Szene aus Nanine Linnings neuem Tanzstück „Hieronymus B.“ Foto: Kalle Kuikkaniemi

Als Niederländerin ist Nanine Linning mit der Bildwelt des Malers Hieronymus Bosch groß geworden. Jetzt nimmt die Choreografin, die seit 2012 in Heidelberg die Tanzsparte leitet, den 500. Todestag des Künstlers zum Anlass, um dessen Bildwelt zum Leben zu erwecken.

Ist die Welt so schön überschaubar? Oben der Himmel, unten die Hölle? Im Licht schillernde Erlösungswesen da, im Finstern wimmelndes Getier dort? Wie auch immer: Im Heidelberger Theater wird das Publikum nicht einfach zur Premiere von Nanine Linnings neuem Tanzstück eingelassen, sondern in zwei Hälften geteilt. Die mit den roten Bändchen gehen auf verschlungenen Wegen hinter die Bühne, die mit den blauen direkt in den Marguerre-Saal.

Dass die Annäherung an die Bildwelt des niederländischen Malers Hieronymus Bosch von zwei Seiten stattfindet, ist einer der raffinierten Einfälle dieses Abends. Und ein bewährter. Schon Linnings Tanzkonzert „Requiem“ nutzte auch die Hinterbühne, um Zuschauer zwischen lebendigen Skulpturen wandeln zu lassen. 2011 hatte das monumentale Projekt in Osnabrück Premiere, mit 90 Akteuren fragte die Choreografin damals, wie sich Leben und Tod bedingen.

Nun steht in Heidelberg, wo die Choreografin aus Amsterdam seit 2012 die Tanzsparte leitet, die Bildwelt ihres Landsmanns Hieronymus Bosch im Fokus. Wieder ist das Künstlerduo Les deux garçons mit im Boot, dieses Mal setzt es Einfälle aus Boschs Bestiarium plastisch um und gab den Heidelberger Werkstätten reichlich zu tun. Die Hinterbühne bevölkern bizarre Wesen, ein Mann trägt Trichterhut und Entenmund, ein grünes Flügelwesen einen Trompetenrüssel, ein Narr sein Schiff wie einen Bauchladen. Die Tänzer dazwischen geben in hautfarbenen Trikots die entblößten Menschlein, von denen Boschs Bilder nur so wimmeln. Sie schlängeln sich am Boden, werden von einem Riesenohr geboren, winden sich durch Schlüsselring und Harfensaiten.

Bis sie der Tanz aus allem irdischen Vegetieren erhebt, bleibt viel Zeit zum Wundern. Reicht es als Motor für ein Bühnenstück, Boschs surreale Bildwelt aufzublasen und nahezu unkommentiert in Bewegung zu versetzen? Haben Tänzer nichts Besseres zu tun, als Skulpturen und Gemälde lebendig zu machen? Als fischmäulige Drachen sind sie auch auf der Vorderbühne unterwegs und hauchen den Projektionen, die im Saal die andere Hälfte des Publikums in Leben und Zeit des 1516 gestorbenen Malers einführen, ein wenig Theater-Atem ein.

Als der Blick auf den Tanz das geteilte Publikum erstmals eint, weitet sich auch die enge Perspektive von „Hieronymus B.“. „Tanz durch Hölle und Paradies“ nennt Nanine Linning ihr Stück im Untertitel und deutet doch kurz an, dass die Dinge komplizierter liegen, dass unten nicht nur Todsünden wie die Wollust lauern. Ist Nähe nur Utopie oder auch Möglichkeit?, scheinen die kurzen Tanzszenen zu fragen, deren Interpreten sich in weichen Bewegungen wie in Zeitlupe an ihr Gegenüber, an den Raum, an die Musik schmiegen. Der Tanz bringt sie dem Himmel ein Stück näher – auch weil die Bühne nach oben fährt und gleichzeitig die Musiker aus der Unterwelt holt. Ihre Instrumente sind nicht wie in einer von Boschs Höllendarstellungen Folterwerkzeuge, sondern schmeicheln mit Klängen von Purcell, Dowland, Händel, Scarlatti und der Stimme von Countertenor Artiem Krutko.

Doch nach der Pause ist das Stück zurück im Finstern. Ganz konventionell auf der Bühne gelandet, kriechen Linnings Tänzer wie Würmer aus den Wurzeln eines Baums, begleitet von klagendem polyfonem Gesang vom Band und vom aufpeitschenden Wispern einer Neukomposition von Michiel Jansen. Apokalypse also! Der Baum der Erkenntnis ist kahl, als Früchte trägt er später die goldenen Käfige, aus denen sich die Krone der Schöpfung windend befreit hat.

Der sich überall hinschlängelnde Mensch hinterlässt verbrannte Erde, so denkt sich „Hieronymus B.“ ins Heute weiter. Virtuos verbeißen sich ein schwarzer und ein weißer Tänzer ineinander, halten in grotesken Bildern inne. Wer den Tanz als Kunst der Bewegung, nicht der Kostümierung liebt, freut sich über diese Befreiung des Körpers, auch wenn er immer wieder zu Boden gedrückt oder wie von Hieben aufgepeitscht wird, auch wenn ihn Linning ins Hohlkreuz zwingt und verwindet.

Das ist spektakulär anzuschauen, bis eine Erlösungsszene den (tänzerischen) Aufbruch unter einem Guss aus Kitsch einfängt. Engel und Himmelsleitern schweben herab. Raus aus der Hölle, rein ins Paradies: Adam und Eva räkeln sich auf einem Granatapfel, als sei seit den schwülstigen Heiligeninszenierungen, die das Künstlerduo Pierre et Gilles in den 1980ern erfand, keine Zeit vergangen. Werden Boschs gewaltige Bildfindungen zu billig in Theatereffekte umgemünzt? Das Publikum nahm den Abend als Fest fürs Auge und jubelte; schließlich hat Nanine Linning die Heidelberger Tanzwelt wieder in schöne Ordnung gebracht.

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