Marion Müller spricht sehr offen über die Probleme als Alleinerziehende. Sie hat keine Großeltern, die helfen, kein Netzwerk, das sie stützt. Dazu kommt eine beengte Wohnsituation.
Marion Müller ist alles zu viel. „Es ist gerade kein schönes Leben, es ist ein Überleben“, sagt die Alleinerziehende. Sie sitzt in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in dem Raum, der ihr Schlafzimmer ist, aber zugleich Wohn-, Ess- und Spielzimmer für die Tochter. 50 Quadratmeter haben sie zu dritt, dazu einen kleinen Balkon. Seit zehn Jahren ist sie auf Wohnungssuche, vergeblich. Die Enge setzt ihr zu, aber sie kann ihr nicht entkommen. So wie gefühlt gerade allem, was sie belastet. Selbst der Gang mit den Kindern auf den Spielplatz ist für sie momentan mühsam.
Mit der acht Jahre alten Tochter läuft es zwar gut, aber mit ihrem Sohn gerät sie immer wieder aneinander. Sie streiten viel. Oft geht es um Medienzeit. Der Zwölfjährige rastet aus, wenn die Zeit rum ist. Sie will ihn schützen. Alles muss sie alleine mit ihm ausfechten. Kürzlich habe sie ihn auf den Balkon gestellt, damit er runterkommt. „So wollte ich nie sein“, sagt Marion Müller.
Der Vater der Kinder ist keine Unterstützung
Der Mutter ist klar, dass sie Hilfe braucht. Der Vater der Kinder sei keine Unterstützung, eher eine zusätzliche Bürde. Er sei psychisch krank. Sie hat das alleinige Sorgerecht gerichtlich erstritten, was ihr ebenfalls Kraft geraubt hat. Seit rund vier Jahren ist sie alleinerziehend. Wenn ihr Ex-Mann die Kinder überhaupt nimmt, dann unter der Bedingung, dass sie ihr Handy mitnehmen dürfen und sie es freischaltet. Er will seine Ruhe, erzählt sie. Der Sohn dürfe beim Vater zehn Stunden am Tag „zocken“, also Videospiele spielen. Entsprechend sei er danach auch drauf, wenn er zu ihr nach Hause kommt.
Was dem Sohn fehle, sei ein echtes männliches Vorbild, eine Identifikationsfigur, meint die Mutter. Sie hat sich um eine Patenschaft bemüht – ihre Tochter profitiere davon sehr. Doch für den Sohn findet sich niemand. So bleibt es dabei: Alles hängt an ihr.
Alleinerziehende Mütter haben ein hohes Risiko, psychisch oder physisch zu erkranken, haben Studien ergeben. Sie seien im Vergleich zu Müttern aus Paarfamilien häufiger durch Armut, Zeitmangel, Zukunftsängste, Einsamkeit, die oft konflikthafte Beziehung zum getrennten Partner und die alleinige Verantwortung im Alltag belastet. Das hat der Düsseldorfer Facharzt für Psychosomatische Medizin, Matthias Franz, festgestellt. Er hat viel zu dem Thema geforscht und ein eigenes Kursprogramm für alleinerziehende Mütter entwickelt. Depressionen und Angststörungen würden bei alleinerziehenden zwei- bis dreimal so häufig auftreten wie bei Müttern in Partnerschaften.
Sind die Kinder älter, gibt es weniger Unterstützungsangebote
Die hohen Belastungen merkt man auch beim Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in Stuttgart. Dort melden sich viele Mütter zunächst einmal wegen Themen wie Finanzen und Unterhalt. In den Gesprächen zeigt sich dann aber oft, dass es vielschichtiger ist.
„Die psychosoziale Ebene spielt immer eine Rolle“, berichtet VAMV-Beraterin Anke Kerkmann. Nach ein paar Jahren merkten viele Mütter, dass sie über ihre Kräfte hinausgegangen und erschöpft seien, gerade wenn sich der Vater nicht oder kaum einbringe. Sie empfiehlt, sich in dem Fall ans Jugendamt zu wenden und sich früh Hilfe zu holen. Gerade wenn man kleine Kinder habe, gebe es viele Unterstützungsmöglichkeiten über Ehrenamtsprojekte oder die frühen Hilfen. „Wenn die Kinder älter sind, wird es schwieriger“, meint Kerkmann aber auch.
12 552 Alleinerziehende leben laut dem Statistischen Amt in Stuttgart, sie machen 21,7 Prozent der Haushalte mit Kindern aus. Im Stadtbezirk, in dem Marion Müller lebt, liegt der Anteil bei knapp 24 Prozent, also noch mal höher. Was in dem Fall der 49-Jährigen gravierend ist: Marion Müller ist nicht nur alleinerziehend, sie ist auch sehr allein. Ihre Eltern sind schon lange tot. Sie starben kurz nacheinander an schweren Erkrankungen, als sie selbst erst elf Jahre alt war.
