Anja Kessner (links) hört zu. Frau K. hat viel zu erzählen. Foto: factum/Jürgen Bach

Seit zwei Jahren gibt es in den Kliniken des Kreises Patientenbegleiter. Mittlerweile haben die Ehrenamtlichen mehr als 5000 Krankenbesuche gemacht. Viele hochbetagte Menschen bewahrt dies vor dem gefürchteten Delir.

Sindelfingen - Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt oder ein Sturz – und von einem Moment auf den anderen ist plötzlich alles anders. Man wacht im Krankenhaus auf, weiß nicht, wie es weitergehen soll nach dem Klinikaufenthalt. Werde ich wieder ganz gesund? Kann ich mich noch selbst versorgen? Solche Fragen stellen sich vor allem betagte Patienten.

Auf Stationen wie der Neurologie des Sindelfinger Krankenhauses ist dies eine alltägliche Situation. Viele Senioren werden hier behandelt. Viele lebten zuvor ganz allein, haben keine Angehörigen, die sich um sie kümmern. So wie Frau K. Die 81-Jährige sitzt nach einem Schlaganfall vor zwei Wochen im Rollstuhl. Ihr Geist ist hellwach, ihre Zunge flink wie eh und je. Doch wem soll sie ihre Ängste mitteilen? Ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Besuch in der Klinik erhält sie nicht.

75 Ehrenamtliche in vier Kliniken

Wie gut, dass es Menschen wie Anja Kessner gibt. Sie ist eine von 75 Patientenbegleitern, die in den Häusern des Klinikverbunds Südwest betagte Patienten besuchen. Bewusst wählen die Schwestern und Pfleger der Stationen solche Patienten aus, die keinen oder kaum Besuch erhalten. Frau K. merkt sofort: Frau Kessner kann sie von ihren Sorgen erzählen. Und dann sprudelt es nur so aus ihr heraus.

Anderthalb Stunden nimmt sich die Patientenbegleiterin Zeit. Als sie geht, wirkt Frau K. ruhig und zufrieden. „Die Patienten, die von den Ehrenamtlichen besucht werden, essen mehr, schlafen besser und brauchen weniger Schlafmittel“, berichtet Axel Prokop. Er ist Chef der Unfallchirurgie in Sindelfingen. Auf seiner Station hat vor zwei Jahren das Projekt Patientenbegleitung des Böblinger Kreisseniorenrats begonnen. Mittlerweile hat das Team um Manfred Koebler mehr als 5000 Patientenbesuche hinter sich.

Der Erfolg dieses Engagements: „Keiner unserer Risikopatienten hat ein Delir erlitten“, sagt der Chefarzt Prokop. Ein Delir ist ein Schockzustand, in den vor allem hochbetagte Patienten bei einem Krankenhausaufenthalt und nach einer Narkose fallen können. Sie sind verwirrt, unruhig, schlafen schlecht. „Im schlimmsten Fall versterben uns solche Patienten“, sagt Prokop. Die Besuche der Patientenbegleiter nehmen den Kranken die Unruhe und können ein solches Delir verhindern, stellen die Ärzte zufrieden fest.

Regelmäßige Treffen mit Ärzten und Schwestern

Die ehrenamtlichen Begleiter sind von montags bis freitags in allen vier Krankenhäusern im Kreis Böblingen unterwegs. Eingesetzt werden sie, so wie sie können. „Manche kommen jede Woche einen Nachmittag, andere nur einmal im Monat“, sagt Lisa Keller vom Leonberger Nachbarschaftsverein Fish, die die Einsätze koordiniert. Viele der Patienten bringen eine medizinische Ausbildung mit. So auch Anja Kessner. „Ich war früher Arzthelferin. Deshalb kann ich mit solchen Schicksalen gut umgehen und nehme das nicht mit nach Hause.“ Ehrenamtliche, die keine Erfahrungen aus dem Medizinbetrieb mitbringen, werden vor dem ersten Einsatz intensiv geschult. Zudem gibt es alle paar Wochen ein Treffen der Ehrenamtlichen, alle drei Monate gemeinsam mit den Ärzten und Schwestern der Stationen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Klinikpersonal und Freiwilligen sei wichtig, betont Manfred Koebler. „Die Schwestern suchen die Patienten aus, die besonders gefährdet für ein Delir sind.“

Noch ist das Projekt Patientenbegleitung einmalig in Deutschland. Doch erste Nachahmer stehen laut Koebler in den Startlöchern. So plane man auch am Göppinger Krankenhaus eine Patientenbegleitung. Das Böblinger Modell wurde kürzlich mit dem Deutschen Patientenpreis ausgezeichnet. Der Chefarzt Axel Prokop hatte es eingereicht, als eines von insgesamt 52 Projekten. „Überzeugt hat die Jury, dass wir analog sind. Es geht bei uns von Mensch zu Mensch“, sagt Koebler. Die 10 000 Euro Preisgeld kann er für das Betreuerteam gut gebrauchen. Denn die Ehrenamtlichen erhalten eine kleine Aufwandsentschädigung und werden unfall- und haftpflichtversichert.

Weitere Ehrenamtliche gesucht

Die Verantwortlichen des Projekts suchen weitere Ehrenamtliche, die sich für einige Stunden in der Woche oder im Monat engagieren möchten. Interessenten können sich unter den Telefonnummern 0 70 31/81 34 17 oder 0 71 52/35 35 87 melden. Am 13. November gibt es von 9 bis 12 Uhr einen Infotag in der Sindelfinger Klinik.

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