Die ehrenamtlichen Helfer bekamen Blumen und Jutetaschen überreicht. Foto: Uli Meyer

Das Hilfsprojekt Medmobil hat sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Das Projekt wird von der Stadt mitfinanziert, der Verein Ambulante Hilfe braucht aber weitere Partner und ehrenamtliche Helfer.

S-Süd - Das Geburtstagskind war dekoriert. Mit einer großen roten Schleife am Dachbereich stand der weiße Kastenwagen unter der Paulinenbrücke an der Tübinger Straße. Dem Gefährt und den Menschen, die die „rollende Arztpraxis“ organisieren, gebührte die Feierstunde anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Medmobils. Rund 200 Teilnehmer waren am Freitagnachmittag dabei, Ehrengäste genauso wie die Medmobil-Mitarbeiter, Unterstützer und Patienten.

„Sie waren und sind ein ganz wichtiger Partner der Stadt“, sagte Stefan Spatz in seinem Grußwort. Der Sozialamtsleiter lobte die Arbeit des Medmobils, das einst vom Verein Ambulante Hilfe zusammen mit dem Verein Ärzte der Welt gegründet wurde. Menschen in Wohnungsnot und Armut medizinisch zu versorgen und zu beraten, das ist im Wesentlichen das Angebot des Medmobils.

Paulinenbrücke von Anfang an feste Station

Fünf bis sieben Mal in der Woche steuert das Auto verschiedene Plätze in der Stadt an, die Paulinenbrücke gehörte von Anfang an zu den festen Stationen. „Das ist der Charme des Medmobils: Man geht zu den Menschen hin und hilft“, so Stefan Spatz, der die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter für deren Fach- und Sozialkompetenz lobte: „Sie wenden viel Empathie auf, bringen menschliche Wärme und medizinischen Sachverstand mit.“

Menschen, die aufgrund vielfältiger Umstände sich in schwierigen Lebenssituationen befinden und aus dem regulären System der Krankenversicherung herausgefallen sind, können kostenlos und anonym das Medmobil aufsuchen. „Wir haben zwar eine gute Hausapotheke dabei, aber wir stellen keine Rezepte aus“, sagte Sozialarbeiter Jakob Reineke und verwies auf die Hauptaufgabe des Medmobils: „Wir versuchen, für diese Menschen eine Brücke zum Gesundheitssystem zu bilden.“ Das sieht in der Realität dann so aus, dass die Mitarbeiter Betroffene zu einem der 15 niedergelassenen Ärzte vermitteln, die ebenso wie sechs Apotheken mit dem Medmobil kooperieren. „In der Regel kriegen wir recht schnell Termine“, sagte Reineke.

2321 medizinische Konsultationen

Dass das Angebot benötigt wird, belegen die Zahlen. Im vergangenen Jahr fanden 294 Sprechstunden im Medmobil statt, dabei wurden 2321 medizinische Konsultationen vorgenommen, 683 verschiedene Personen behandelt oder beraten. Dass die Institution auch immer wieder neue Menschen erreicht, zeigt die Zahl von 285 Erstkontakten in 2018. „In den vergangenen vier Jahren hat die Anzahl derjenigen Menschen, die keinen Krankenversicherungsschutz und keine Unterkunft haben, deutlich zugenommen und stellt Medmobil vor weitere Herausforderungen“, sagte Jakob Reineke.

Eine Situation, die beileibe nicht nur auf Stuttgart zutrifft. Von einem „immer grobmaschiger werdenden sozialen Netz“ sprach Nele Kleinehanding. Die Gastreferentin vom Verein Armut und Gesundheit aus Mainz hält die von der Bundesregierung verbreitete Zahl von bundesweit rund 80 000 Menschen ohne Krankenversicherung für unrealistisch. „Die tatsächliche Zahl liegt unserer Erkenntnis nach wesentlich höher“, so Kleinehanding, die ein Hilfsmodell aus ihrer Stadt vorstellte und den Stuttgarter Weg lobte. Vom eigentlichen Ziel, sich langfristig selbst als Hilfsorganisation überflüssig zu machen, weil alle Menschen uneingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung hätten, sei man weit entfernt.

Ziemlich einzigartig in Deutschland

Und das sieht man offenbar auch in Stuttgart so. Zur Freude aller Anwesenden verkündete Stefan Spatz, dass die künftige Finanzierung von Medmobil von Seiten der Stadt „so gut wie festgezurrt“ sei. Als „ziemlich einzigartig in Deutschland“ lobte Sozialarbeiterin Iris Scherrenbacher die Regelfinanzierung eines solchen Projekts durch städtische Mittel. In den ersten Jahren finanzierte sich Medmobil durch das Erbe eines verstorbenen Arzt-Ehepaares, seit 2015 ist die Stadt mit im Boot. Dass der Verein Ambulante Hilfe trotzdem noch weitere Partner sowie auch Ehrenamtliche benötigt, um seinen Service aufrechtzuerhalten, wurde bei der Feier deutlich. Vor zwei Jahren konnte man sich nur dank Spenden ein neues Fahrzeug anschaffen, das das reparaturanfällig gewordene Erstmodell ablöste.

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