Marion Bauers Sohn starb vor drei Jahren unerwartet. Dass sie auch Jahre später noch trauert, ist für Außenstehende manchmal schwer zu begreifen. Eine Selbsthilfegruppe in Renningen wurde für sie zu einem Ort, an dem sie sich „normal“ fühlen kann.
Im Zimmer ihres Sohnes hat Marion Bauer große Stofffetzen ausgebreitet. Logos von Bands und Sportmarken prangen auf den viereckigen Flecken, die sie aus den T-Shirts des Sohnes Nico ausgeschnitten hat. Sorgfältig sind sie nebeneinander aufgereiht, einige bereits zusammengenäht. Das Projekt soll später einmal eine Patchworkdecke werden. Für Marion Bauer ist sie jetzt schon: Ein Erinnerungsstück, Trauerbewältigung.
Denn Nico lebt nicht mehr. Im Sommer 2021, zwei Wochen vor seinem 27. Geburtstag, hat Marion Bauer ihren Sohn verloren, unerwartet. Auf dem Heimweg, wenige hundert Meter von der gemeinsamen Wohnung mit der Mutter und ihrem Mann, bricht er zusammen. Die Polizei wird später vor der Wohnungstür der Familie von einem Herz-Kreislauf-Problem berichten. „Wir dachten, der Boden geht auf und wir fallen rein“, erinnert sich Marion Bauer an diesen Tag. „Ich hatte auf einmal kein Leben mehr. Ich wollte gar nicht mehr leben.“ Der Tod des eigenen Kindes, das gehe gegen die Natur.
Selbsthilfegruppe in Renningen gibt Halt für verwaiste Eltern
Schier unüberwindbar erschienen die ersten Wochen damals, so erzählt es Marion Bauer. „Ich hab gar nicht mehr funktioniert“, sagt sie. „Ich dachte aber: Irgendwas müssen wir machen. Alleine schaffe ich das nicht.“ Am Stuttgarter Hospitalhof gab man ihr aber schließlich einen Tipp – sich einmal in Renningen umzuschauen.
Dort besucht Marion Bauer bis heute eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern, die unter dem Schirm des bundesweiten Vereins „Leben ohne dich“ stattfindet. Im Großraum Stuttgart ist die Renninger Gruppe das einzige Angebot des Vereins, im Altkreis Böblingen neben der Gruppe „Eltern im Schatten“ eines der wenigen ähnlichen Angebote für trauernde Eltern.
In der Gruppe muss sich niemand erklären
Marion Bauer kommt für die Sitzungen extra aus dem Kreis Esslingen nach Renningen. An den ersten Besuch der Gruppe erinnert sie sich gut: „Ich dachte, ich kann hier nie wieder hin“, erzählt sie. „Es ist unbegreiflich, dass mein Kind gestorben ist. Dann saß ich auf einmal da. Es wurde so real.“ Konfrontiert wurde sie bei ihrem ersten Besuch auch damit, dass manche Teilnehmende schon acht Jahre oder länger dabei sind. Den Schmerz so lange auszuhalten, das schaffe sie nicht, dachte Marion Bauer damals. Heute weiß sie: „Es gibt keinen Weg da raus. Man muss sich dem stellen.“ Ein innerlicher Kampf, wie die Mutter sagt.
Der Verlust eines Kindes, das weiß auch Cornelia Junack, ist für betroffene Familien ein traumatischer Einschnitt in das Leben. Die ausgebildete Trauerbegleiterin hat vor 20 Jahren selbst ein Kind verloren. Inzwischen leitet sie die Renninger Gruppe von „Leben ohne dich“. Über Selbsthilfeangebote wie ihres gebe es immer noch Vorurteile, berichtet Junack. „Das zieht doch nur noch mehr runter, denken da mache. Oder, dass wir nur herumsitzen und weinen.“ Eben dass könne aber auch stützen – zumal die Eltern in der Gruppe auf Verständnis stoßen würden. Eine simple Formel: „Man muss sich nicht groß erklären.“
Sehnsucht und Vermissen bleiben für immer
Denn geht es um Trauer, das berichtet auch Cornelia Junack, gibt es nach wie vor gängige Erwartungshaltungen: Nicht zu lange, nicht zu kurz, und dann ist auch mal Schluss. „Die Leute denken, Trauer hört irgendwann auf“, berichtet Junack. „Vorzugsweise nach einem Jahr.“ Trauer, die verändere sich, das sei auch wichtig. „Der zweite Todestag ist nicht so wie der zwanzigste“, sagt sie. Aber: Sehnsucht und Vermissen, das gehe nie weg, egal wie viel Zeit vergeht.
Marion Bauer berichtet ähnliches. Wann sie denn das Zimmer ihres Sohnes ausräumen würde, habe eine Bekannte einmal gefragt. Dass sie doch weitermachen müsse, für ihre Tochter und für die kleinen Neffen. Manche Nachbarn aus dem Viertel hätten in der Zeit nach dem Tod ihres Sohnes die Straßenseite gewechselt, wenn sie Marion Bauer gesehen hätten. „Man muss Verständnis aufbringen, dass die Leute nicht so gut darüber sprechen können“, sagt sie trotzdem. „Ich bin niemandem böse, mir wäre es früher genauso gegangen.“ Der Eindruck von Cornelia Junack: „Manche haben Respekt vor verwaisten Eltern, wenn nicht sogar Angst.“
Erinnert wird an die schönen Dinge
Und dann wäre da auch noch das eigene schlechte Gewissen: „Man will niemandem den Tag verderben, weil man weint“, so Marion Bauer. „Freunde und Familie wollen ja, dass es einem besser geht.“ Der Schmerz kommt aber meistens dann, wenn das Vermissen am größten ist – auf Familienfeiern etwa, wenn die Abwesenheit des Sohnes besonders auffällt. „Da springt die Trauer mich an“, sagt Marion Bauer. „Es ist hart, wenn man das dann so verstecken muss“.
Darüber reden, dass kann sie seit rund drei Jahren in der Gruppe von Cornelia Junack. „Man fühlt sich da normal“, sagt sie. Auch mit ihrer Tochter könne sie gut über Nico sprechen, ohne sich zurückhalten zu müssen. Ihr Wunsch für Gespräche mit Trauernden: nicht das Thema wechseln, Nachfragen, Zuhören.
Ihre Trauer habe sich inzwischen verändert, bestimme sie nicht mehr rund um die Uhr, sagt Marion Bauer. Leichter geworden ist es trotzdem nicht. Mit Freunden ihres Sohnes feiert sie am Todestag Grillpartys, dann erinnern sie sich gemeinsam an Nico – und zwar an die schönen Dinge, an seine lustige, musikalische, sensible Art. „So, wie er halt war“, sagt Marion Bauer. Sein Schlafzimmer bleibt unberührt. Bis auf die T-Shirt-Decke – sie wächst mit jedem Tag.
Angebote für verwaiste Eltern
Hilfe
Der Verein „Leben ohne Dich“ wurde 2004 von betroffenen Eltern gegründet und hat sich die Selbsthilfe für Familien verstorbener Kinder auf die Fahne geschrieben. Inzwischen ist er bundesweit tätig. Die Treffen in der Begegnungsstätte Renningen finden jeweils am ersten Montag des Monats statt, Infos unter: www.leben-ohne-dich.de
Angebote
Im Kreis Böblingen gibt es für betroffene Eltern weitere Angebote, etwa die Böblinger Gruppe „Eltern im Schatten“. Der Regionalverband des Vereins für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister (VEID) berät unter www.veid.de.