Der Betriebsratsvorsitzende der Schwäbischen Tafel liegt im Clinch mit seiner Geschäftsführung. Inzwischen ist der Konflikt sogar ein Fall für das Arbeitsgericht. Worum geht es?
Vor mehr als 30 Jahren gegründet, ist die Schwäbische Tafel längst eine prägende Institution in Stuttgart. Täglich suchen Tausende Bedürftige im Stadtgebiet die Läden der Hilfsorganisation auf, um dort gerettete Lebensmittel zu erhalten. Kein Wunder, dass Marko Reimer große Stücke auf seine Arbeit hält. „Wir setzen uns für sozial schwache Menschen ein“, sagt der Logistikleiter und Betriebsratsvorsitzende der Schwäbischen Tafel. Gleichzeitig mahnt er: „Unsere Werte müssen wir auch intern vorleben.“
Umso schwerer wiegen deshalb die Vorwürfe, die der 55-Jährige gegen seine Geschäftsführung erhebt. Diese blockiere seit Monaten seine Arbeit als Betriebsrat, kritisiert Reimer. Die Adressatin, Geschäftsführerin Hilli Pressel, weist die Anschuldigungen entschieden zurück. Der Graben zwischen den Parteien ist so tief, dass sie den Konflikt nun vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht austragen. Dabei geht es auch um Reimers berufliche Zukunft. Seit Anfang Februar ist er gegen seinen Willen freigestellt. Es rumort also innerhalb des Sozialunternehmens. Was steckt hinter dem Streit?
Wechsel an der Spitze der Tafel in Stuttgart
Ein kurzer Blick zurück in den November 2025: Damals verabschiedete sich die langjährige Tafel-Geschäftsführerin Ingrid Poppe in den Ruhestand. Ihre bisherige Stellvertreterin Pressel übernahm die Nachfolge.
Zu Poppe habe er stets ein gutes Verhältnis gehabt, sagt Reimer. Er selbst ist seit mehr als zehn Jahren bei der Tafel angestellt und vertritt seit drei Jahren die hauptamtlichen Mitarbeiter – als Ein-Mann-Betriebsrat. Zur Einordnung: Bei der überwiegenden Mehrheit der Tafel-Aktiven handelt es sich um Ehrenamtliche, bundesweit machen sie 94 Prozent aus. Hauptamtliche wie Reimer sind dagegen eher die Ausnahme. In Stuttgart beschäftigt die Organisation nach eigenen Angaben 23 Festangestellte, dazu 14 Personen in geförderten Arbeitsverhältnissen.
Betriebsrat der Tafel trägt Konflikt vors Arbeitsgericht
Den Wechsel von Poppe zu Pressel beschreibt Reimer als Zäsur für seine Arbeit als Betriebsrat. Er habe versucht, mit der neuen Geschäftsführung über zwei Betriebsvereinbarungen zu diskutieren. Konkret geht es laut Reimer einerseits darum, dass sich Beschäftigte im Krankheitsfall nicht mehr sowohl am Einsatzort als auch in der Zentrale der Schwäbischen Tafel in Stuttgart-Wangen melden müssen. Seine zweite Forderung lautet: Wenn absehbar Überstunden auf die Beschäftigten zukommen, muss der Arbeitgeber die Dienstpläne vorher mit dem Betriebsrat besprechen.
Allerdings habe sich die Geschäftsführung nicht auf Gespräche eingelassen, ja sogar seine Mails unbeantwortet ins Leere laufen lassen, moniert Reimer. Deshalb habe er keine andere Option mehr gesehen, als den Fall vor das Arbeitsgericht zu tragen.
Geschäftsführung der Tafel verhandelt nun mit Betriebsrat
Pressel widerspricht: Der Betriebsratsvorsitzende selbst sei es gewesen, der Regeltermine im Januar und Februar nicht eingehalten habe. Reimer entgegnet, dass er von Ende Dezember bis Anfang Februar krank und deshalb nicht im Dienst gewesen sei. Er habe aber auch die Ersatz-Betriebsrätin nicht über die Termine informiert, heißt es wiederum von der Geschäftsführung.
Immerhin: Bei dem ersten von drei Gerichtsterminen einigten sich beide Seiten darauf, Gespräche über die Betriebsvereinbarungen zu beginnen. Pressel teilt mit, dass man bereits einen gemeinsamen Entwurf erarbeitet habe. Das bestätigt Reimer. Er will die Vorschläge der Geschäftsführung nun prüfen.
Reimers Zukunft bei der Tafel in Stuttgart ist ungewiss
Dennoch treffen sich die Parteien am kommenden Donnerstag erneut vor dem Arbeitsgericht. Thema: die Mitbestimmung des Betriebsrats bei Einstellungen. Besonders brisant ist ein weiterer Termin am 20. April, bei dem Reimers eigener Status auf der Agenda steht. Seit Mitte Februar sei er als Logistikleiter freigestellt, erzählt er. Einen Grund dafür habe ihm die Geschäftsführung jedoch nicht genannt. Mehr noch: Ihm sei mitgeteilt worden, dass man sich eine gemeinsame Zusammenarbeit nicht mehr vorstellen können. Pressel will sich zu dieser Thematik derzeit nicht äußern.
Die Situation belaste ihn schwer, schildert Reimer. „Der Job ist wichtig für mich“, sagt er. „Nicht nur wegen des Einkommens, sondern auch, weil ich ihn liebe.“ Als Logistikleiter ist er dafür zuständig, Lebensmittelspenden abzuholen und auf die Standorte der Schwäbischen Tafel in Stuttgart-Mitte, Möhringen, Bad Cannstatt und Fellbach zu verteilen.
Mitarbeiter der Tafel wundern sich über Freistellung
Reimers Fehlen mache sich in den Läden bemerkbar, sagt die Leitung einer der Einrichtungen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Deutlicher wird Lothar Klaffke, seit mehr als zehn Jahren als Ehrenamtlicher bei der Tafel und ein Vertrauter Reimers. Über das Vorgehen wundere er sich sehr, sagt der 71-Jährige und fügt hinzu: „Es kann eigentlich nur so sein, dass die Geschäftsführung ihn loshaben will.“
Der Betroffene selbst hebt hervor, dass er als Betriebsrat das Wohl der Tafel im Sinn habe. „Ich will die Arbeitnehmer und damit die Leistungsfähigkeit unserer Organisation stärken“, sagt Reimer. Ob er dazu in Zukunft weiterhin Gelegenheit bekommt, hängt nun auch vom Arbeitsgericht ab.