyptens Hauptstadt durchschnittlich pro Quadratmeter. Das sind mehr als fünfmal so viele Menschen wie in München. 18 bis 20 Millionen Einwohner zählt Kairo, die Dunkelziffer schätzt Drabinski aber auf 25 bis 30 Millionen. Die Hälfte ist jünger als 25 Jahre, viele von ihnen haben keine Perspektive für die Zukunft. Bei diesen Zahlen erscheinen die Erfolge von Unicef und dem Verein Schwester Maria Kairo zunächst klein. Aber sie sind enorm wichtig, um die Zustände in Kairos Slums zu verbessern. Jedes Kind, das Zugang zu sauberem Wasser hat, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Spenden

Spenden für das Unicef-Projekt: BW-Bank Stuttgart, IBAN: DE 10 60 05 01 01 00 01 23 09 03. Spenden für Schwester Maria Kairo e.V.: Commerzbank Köln, IBAN: DE 03 37 04 00 44 01 56 88 80 00.
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