Jeder Vierte leidet hierzulande innerhalb eines Jahres irgendwann einmal an Nackenschmerzen. Foto: imago/photothek/Thomas Trutschel

Das Halswirbelsäulensyndrom zählt hierzulande zu den Hauptgründen für eine Physiotherapie. Doch bei vielen Therapien ist die Wirkung gar nicht nachgewiesen. Was Betroffene dennoch tun können.

Köln - Die Schmerzen sind hartnäckig und nervtötend, können vom Nacken bis in Kopf und Schulter hinaufziehen – und mitunter haben sie sogar Schwindel und Sehstörungen im Gepäck: Das Halswirbelsäulensyndrom (HWS-Syndrom) kann das Leben zur Qual machen. Jeder und jede Vierte leidet hierzulande im Laufe eines Jahres irgendwann einmal an Nackenschmerzen. In 90 Prozent der Fälle sind diese harmlos, doch die Betroffenen leiden – und suchen Hilfe. Das Halswirbelsäulensyndrom zählt daher in Deutschland zu den Hauptgründen für einen Besuch beim Physiotherapeuten. Doch eine aktuelle Untersuchung im Auftrag des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) meldet nun Zweifel an, ob das wirklich hilfreich ist.

 

Die Forscher fanden gerade mal drei brauchbare Studien zum Nutzen von Physiotherapie beim HWS-Syndrom, in denen zudem unterschiedliche und kaum vergleichbare Anwendungen wie Krankengymnastik und Massage untersucht wurden. Das bedeute, so das IQWiG, dass man eigentlich nicht beurteilen könne, ob der Besuch beim Physiotherapeuten einem HWS-Patienten tatsächlich weiterhelfe. Dazu bräuchte man „weitere qualitativ hochwertige Studien mit ausreichend langer Nachbeobachtungsdauer“.

Physiotherapie mag also im Einzelfall helfen, wenn der Nacken schmerzt – möglicherweise aber auch nicht. Doch das gilt auch für andere Behandlungsmethoden. „Wir haben einfach keine Therapie, die man als Goldstandard für das HWS-Syndrom empfehlen könnte“, erläutert Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM). Was aber nicht heißen soll, dass sich Betroffene den Weg in die Arztpraxis gleich ganz sparen können. Denn Ärzte können – auch wenn es nur in zehn Prozent der Fälle vorkommt – abklären, ob hinter den Nackenschmerzen eine ernsthafte Ursache steckt: etwa Osteoporose, ein Tumor, Unfälle oder bestimmte Medikamente.

Der Hals sollte nicht mit einer Halskrause ruhiggestellt werden

Zudem ist ein fehlender Goldstandard kein Grund für therapeutischen Nihilismus. „Es gibt schon das eine oder andere, was man zur Linderung der Beschwerden unternehmen kann“, betont Scherer, der an den medizinischen Leitlinien zur Behandlung des HWS-Syndroms mitgearbeitet hat. Wichtig sei vor allem, dass der Hals der Patienten nicht mit einer Halskrause ruhiggestellt werde. „Der Patient sollte versuchen, weiter seinen Alltagsaktivitäten nachzugehen“, rät Scherer.

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Um dabei den Bewegungsablauf zu erleichtern, könne man kurzfristig eine Schmerztablette einnehmen, wie etwa Ibuprofen oder Diclofenac. Die lange Zeit üblichen Muskelrelaxantien wie Tetrazepam seien hingegen – aufgrund ihrer Nebenwirkungen – überholt, betont Scherer: „Da würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.“ Ebenfalls überholt: die Spritze. Sie wird zwar von den Patienten oft gewünscht, zwecks einer schnellen Linderung der Beschwerden. „Das bezeichnen wir heute gerne als Dawos-Methode“, sagt Scherer. „Womit gemeint ist: Man spritzt da, wo’s weh tut.“ Doch über einen Placeboeffekt hinaus werde damit keine große Wirkung erzielt.

Womöglich kommen die Schmerzen auch von der Brustwirbelsäule

Besser stehen da schon die Chancen für eine chirotherapeutische Anwendung – also eine Behandlung von Blockierungen der Wirbelsäule. Allerdings hängt der Erfolg auch hier, wie bei der Physiotherapie, wesentlich von demjenigen ab, der sie durchführt. Den – oft von einem deutlich wahrnehmbaren Knacken begleiteten – Manipulationen an der Halswirbelsäule kann Scherer insgesamt nur wenig abgewinnen. „Es sollte eher um eine milde Mobilisation im Hals gehen“, so der Allgemeinmediziner. Da könne es dann auch sinnvoll sein, die Brustwirbelsäule mit einzubeziehen. „Denn mitunter kommen die Nackenschmerzen auch von dort.“

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Das entscheidende Merkmal des Syndroms ist jedoch, dass es in der Regel mit einer Muskelverspannung einhergeht. Gerade ängstliche oder gestresste Menschen leiden oft an Nackenschmerzen, weil sie permanent die Nacken- und Schultermuskeln anspannen – aus der unbewussten Sorge heraus, ihren empfindlichen Hals vor vermeintlichen Angriffen schützen zu müssen. „Deswegen ist man ja überhaupt auf die Idee gekommen, das HWS-Syndrom mit einem Muskelrelaxans zu behandeln“, erläutert Scherer. Aber risikoärmer und keineswegs weniger wirkungsvoll seien da Entspannungsübungen – etwa Yoga, Autogenes Training oder das Tiefenentspannungstraining nach Jacobsen.

Pilates könnte besonders hilfreich sein

Das derzeit im Wellnessbereich stark angesagte Pilates könnte – weil es gezielt auf die tiefer liegenden, kleinen und meist schwächeren Muskelgruppen wirkt – sogar in besonderem Maße hilfreich sein. Es erzielte in einer Studie der Hacettepe University in Ankara einen ähnlich positiven Effekt auf den Nackenschmerz und die Lebensqualität wie Yoga und ein statisches, isometrisches Muskeltraining. „Doch es war das einzige Verfahren, dass auch zu einer Stärkung des Musculus semispinalis capitis führte“, so Studienleiterin Naime Ulug. Dieser Muskel verläuft tief an der Halswirbelsäule und leistet dort einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität. Was bedeuten könnte, dass Pilates nicht nur kurzfristig die Nackenschmerzen lindert, sondern auch langfristig vor ihnen schützt. Und ein wesentliches Problem des HWS-Syndroms besteht ja darin, wie Scherer zu berichten weiß, „dass es zwar oft wieder von allein verschwindet, aber eben auch oft wiederkehrt“.

Ganz tief in die Entspannung führt schließlich eine Studie, die soeben ein italienisches Forscherteam veröffentlicht hat. Darin hat man 64 Probanden entweder eine systematische Einweisung in einen nacken- und rückenfreundlichen Lebensstil gegeben, oder aber vier Wochen lang auf einem „Spring pillow“, also einem Nackenstützkissen mit 60 Taschenfederkernen schlafen lassen. Am Ende hatten die Testschläfer deutlich weniger Schmerzen als die Seminarteilnehmer.

Offen bleibt allerdings, ob das wirklich an den orthopädischen Eigenschaften des Kissens lag. Oder daran, dass es zu einem erholsameren Schlaf geführt hat – und das trägt bekanntlich auch zum Abbau von Muskelverspannungen bei.