Das gemeinsame Essen von Lebensmittelspenden auf dem Augsburger Rathausplatz bildete den Höhepunkt des 21. Bundestreffens der Tafeln Deutschlands. Foto: dpa

In über 140 Tafeln im Südwesten erhalten Bedürftige gegen einen geringen Betrag Lebensmittel. Doch die Spenden der Supermärkte decken die gestiegene Nachfrage kaum noch, erklärt Rolf Göttner im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten.

Herr Göttner, immer mehr Bedürftige kommen in die Tafeln – sorgte das beim Bundes­tafeltreffen in Augsburg vor einigen Tagen für Diskussion?
Ja, die immer größer werdende Zahl der ­Bedürftigen, die zur Tafel kommen, war ein wichtiges Thema. Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Kunden der Tafel, und es werden täglich mehr. Das liegt vor allem daran, dass neben Deutschen auch viele Flüchtlinge kommen – derzeit etwa 100 000 bis 120 000.
Welche Schwierigkeiten ergeben sich für die Tafeln daraus?
Uns ist es wichtig, dass wir zunächst einmal alle Bedürftigen annehmen, ohne zwischen Deutschen und Ausländern zu unterscheiden. Wir müssen damit umgehen, dass – wie etwa in Filderstadt – zu den bisherigen 150 Menschen über Nacht 100 Flüchtlinge ­hinzukommen. Das bringt uns an unsere Grenzen, denn die Lebensmittel, die wir verteilen können, sind begrenzt. Ein weiteres Problem ist, dass die Flüchtlinge andere ­Essgewohnheiten haben als wir. Sie decken ihren Eiweißbedarf vor allem über Hülsenfrüchte. Diese Nachfrage können wir nicht immer befriedigen. Wir sind keine Vollversorger.
Besteht eine Lebensmittelknappheit bei den Tafeln?
Ja, das kann man so sagen. Insbesondere in den Orten, wo Flüchtlinge untergebracht sind.
Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?
Wir müssen viel kommunizieren und um Verständnis werben. Wir ermuntern die Tafelkunden zum Teilen, aber das gelingt uns nicht immer. Der Neid ums tägliche Brot wird deutlicher, als es früher der Fall war. Bei manchen Bedürftigen ist das Anspruchsdenken sehr ausgeprägt. Aber wir können nur weitergeben, was wir als Spenden bekommen. Daher bemühen wir uns natürlich auch um mehr Ware.
Wie gehen Sie vor?
Wir werben um weitere Lebensmittelspenden. In zwei Wochen startet ein großer ­Lebensmittelanbieter mit einer Tüten­aktion. Lebensmittel, die in dieser Tüte sind, kann der Kunde für fünf Euro kaufen. Sie gehen dann an die örtliche Tafel. Wir freuen uns sehr über diese Hilfe. Beim Bundes­tafeltreffen waren auch unsere Spender ­vertreten, zum Beispiel Lidl, Rewe und ­Edeka, um nur einige zu nennen. Wir haben offen über unsere Situation gesprochen und volles Verständnis bei den Spendern gefunden. Einer von ihnen hat eine Tütenaktion für Herbst angekündigt.
In Frankreich gibt es seit kurzem ein Gesetz, das Supermärkte zu Lebensmittelspenden verpflichtet. Würde das auch hier helfen?
Mit den Tafeln haben wir eine Möglichkeit gefunden, die im Wirtschaftskreislauf nicht mehr benötigten Lebensmittel einzusammeln. Die gewachsene freiwillige Struktur von 920 Tafeln bundesweit braucht keinen gesetzlichen Zwang. 90 bis 95 Prozent aller Lebensmittelmärkte Deutschlands spenden uns bereits ihre Lebensmittel. Es gibt nur wenige Lücken. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die Lebensmittel, die gespendet werden können, endlich sind. Wir sind an einer Grenze angekommen, darum helfen uns Tütenaktionen, an denen sich Supermarktkunden beteiligen, sehr.
Kommen Sie auch personell an Ihre Grenzen?
Derzeit arbeiten deutschlandweit etwa 60 000 Ehrenamtliche für die Tafeln. In Baden-Württemberg gibt es den höchsten Anteil ehrenamtlich engagierter Bürger, darum leben wir hier quasi in einer Konkurrenzsituation zu anderen Organisationen. Wir könnten noch mehr Helfer brauchen.
Hat sich die Arbeit verändert?
Ja. Wir sind darauf vorbereitet, unseren Kunden in verschiedenen Sprachen erklären zu können, was Tafel ist. Wir müssen auch die Angaben der Inhaltsstoffe übersetzen. Dafür nutzen wir das Internet oder aber Flüchtlinge, die die Sprache bereits können. Zusätzlich bauen wir unsere Kooperationen mit den Arbeitskreisen Asyl und den Betreuern der Flüchtlinge aus.
Was könnte die Politik tun, um Sie zu unterstützen?
Wir werben dafür, dass die Politik die verschiedenen Angebote für Flüchtlinge besser vernetzt. Das würde uns helfen, den Menschen die Hilfe zu vermitteln, die sie brauchen. Doch es geht nicht nur um Flüchtlinge: Etwa zwölf Millionen Menschen in Deutschland leben an der Armutsgrenze. Gewisse Artikel des Grundgesetzes werden von der Politik einfach nicht ausreichend umgesetzt – etwa was die Sozialbindung des Eigentums angeht. Hier muss mehr getan werden.
 

Zur Person – Rolf Göttner

1941 in Aue (Sachsen) geboren

1977 erhält er sein Diplom in Pädagogik an der Universität Tübingen.

Von 1982 bis 2003 arbeitet er als Referent im Diakonischen Werk Württemberg für ambulante Aufgaben der Diakonie vor Ort.

Seit 2006 ist er ehrenamtlicher Vorsitzender des Landesverbands der Tafeln in Baden-Württemberg. (kat)