In der Schweiz, wo sie einst zur Welt kam, ist Alfonsina Storni nicht allzu vielen ein Begriff – in Argentinien, wohin sie mit ihren Eltern emigrierte, ist die 1938 gestorbene Autorin bis heute ein Mythos. Bei der Lesart rückt Hildegard E. Keller Alfonsina Storni in den Fokus.
Die Lesart präsentiert Jahr für Jahr einige der meist beachteten Neuerscheinungen und deren Autorinnen und Autoren. Doch es zählt auch zu den Vorzügen der Esslinger Literaturtage, dass sie gern mit literarischen Überraschungen aufwarten – so wie in diesem Jahr mit Hildegard Kellers Biografie der Tessiner Schriftstellerin Alfonsina Storni (1892-1938), die in ihrem Geburtsland Schweiz bis heute viel zu wenig beachtet wird, während sie in Argentinien verehrt wird. Die Literaturprofessorin und -kritikerin Hildegard E. Keller möchte Stornis Biografie und Werk auch hierzulande in den Fokus rücken. Sie hat eine Werkausgabe herausgegeben, und sie setzt Alfonsina Storni mit ihrer Biografie „WACH & FREI“ ein bezauberndes Denkmal. Bei den Esslinger Literaturtagen stellt Hildegard E. Keller dieses außergewöhnlich liebevoll gestaltete Werk vor. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt Hildegard E. Keller Einblicke in ihre Arbeit.
Frau Keller, „Ich schreibe, um nicht zu sterben“, hat Alfonsina Storni einst notiert. Sie sind ebenfalls äußerst produktiv. Ist diese Liebe zum geschriebenen Wort etwas, das Sie beide verbindet?
Ja, wir lieben das Wort, ob geschrieben oder gesprochen. Wir drücken uns gern aus, auch mit Bild, Bewegung und Musik, und stehen gern auf Bühnen, vor Publikum. Gleichzeitig leben wir nach innen hin, schöpfen aus der Tiefe. Wie viele kreative Frauen.
Ihr zweibändiges Werk über Alfonsina Storni ist außergewöhnlich zugewandt geschrieben und aufwendig gestaltet – ein literarisches und sinnliches Erlebnis. Braucht eine so ungewöhnliche Frau eine ebenso besondere Würdigung?
Ihre Wahrnehmung freut mich sehr. Ja, ich verstehe mein Tun als Freundschaftsdienst. Wer 15 Jahre lang recherchiert, übersetzt und ein Leben nochmals so durchlebt und beschreibt, dass es Menschen von heute etwas bedeutet, freundet sich an mit diesem Menschen. Es ist eine Herzensverbindung.
In Argentinien ist Alfonsina Storni wohl bekannt – in der Schweiz und auch hierzulande gilt sie bislang eher als Entdeckung. Können Sie sich das erklären?
In Buenos Aires erlebte ich Taxifahrer, die Alfonsina lieben, oft auch Gedichte von ihr auswendig kennen, aber viel mehr nicht. In den fünf Bänden, die ich übersetzt und zusammengestellt habe, könnten sie eine neue, auch im heutigen Argentinien nicht bekannte Storni kennenlernen. Hüben wie drüben gibt es eine Welt zu entdecken.
Wie sind Sie auf Alfonsina Storni aufmerksam geworden?
Diese Frage höre ich oft, deshalb gehe ich im letzten Kapitel der Biografie auf sie ein. Am Anfang stand das weltbekannte Lied „Alfonsina y el mar“, doch richtig spannend wurde es erst, als ich realisierte, dass es diese „Alfonsina“ wirklich gab, dass sie aus dem Tessin stammte, dass sie die berühmteste Schweizer Schriftstellerin ist, die nicht in einer Landessprache geschrieben hat. Ihr ganzes Werk ist argentinisch, geschrieben mit Witz, Scharfsinn und Herz. Sie war mit Leib und Seele Schriftstellerin, Theatermacherin, Feministin.
Ihr Buch trägt den Untertitel „Vom Leben und Weiterleben der Alfonsina Storni“. Was können uns ihre Werke und ihre Biografie heute noch geben?
Der Ausdruck „Weiterleben“ bezieht sich auf den Mythos Alfonsina, den ich in dieser Biografie erstmals zeige. Wie er in Lateinamerika entsteht und dann allmählich nach Europa kommt – eine Art Selbstmord-Star, deren Werk abgehängt wurde. Storni hat sich nicht gerade den leichtesten Lebensweg ausgesucht, aber sie ging mutig ihren Weg. Als ledige Mutter und öffentliche Intellektuelle mischte sie die argentinische Macho-Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts auf und fand prompt auch Widersacher. Alfonsina Stornis Denken passt wunderbar ins Jahr 2024. Ich höre oft, wie frisch und modern ihre Texte seien. Wichtig finde ich auch, dass Follower und Likes sie nicht interessieren. Sie nimmt sich das Recht, eine kreative und kritische Zeitgenossin zu sein.
Zeigt Ihr Engagement für Alfonsina Storni, das Sie als Übersetzerin, Biografin, Performerin beweisen, Wirkung?
Ja. Die sogenannt vergessenen Frauen interessieren stärker denn je. Man weiß, dass der Kanon eine männliche Schlagseite hat. Bei Storni ist das besonders packend, weil sie ja nicht einfach vergessen war, sondern durch ihren Freitod verklärt und radikal reduziert wurde. Zum Glück engagieren Radiostationen und Theater in Deutschland und Österreich berühmte Schauspielerinnen, damit sie Stornis Texte einlesen. Möge nun auch meine Biografie wirken. Ich darf sie auch hier in Esslingen vorstellen, lebendig und bunt. Ich freue mich auf die Lesart.
Außergewöhnliche Frauen
Alfonsina Storni
Die Autorin (1892 – 1938) wurde im Tessin geboren und kam mit vier Jahren nach Argentinien. Mit 19 zog sie nach Buenos Aires und schlug sich als Journalistin, Erzählerin, Theaterfrau und Lyrikerin durch – mit Erfolg. Schwer krebskrank stürzte sie sich in Mar del Plata in den Atlantik. Sie war eine Feministin, ein Freigeist und eine Humanistin der ersten Stunde.
Hildegard E. Keller
Die Literatur-Kritikerin (Bachmannpreis ORF/3sat, Literaturclub SRF), Schriftstellerin, Filmemacherin und Literatur-Professorin beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem literarischen Werk von Alfonsina Storni. In der Edition Maulhelden in Zürich hat Hildegard E. Keller eine von ihr übersetzte Werkausgabe der Texte von Alfonsina Storni herausgegeben. In der Edition Maulhelden ist auch ihre zweibändige Biografie „WACH & FREI. Vom Leben und Weiterleben der Alfonsina Storni“ (je Band 34,80 Euro) erschienen. Mit ihrem eigenen Roman „Was wir scheinen“ und ihrem Film „Brunngasse 8“ hat Hildegard E. Keller ebenfalls ein großes Publikum gefunden. Ihre Tour „Kriminelles Zürich“ ist Kult.
Lesung
Bei den Esslinger Literaturtagen stellt Hildegard E. Keller Alfonsina Storni am Sonntag, 24. November, ab 18 Uhr in einer Erzählperformance im Kutschersaal vor.