Lutz Gaissmaier, der Geschäftsführer des von einem Landesprogramm vor den Folgen der Corona-Krise geretteten Start-ups Studibuch, mit Teammitgliedern im Jahr 2017. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Mit einem rasch auf den Weg gebrachten Programm zur Überbrückungsfinanzierung von Start-ups in der Frühphase war das Land in Deutschland früh am Start. Inzwischen gibt es erste Beispiele dafür, dass es junge Firmen vor dem Abgrund bewahrt hat.

Stuttgart - Bei der Rettung von Start-ups hat Baden-Württemberg etwa im Vergleich zum Bund relativ schnell reagiert. Mit einem speziellen Überbrückungsprogramm namens Start-up BW Pro-tect will man jungen Unternehmen in der besonders heiklen frühen Phase über die akute Corona-Krise hinwegretten. Laut Wirtschaftsministerium haben bisher 20 Firmen die Hilfe beantragt.

Inzwischen gibt es erste Erfahrungsberichte, die zeigen, dass diese Hilfe für die betroffenen Firmen buchstäblich in letzter Minute gekommen ist – und dass es für die Unternehmen in der Tat eine Brücke ist, die ihnen die Tür zu privaten Investoren offen gehalten hat.

Software-Start-up mit revolutionärem Konzept

Geradezu modellhaft zeigt dies das Beispiel der Softwarefirma NC-Vision aus Bad Schussenried. Das 2019 gegründete Start-up hat eine innovative Methode entwickelt, wie man Software ohne Verwendung einer Programmiersprache bauen kann. Sie basiert auf einer Oberfläche, auf der man sich mit grafisch visualisierten Bausteinen die entsprechende Anwendung kreieren kann, ohne den dahinter liegenden Code kennen zu müssen. „Mit unserer Technologie kann jeder schnell und einfach komplexe Software selbst erstellen, ohne Programmierer zu sein“, sagt Geschäftsführer Klaus Heller, der dahinter eine revolutionäre Technologie für viele Bereiche sieht.

Im Februar, kurz vor Ausbruch der Corona-Krise, wurde mit der Markteinführung begonnen und wurden erste Projekte zusammen mit Kunden gestartet. „Und dann kamen die Personen, die in dem Unternehmen an dem Pilotprojekt beteiligt waren, in Quarantäne.“ Dass das Unternehmen in eine Krise geriet, lag nicht daran, dass potenzielle Kunden grundsätzlich kein Interesse hatten. Doch im Krisenmodus hatten die Firmen schlicht keine Kapazitäten mehr, sich mit einem Zukunftsprojekt zu beschäftigen. Aber vor allem stoppte die Corona-Krise die angelaufene Investorensuche. „Die Risikokapitalgeber, mit denen wir in Verhandlungen waren, haben sich auf das Überleben ihrer bestehenden Investitionen konzen­triert und die laufenden. Gespräche mit uns deshalb gestoppt.“ In dieser frühen Phase konnte man noch kein erprobtes Geschäftsmodell und keine Umsätze vorweisen.

Nun ist Luft für einen Plan B

Mit dem Start-up-Rettungsprogramm konnte NC-Vision einen Plan B entwickeln. Zum einen erhielt die Firma einen wichtigen Finanzierungsbaustein, der die Liquidität sicherte. Aber entscheidend war vor allem, dass man so die erforderliche Zeit für eine alternative Finanzierungsrunde bekam. Zurzeit laufen Gespräche, und bei NC-Vision wird binnen drei Monaten mit einem Durchbruch gerechnet. Dann ist man für die nächsten zwei Jahre bis zum Beginn der Profitabilität durchfinanziert und strebt hernach eine größere Runde mit Risikokapital zur Finanzierung eines weiteren Wachstums an. „Das Programm war für uns eine absolute Punktlandung. Das hätte nicht einen Monat später kommen dürfen – es wäre sonst kritisch für unser Unternehmen gewesen“, sagt Heller. Dass sein Produkt seinen Markt finden wird, da ist sich der Geschäftsführer, der schon mehrere IT-Unternehmen gegründet hat, absolut sicher.

Möglichkeit zu Investitionen

In einer etwas anderen Situation ist das Stuttgarter Start-up Studibuch. Hier hat man eine spezialisierte Verkaufsplattform hochgezogen, die es Studenten erlaubt, ihre oft teuren und wenig benutzten Bücher und Lernmaterialien fürs Studium weiterzuverkaufen. Knapp fünf Jahre alt ist das Start-up und damit quasi an der Altersgrenze für das Programm. Doch existenzsichernd war hier das Übergangsdarlehen des Landes genauso. „Wir haben es im vergangenen Jahr zur Profitabilität geschafft, worauf wir sehr stolz waren“, sagt der Geschäftsführer Lutz Gaissmaier.

Und genau an der Schwelle, als Studibuch ein nachhaltiges Unternehmen geworden war, schlug die Pandemie zu. Was auch dazu führte, dass Amazon die Auslieferungen von Büchern mit dem Argument hintanstellte, dass andere Lieferungen Priorität hätten. „Die haben erst ihre eigenen Produkte bevorzugt und lieber Gartenzäune und Trampoline ausgeliefert“, sagt Gaissmaier sarkastisch. Zu diesen Problemen kam dann noch eine Halbierung der Nachfrage. „Ende März stand es Spitz auf Knopf. Ich habe geglaubt, dass bei uns die Lichter ausgehen“, sagt der Studibuch-Geschäftsführer.

Mehr Unabhängigkeit von Amazon

Mit der Übergangshilfe kann das Start-up nun in seine Überlebensfähigkeit investieren, etwa dadurch, dass man eine Online-Plattform aufgebaut hat, über die auch neue Bücher zu bestellen sind. „Insofern können wir die Krise auch als Chance sehen“, sagt Gaissmaier. Um die Abhängigkeit von Amazon zu verringern, hat man nun wieder ein eigenes Lager mit eigenen Mitarbeitern. Das Darlehen des Landes will man bei Fälligkeit zurückzahlen. Bisher hat man nämlich keine Beteiligung von externen Investoren, auch wenn man da grundsätzlich offen sei. Die Überlebenschancen sind gut. „Seit einer Woche arbeiten wir wieder im Normalmodus“, sagt Gaissmaier. Diesen Normalzustand hätte man ohne die Finanzspritze aber wahrscheinlich nicht mehr erreicht.

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