Hilfsprojekt in Wangen Die Hoffnung, überflüssig zu sein

Von Simon Leißler 

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Der gebürtige Wangener Oliver Berthold engagiert sich seit elf Jahren mit seinem Verein „al omri – Kinderhilfe Palästina“ für Kinder im Gazastreifen.

Wangen - Während seiner Zeit als Zivildienstleistender in einem Heim für behinderte Kinder in Jerusalem setzte Oliver Berthold vor 13 Jahren zum ersten Mal einen Fuß in den Gazastreifen. Was er dort sah, prägte den jungen Mann. Zurück in Deutschland wollte der Wangener den Menschen in der armen und von kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Nachbarland Israel gezeichneten Palästinenserregion helfen. Er gründete den Verein „al omri – Kinderhilfe Palästina“. Seit 2001 sammelt der angehende Facharzt für Kindermedizin, der mittlerweile in Berlin lebt, Geld für Hilfsprojekte im Gazastreifen.

„Ich bin eigentlich dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, sagt Oliver Berthold rückblickend. „Ich wollte meinen Zivi in Israel machen, aber ich konnte nicht bestimmen, wo ich dort hinkomme.“ Der Wangener Abiturient wurde im Behindertenheim St. Vincent Ain Kerem in der Hauptstadt Jerusalem eingesetzt. Hier lernte er Schwester Susan kennen. Die katholische Ordensfrau engagierte sich in ihrer Freizeit für Kinder im Gazastreifen. „An ihrem einzigen freien Tag in der Woche fuhr sie nach Gaza, wo sie mit Lehrern Projekte zur Verbesserung der Schulbildung initiierte, ausrangierte Kinderkleidung oder alte Schulmaterialien verteilte“, erzählt der 32-Jährige.

Im Juni 2001 gründete er zusammen mit seiner Frau den Verein

Als Zivi unterstützte Berthold Schwester Susan bei ihren Einsätzen in der größten Stadt der Palästinenserregion und den umliegenden Gebieten. „Ich habe mich umgesehen und gestaunt“, erinnert sich Berthold. „Gaza ist im Vergleich zu Israel eine ganz andere Gegend.“ Die Menschen dort würden in Armut leben, sie hätten oft kein vernünftiges Essen oder ein Dach über dem Kopf. „Die Idee, einen Verein zu gründen, entstand bereits während meines Zivildienstes“, erinnert sich der Mediziner. Es hätte manche Wochen gegeben, in denen Schwester Susan nicht nach Gaza hätte fahren können, weil sie nicht genügend Geld gehabt hätte, um die Tankfüllung zu bezahlen. „Das hat mich fast irre gemacht“, sagt der 32-Jährige. „Ich wollte sicherstellen, dass sie wenigstens zuverlässig dort hinkommen kann.“

Als er wieder in Deutschland war, nahm Berthold Kontakt zu früheren Zivildienstleistenden auf, die Schwester Susan und ihre Arbeit kannten. Im Juni 2001 gründete er zusammen mit seiner Frau, die er in Jerusalem kennengelernt hatte, als sie dort ihr Auslandssemester absolvierte, „al omri“ (arabisch für: das Leben). „Anfangs war unser Horizont, eine drei- bis vierstellige Summe im Jahr zusammenzubringen“, erzählt der angehende Facharzt. Doch das bescheidene Ziel wurde schnell übertroffen. Bereits ein halbes Jahr nach der Gründung spendete ein Unternehmen 10 000 Euro. Heute nimmt der 60 Mitglieder starke Verein im Jahr durchschnittlich 30 000 bis 35 000 Euro an Spenden ein, ein wichtiger Teil davon kommt aus Bertholds früherer Heimat. „Die Kirchengemeinde und der Weltladen in Wangen haben uns von Anfang an unterstützt“, berichtet der 32-Jährige. „Sie haben uns fast adoptiert, das hat uns immer Kraft gegeben.“

Am 21. September kommt Berthold in die Begegnungsstätte

Mit den Spendengeldern führt „al omri“ zusammen mit Schwester Susan Hilfsprojekte an Schulen im Gazastreifen durch, organisiert warme Mahlzeiten, kauft Mobiliar und Lernmaterialien oder baut sanitäre Einrichtungen. Im Schnitt alle zwei Jahre besuchen Oliver Berthold und seine Frau Gaza, um zu sehen, ob die Gelder an den richtigen Stellen ankommen. Auch wenn die Projekte von „al omri“ das Leben vieler Kinder verbessert haben, die Gesamtsituation für die Menschen in der isolierten Region hat sich nach Ansicht des Berliners verschlimmert. „Zu meiner Zeit als Zivi haben die Menschen in Gaza noch nicht ausschließlich in Angst gelebt, konnten sich relativ frei bewegen und es gab eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit“, sagt der 32-Jährige. „Inzwischen sind zwei Drittel der Menschen im Gazastreifen nicht mehr in der Lage, ihren eigenen Lebensmittelbedarf zu decken.“ Die Arbeit von „al omri“ sei wichtiger denn je, das langfristige Ziel des Vereins ist für seinen Gründer ganz simpel. Berthold: „Unsere Hoffnung ist, dass wir irgendwann überflüssig sind.“

„Al omri“-Jahresbericht
: Am Freitag, 21. September, kommt Oliver Berthold in die Wangener Begegnungsstätte, Ulmer Straße 347. Mit einem Bildvortrag berichtet der Vorsitzende von „al omri – Kinderhilfe Palästina“ von 19.30 Uhr an über die aktuellen Projekte des Vereins im Gazastreifen. Eingeladen sind alle Interessierten, der Eintritt ist frei.

Redaktion Wangen

Ansprechpartnerin
Caroline Friedmann
wangen@stz.zgs.de

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