„Ich finde es sehr schwer, ohne Unterstützung, ohne Rückhalt“, sagt sie. Wenn sie mal krank sei, „wünschte ich, dass jemand da wäre“. Neben den vielen Belastungen des Alltags setze ihr die Hormonumstellung vor den Wechseljahren schon seit längerem zu. Sie leide an starker Erschöpfung. Auch wenn sie inzwischen Hormone nehme, sei sie noch nicht wieder stabil, sagt sie.
Der Stuttgarterin fehlt ein soziales Netzwerk
Wegen der Kinder, die Freunde in der Schule haben, will sie am liebsten in der Wohngegend bleiben. Doch es scheint aussichtslos, hier eine größere Wohnung Größeres zu finden, die bezahlbar ist oder den Kriterien des Jobcenters entspricht.
Sie selbst hat allerdings in ihrem Umfeld kaum Anschluss. Mit einer Mutter verstehe sie sich zwar gut, aber die Frau habe ein Kind mit Behinderung und sei selbst sehr belastet mit der Pflege. Marion Müller fehlt ein soziales Netzwerk.
Solch ein Netzwerk sei „das A und O“ für alleinerziehende Mütter, meint Beraterin Anke Kerkmann. Sie empfiehlt, offensiv zum Beispiel Nachbarinnen zu fragen, ob mal eine Kinderbetreuung möglich wäre, wenn ein Elternabend ansteht. „Da muss man manchmal über seinen Schatten springen“, sagt die Online-Beraterin. Viele hätten Hemmungen, um Hilfe zu bitten.
Marion Müller hat schon vieles ausprobiert in ihrer Not. Sie hat sich an die Krankenkasse gewandt und eine Haushaltshilfe beantragt. Das wurde abgelehnt. Die Kinder gehen zu einer Spieltherapie. Sie hat sich um besagte Patenschaften gekümmert und war beim Jugendamt. Das hat eine Familienhelferin geschickt, doch besser sei es nicht geworden.
Die Familienhelferin habe ihr immer wieder zu verstehen gegeben: „Sie müssen das alleine schaffen“, so schildert es Marion Müller. Es habe nicht gepasst. Ihr Sohn tue sich ohnehin schwer, bei Frauen anzudocken. Einen männlichen Familienhelfer könne man aber nicht schicken, habe es geheißen. Sie hat beim Jugendamt einen männlichen Erziehungsbeistand für den Sohn erbeten. Der könnte als Mediator wirken bei ihren Konflikten, ihm aber auch mit den Hausaufgaben helfen. Darauf sei man bisher nicht eingegangen. Doch wenn es um die Rechte ihrer Kinder geht, gibt sie nicht so schnell auf. Sie kämpft weiter um den Erziehungsbeistand.
„Bin ich auf dem richtigen Weg?“
Wenn da nicht auch noch die beruflichen Sorgen wären. Ihre letzte Stelle als Zuständige fürs Personal bei einer kleinen Firma verlor sie im vergangenen Sommer. Der Chef sei ihr zu nahe gekommen, das habe sie nicht zugelassen. Wenig später sei die Kündigung erfolgt, berichtet sie. So bezieht sie für sich und die Kinder wieder Leistungen des Jobcenters, was sie eigentlich nicht mehr will. Sie bewirbt sich laufend auf Teilzeitstellen, bisher ohne Erfolg. Am liebsten würde sie als Coachin anderen Alleinerziehenden durch den Behördendschungel helfen, da habe sie durch ihre Erfahrungen viel Wissen angesammelt.
Auf ihren Laptop hat sich Marion Müller einen Zettel mit Fragen geklebt. Die sieht sie jedes Mal, bevor sie den Rechner aufklappt: „Führt mich das, was ich hier tue, zu meinem Ziel? Bin ich auf dem richtigen Weg?“ Sie hofft es. Für sich und für ihre Kinder.
Verband verzeichnet hohe Nachfrage nach Beratung
Verband
Der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart hat im Jahr 2025 insgesamt 802 Beratungen durchgeführt. Beratungen sind nicht nur vor Ort, sondern auch online per Chat oder Video, aber auch per E-Mail möglich, schließlich gibt es Anfragen aus ganz Baden-Württemberg. Eine Begleitung zu Terminen ist für die Mitarbeiterinnen nicht möglich. Die Beraterin und die Geschäftsführerin sind nur zu zweit und arbeiten jeweils in Teilzeit. Mehr Informationen gibt es hier: https://vamv-bw.de/
Armutsrisiko
Alleinerziehende sind auch besonders armutsgefährdet. Laut dem Zehnten Familienbericht der Bundesregierung von Januar 2025 haben Alleinerziehende im Durchschnitt deutlich weniger Geld zur Verfügung als Eltern in Paarfamilien. Im Jahr 2021 hatte demnach ein Drittel der Alleinerziehenden (33,2 Prozent) ein jährliches Nettoäquivalenzeinkommen von unter 16 300 Euro. Bei Paarfamilien seien es im Vergleich nur 19,4 Prozent gewesen. Dabei seien Alleinerziehende überwiegend erwerbstätig – nämlich 72 Prozent der alleinerziehenden Mütter und 79 Prozent der alleinerziehenden Väter.