Seitdem das Laufhaus in Leinfelden-Echterdingen geschlossen hat, findet Prostitution mehr in Wohnungen und Pensionen statt. Nun gibt es offenbar einen neuen Betreiber.
Oftmals werden Prostituierte mit falschen Versprechungen in diesen Job gelockt, ihnen wird der Pass abgenommen und körperliche Gewalt angedroht. Darauf hat der Arbeitskreis Prostitution Leinfelden-Echterdingen erst im vergangenen Frühjahr mit einer beeindruckenden Ausstellung im Leinfelder Haus aufmerksam gemacht. Das Geschäft mit dem käuflichen Sex läuft derweil – auch auf den Fildern – weiter. Bereits Anfang kommenden Jahres wird das Laufhaus im Stettener Gewerbegebiet wohl mit einem neuen Betreiber wiedereröffnen.
Die Phönix GmbH, die zuletzt das Etablissement betrieben hatte, hatte im vergangenen Frühsommer Insolvenz angemeldet hatte. Das Bordell musste schließen, die Prostituierten ihre Zimmer verlassen. „Die Frauen, die dort gearbeitet haben, wurden auf andere Bordelle in den Landkreisen Esslingen, Göppingen und Böblingen verteilt“, sagt eine Mitarbeiterin von Rahab. Die Beratungsstelle ist Teil des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen. Ein Zwei-Frauen-Team berät und begleitet Menschen, die im Landkreis in der Prostitution tätig sind oder waren.
Seitdem das Laufhaus in Stetten geschlossen hat, spiele sich das Geschäft mit dem käuflichen Sex mehr im Privaten ab – in Wohnungen, kleinen Hotels oder Pensionen, haben die beiden Mitarbeiterinnen beobachtet. Auch zu Frauen, die nun in anderen Landkreisen arbeiten, versuchen die beiden Kontakt zu halten – über Handy und Messengerdienste. Sie fragen nach, wie es ihnen geht, bieten ihnen Hilfe an.
Das Team von Rahab hat auch Zutritt zu den Häusern auf den Fildern. 30 bis 40 Frauen haben sie bei ihren Besuchen im Luxor – dem Nachfolgebetrieb des Paradise in Leinfelden-Echterdingen – schon angetroffen. Die Zahl der Frauen dort variiere stark, sie sei davon abhängig, ob gerade Messezeit ist, ob Mottopartys auf dem Programm des Bordells stehen.
Im Laufhaus Stetten hatten laut Rahab zwischen 20 und 30 Frauen gearbeitet. Der Vermieter „hat angeblich einen Nachmieter mit einschlägiger Erfahrung gefunden“, sagt Judith Skudelny auf Nachfrage unserer Zeitung. Die FDP-Politikerin ist Anwältin und war Insolvenzverwalterin der Phönix GmbH. Auf einem Zettel, der auf der Eingangstüre des Prostitutionsbetriebes klebt, ist zu lesen: „Wegen Umbau und Renovierung geschlossen.“ Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell sagt auf Nachfrage: „Die Nutzung Laufhaus ist in dem Gebäude baurechtlich genehmigt.“ Bei einem Betreiberwechsel sei kein neues, baurechtliches Verfahren notwendig.
Mitte November hat ein Unternehmer aus der entsprechenden Branche bei der Stadt eine Anzeige auf Gewerbeanmeldung eingereicht. Er hat einen Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis nach dem Prostituiertenschutzgesetz gestellt. „Wichtig zu wissen ist, dass die Stadt den Antrag nicht einfach pauschal ablehnen kann, weil Prostitution per se nicht erwünscht ist“, betont der Bürgermeister. Vielmehr müsse ihm stattgegeben werden, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen erfüllt, beziehungsweise eingehalten werden. Beispielsweise wird überprüft, ob die Frauen, die in dem Laufhaus arbeiten werden, im Notfall auch Notrufe abgeben können und ihnen dann auch jemand zu Hilfe kommt. „Bisher gibt es keine Gründe, die Genehmigung zu versagen“, heißt es aus dem Rathaus. Sie wird wohl innerhalb der nächsten Wochen erteilt werden.
Eine Stadt, die so groß ist wie Leinfelden-Echterdingen, muss Bordelle und Laufhäuser zulassen, sagt das geltende Gesetz. Die Kommune kann aber festlegen, in welchen Gebieten: In Leinfelden-Echterdingen liegen diese Zonen in den Gewerbegebieten von Echterdingen und Stetten.
Der Eigentümer der Stettener Immobilie lässt sich derweil noch nicht in die Karten schauen. Der Gebäudetrakt, in dem das Laufhaus untergebracht ist, wird renoviert und umgebaut, bestätigt er am Telefon und nach dem Umbau „wahrscheinlich für ähnliche Zwecke“ genutzt werden wie bisher. Alles andere sei noch nicht spruchreif, betont er.
Der Arbeitskreis Prostitution Leinfelden-Echterdingen hat sich derweil vorgenommen, weiter über die Realität der Sexarbeit zu informieren, zu der Menschenhandel und Zwangsprostitution gehören. Er will hinter die oft schön geredeten Kulissen des Gewerbes schauen und wird dazu im kommenden Frühjahr wieder eine Veranstaltungsreihe im Leinfelder Haus anbieten. Anna Schreiber wird dann darüber sprechen, was in Menschen vorgeht, die in der Prostitution tätig sind oder waren. Die Psychotherapeutin hatte in den 1980er-Jahren selbst zwei Jahre lang als Prostituierte gearbeitet.
Die Finanzierung von Rahab ist prekär
Geldgeber gesucht
Die Finanzierung der Beratungsstelle Rahab ist prekär. Sie wurde bisher von der deutschen Fernsehlotterie, dem Landessozialministerium und der Europäischen Union getragen. Ein Teil der Finanzierung läuft zum Ende diesen Jahres aus. Bis Ende 2026 wird die Beratungsstelle noch zu 40 Prozent von der Europäischen Union bezuschusst. Den Rest muss der Kreisdiakonieverband selbst tragen – zumindest dann, wenn keine neuen Geldgeber gefunden werden. Diese werden gesucht. Kontakt: rahab@kdv-es.de.