Von Weil der Stadt nach Burundi: Die Naturschutzjugend schickt einen Container voll mit Fahrrädern auf den Weg nach Afrika. Der Aufwand ist groß – der Nutzen größer.
Sonntagvormittag auf dem Ihinger Hof: Der rote Container, der zwischen den lang gezogenen Gebäuden steht, ist beeindruckend groß. Und er enthält wertvolle Fracht. Rund 300 Räder aller Größen sind darin gestapelt und zwar so, dass möglichst keine Lücken zwischen ihnen sind, damit sie den weiten Transport überstehen.
Die gebrauchten und von vielen Menschen gespendeten Drahtesel haben einen weiten Weg vor sich: Zunächst befördert ein LKW sie zu einem großen Überseehafen, nach Rotterdam oder Hamburg. Von dort geht es per Frachtschiff quer durchs Mittelmeer Richtung Ostafrika. Im Hafen von Daressalam, der Hauptstadt von Tansania, werden sie entladen und per Lastwagen weitertransportiert bis nach Burundi.
Drei Tage lang wird der Container befüllt
Etwa drei Monate werden die Räder unterwegs sein, bis sie in dem afrikanischen Land, etwas kleiner als Baden-Württemberg und seit langem dessen Partnerregion, von der dortigen Caritas-Organisation in Empfang genommen werden, erzählt Anne Mäckelburg von der Naturschutzjugend Weil der Stadt, die zum dortigen Nabu gehört.
Mit einer Schar von Helfern stapelt sie drei Tage lang Fahrräder in den Container. Der 17-jährige Leon aus Weil der Stadt ist dabei „unser bester Mann“, wie sie anerkennend in Richtung des Gymnasiasten sagt. „Ich helfe gern mit“, antwortet dieser eher bescheiden. Beim Stapeln der Räder komme ihm seine Erfahrung mit dem Computerspiel Tetris zugute, sagt er schmunzelnd.
40 Tonnen dürften in dem Container geladen werden. „Doch wir haben immer nur so sechs bis sieben Tonnen“, erklärt Hartmut Bauer. Fahrräder lassen sich halt nicht zusammenquetschen. Hartmut Bauer, der 50 Jahre lang auf dem Ihinger Hof gearbeitet hat, kann einen Teil eines ehemaligen Stalls nutzen, um dort Räder zu lagern. Im Herbst soll noch ein weiterer Container voll mit Rädern Richtung Afrika starten, dann für Projekte in Tansania.
Überschuss an Herrenrädern
Die Räder, die auf dem Ihinger Hof zwischengelagert werden, kommen von überall her. „Im Malmsheimer Begegnungs-Laden bekommen wir zu viele Herrenräder, die wir nicht mehr verkauft bekommen“, berichtet Hartmut Bauer, der in der dortigen Fahrradwerkstatt mitarbeitet. Diese gehen ebenso nach Afrika wie diejenigen, die beim Recyclinghof in Weil der Stadt landen. Der ADFC Kreis Böblingen und der Flüchtlingshilfeverein Böblingen geben Räder weiter, und noch wie viele weitere Gruppen und Privatleute.
Der Container enthält noch andere wertvolle Fracht, Reparaturwerkzeuge etwa, Nähmaschinen, Rollstühle, Gehhilfen. Und ein paar Kisten mit Büchern für den Bischof von Burundi finden ebenfalls Platz. „Für die letzte Reihe im Container brauchen wir immer am längsten, da darf nichts verrutschen“, so die Erfahrung von Anne Mäckelburg, die schon viele Ladungen für Afrika vollgepackt hat. Am Schluss wird die wertvolle Fracht mit alten Fahrradschläuchen gesichert.
Wird der Inhalt des Containers zwar mit Spenden bestückt, so kostet der Transport per LKW und Schiff doch eine ganze Menge Geld. Der gemeinnützige Verein ped-world, bei dem die Biologin Mäckelburg als Projektmanagerin für Tansania mitwirkt, fungiert als Projektplattform, die engagierten Menschen hilft, Herzensprojekte zu realisieren, wie es auf deren Webseite heißt. „Die tragen 75 Prozent der Transportkosten, wir die restlichen 25 Prozent, das sind etwa 2000 Euro“, erklärt Anne Mäckelburg. Pro Container wohlgemerkt. In gut einem Jahr wird sie mit ihren Mitstreitern von der Naju Weil der Stadt fünf Container auf den Weg gebracht haben. Über die Jahre hinweg sind es aber schon viel mehr. Mit „wir“ meint sie übrigens in erster Linie sich selbst: Das meiste zahlt sie aus eigener Tasche.
Der Schlüssel zum Glück
Woher kommt diese große Leidenschaft für Afrika und dafür, den Ärmsten der Armen zu helfen in einem Land wie Burundi, das auf der weltweiten Armutsskala ganz unten steht? Anne Mäckelburg erzählt von ihrer ersten Reise nach Tansania, die sie nachhaltig geprägt habe. Vor etlichen Jahren hat ihre Tochter Lena, die am Sonntag mit ihren Kindern auch unter den Helfern ist, dort ein Praktikum gemacht. „Wir sind in Daressalam angekommen und mir ist das Herz aufgegangen. Die Menschen sind so freundlich und das Land ist so wunderschön“, erinnert sich Anne Mäckelburg.
Gleichzeitig empfand sie die Kontraste zum „Luxusleben“ zu Hause als sehr groß. „Mir tat es leid, was hier alles weggeworfen wird und dort noch gut gebraucht werden kann.“ Und nach einem Moment fügt sie lächelnd hinzu: „Man muss auch mal was Sinnvolles gemacht haben. Das ist schlussendlich der Schlüssel zum Glück.“
Das Rad ersetzt den Bus
In Burundi werden viele Waren mit Fahrradkurieren transportiert, die so ihren Lebensunterhalt verdienen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, deswegen sind die Räder für Menschen auf dem Land und besonders für Schülerinnen und Schüler bestimmt, die oft weite Wege zurücklegen müssen. Frauen und Kinder würden oft bis zu vier Stunden am Tag mit dem Holen von Wasser zu Fuß verbringen. Per Rad geht das deutlich schneller.
Infos für Helfer
Spenden
Wer „Fahrräder für Afrika“ oder anderes spenden möchte, kann sich an anne.maeckelburg@t-online.de wenden.
Abgabe
Hartmut Bauer nimmt gebrauchte Räder über den Malmsheimer Laden e. V. an. Kontaktinfos unter https://www.malmsheimer-laden.de/fahrrad-werkstatt. Auf der Webseite ped-world.org gibt es Informationen über Projekte und Spendenmöglichkeiten.