Antriebslos, zu nichts wirklich Lust, niedergeschlagene Stimmung: Das ist nicht mehr nur Novemberblues, das ist Winterdepression. Foto: dpa

Winterdepressionen können zu einer enormen Belastung für Betroffene und Angehörige werden. Im Kreis Esslingen gibt es einige Therapie- und Hilfsangebote.

Das Wetter trüb, die Stimmung trist. Draußen Nebel, drinnen Beklemmung. Alles kalt, dunkel, und tagsüber wird’s auch nicht richtig Tag. Kein Bock aufzustehen. Kein Bock auf gar nichts. Außer Fußball am Abend. Europa League. Da kann er sich richtig drauf freuen, ist ganz bei der Sache.

 

„Der Mann hat wahrscheinlich keine Winterdepression“, sagt Björn Nolting, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Esslingen. „Der hat nur den Novemberblues.“ Wäre es eine richtige Depression, wäre auch der VfB kein Lichtblick für ihn. Und seine Arbeitsfähigkeit wäre eingeschränkt.

Heißhunger und Schlafbedürfnis

Die saisonal bedingte Depression ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, betont Nolting. „Ihre Symptomatik entspricht der üblichen Depression: Antriebslosigkeit, niedergeschlagene Stimmung, nichts macht einem mehr Freude.“ Auch Appetitlosigkeit und Schlafstörungen können auftreten, schlagen im Fall der Winterdepression aber häufig ins Gegenteil um: Heißhunger und übermäßiges Schlafbedürfnis.

Relikt des Winterschlafs?

An der vordergründigen Parallele zum tierischen Winterschlaf ist zumindest eines dran: Der menschliche Organismus klinkt sich ein in den herbstlich-winterlichen Rückzug der Natur. So tritt die saisonal bedingte Depression tatsächlich fast nur im Herbst und Winter auf, bestätigt Nolting. Dass Kälte und vor allem Dunkelheit eine entscheidende Rolle spielen, zeigt allein schon die Statistik, die der Facharzt anführt: In Deutschland sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen. In nordischen Ländern, wo die Nächte länger sind und die Temperaturen kühler, geht die Rate hoch auf bis zu acht Prozent.

Seltener als andere depressive Erkrankungen

Damit sind Winterdepressionen hierzulande wesentlich seltener als andere depressive Erkrankungen, die bei circa acht Prozent der Bevölkerung vorkommen – mit steigender Tendenz. Die Lebenszeit-Prävalenz liege sogar bei 15 bis 20 Prozent, sagt Nolting, bei Frauen etwas höher, bei Männern etwas niedriger. Fast jede(r) fünfte Deutsche hat einmal im Leben mindestens eine depressive Episode.

Beim Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim (AKL), einer Beratungsstelle für Menschen in Lebenskrisen, sind Winterdepressionen ein wichtiges Thema. „Bei Menschen, die sich einsam fühlen oder in Umbruchsituationen befinden, können die jahreszeitlichen Veränderungen zu einer erhöhten psychischen Belastung führen: Man ist weniger draußen, mehr mit sich allein, hat seltener Außenkontakte“, sagt AKL-Geschäftsführerin Kathrin Paul-Prössler.

Solche psychosozialen Faktoren sind jedoch nur eine Ursache im Ursachenbündel. „Neurobiologische, also körperliche Aspekte, kommen hinzu. Außerdem können Depressionserfahrungen in der Familie eine depressive Veranlagung bewirken“, erklärt Nolting. Auslöser depressiver Episoden könnten dann Ereignisse wie Arbeitsplatzverlust oder Trennung sein. Oder eben Herbst und Winter. In erster Linie, so Nolting, seien Menschen mit ohnehin depressiver Neigung gefährdet, an einer saisonal bedingten Depression zu erkranken. Und die kehrt dann meist mit der Saison wieder.

Dass sie mit ihr auch endet, ist für die Erkrankten ein schwacher Trost. In der Akutphase sind sie kaum in der Lage zu selbstständiger Lebensführung. Alltagsbewältigung und Berufstätigkeit können zum massiven Problem werden, die Belastungen für Familie und Partnerschaft zur Belastungsprobe.

Aber es gibt Hilfe. Zunächst durch Selbsthilfe, etwa „Aktivitäten, die als angenehm empfunden werden, oder das Aufrechterhalten sozialer Kontakte“, sagt Paul-Prössler und rät: lieber Gesprächspartner suchen als in düsteren Gedanken vor sich hin brüten. Der AKL biete dazu ehrenamtliche Krisenbegleiter an. Nolting empfiehlt: „Raus ins Freie an sonnigen Herbst- und Wintertagen, sich an bunten Blättern erfreuen, an der frischen Luft bewegen.“

Es werde Licht: Studien weisen die Wirksamkeit der Lichttherapie bei Winterdepressionen nach. Foto: Stock Adobe

Wem dazu die Impulse fehlen, kann medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden. „Die Therapiemöglichkeiten für depressive Erkrankungen sind sehr gut“, versichert Nolting. Speziell bei Winterdepression kann die Lichttherapie hilfreich sein: Patienten lassen sich täglich 20 bis 30 Minuten von einer starken Lichtquelle beleuchten. „Das ist kein Hokuspokus“, so Nolting. „Die Wirkung ist in Studien nachgewiesen.“

Düsteres Gedenken

Möglicherweise steckt nicht zuletzt ein kultureller Faktor hinter der Herbst- und Winterdepression. Auf dieser „Zeit des Innehaltens und der Innenschau“, wie Paul-Prössler sie nennt, lastet bei uns der bleierne Ernst von Tod und Trauer. Während beispielsweise in Mexiko das „Fest der Toten“ am 1. November ein äußerst fröhlicher Tag ist. Aber das düstere mitteleuropäische Totengedenken lässt Goethes letzte Worte zur therapeutischen Maxime werden: Mehr Licht!