Rumänen und Migranten aus anderen südost- und osteuropäischen Ländern arbeiten unter anderem bei der Spargelernte auf deutschen Feldern mit. Foto: dpa

Immer mehr Arbeitsmigranten aus Rumänien suchen in Stuttgart Hilfe bei der Beratungsstelle an der Moserstraße. Doch Verstöße gegen Bestimmungen lassen sich nicht immer leicht nachweisen.

S-Mitte - Doris Koehncke erzählt ein Beispiel aus dem Beratungsalltag an der Moserstraße. „Ein Mann aus Rumänien arbeitet für ein Logistikunternehmen. Er wird verpflichtet, eine bestimmte Menge Pakete auszuliefern. Als er nach drei Wochen zum Arzt geht und sich krankschreiben lässt, wird ihm gekündigt“, so Koehncke. Der Mann habe nicht nur den vereinbarten Lohn nicht erhalten, sondern sollte dem Arbeitgeber auch eine Strafe bezahlen für die während seiner Erkrankung nicht ausgelieferten Pakete.

Die Beratungsstelle für rumänische Arbeitsmigranten wurde im Januar ins Leben gerufen. Sie ist bei dem von Doris Koehncke geleiteten Fraueninformationszentrum FIZ im Verein für Internationale Jugendarbeit (vij) an der Moserstraße angesiedelt und arbeitet mit zwei rumänisch sprechenden Beratern.

Mehr Klienten kommen

Koehncke ist zufrieden, dass nach der Schockstarre im März aufgrund der coronabedingten Beschränkungen des öffentlichen Lebens die Beratung nun Fahrt aufnimmt. Die Stelle habe bereits in 20 Fällen rumänische Arbeitsmigranten unterstützt, schildert Koehncke: „Wir haben einen Fall, da hat eine Rumänin ihren Kollegen auf uns aufmerksam gemacht, nachdem sie selbst bei uns war.“ Für sie ist das Beispiel ein Beleg, dass sich das Angebot unter den Migranten herumspricht. „Nach und nach kommt alles in Laufen“, sagt die Leiterin des FIZ.

Pandemie ist Thema

Auch die Coronapandemie spiele bei den Beratungsgesprächen eine Rolle, berichtet Koehncke. Sie schildert den Fall eines Rumänen, der nach der pandemiebedingten Schließung eines Lokals weder seinen Lohn noch eine Kündigung erhalten habe. „Wir haben dem Chef jetzt einen Brief geschrieben, dass er sich definitiv äußert, wie es mit dem Mitarbeiter weitergeht“, sagt Koehncke.

Die jüngsten Skandale in der Fleisch­industrie um massenhaft auftretende Coronainfektionen unter Arbeitsmigranten wie im Mai im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld haben ein Schlaglicht auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse vor allem von Rumänen in Deutschland geworfen. Doch nicht nur Rumänen sind betroffen und die Fälle ereigneten sich auch nicht alle erst in jüngerer Vergangenheit.

Stelle hilft Polen

Die Leiterin des FIZ berichtet, dass der Verein bei der Unterbringung und Betreuung von Polen helfen wird, die in einem Prozess vor dem Landgericht Stuttgart aussagen sollen. In dem Fall geht es um ein Ehepaar, das vor einem Jahrzehnt in Grafenau Polen unter menschenunwürdigen Bedingungen für sich arbeiten ließ.

Ein weiterer aktueller Beratungsfall scheint nahezulegen, dass die Ahndung von Ausbeutung keine einfache Angelegenheit ist. Doris Koehncke berichtet von einem Mann, der über Wochen sechs Tage am Stück mit dem Lastwagen unterwegs war. „Er hat Angst bekommen, aus Übermüdung einen Unfall zu bauen und hat aufgehört“, erzählt sie. Lohn für die hinter dem Steuer verbrachten Wochen erhielt der Mann laut Koehncke nicht. Da er auch keinen Vertrag unterschrieben habe, gelte es nun, die Tätigkeit etwa mit Fotos zu belegen, meint Koehncke. „Auch mündliche Vereinbarungen sind rechtskräftig“, sagt sie. Dennoch bezeichnet sie den Fall des Mannes als „schwierig“.

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